Verkehr

Indirektes Abbiegen: Hamburger Radfahrer verwirrter denn je

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Jakob Drechsler

Reeperbahn-Kreuzung offenbart eigenwillige Verkehrsführung. Ein Experten-Video zeigt: So können Radfahrer in Hamburg abbiegen.

Hamburg. Wer sich mit dem Fahrrad durch Hamburgs Innenstadt bewegt, benötigt mitunter nicht nur starke Nerven, sondern auch guten Durchblick. Zwar bemüht sich die Stadt, das vom rot-grünen Senat abgegebene Versprechen der Fahrradstadt so generös wie möglich einzulösen. Doch in manchen Fällen endet das Vorhaben zum Teil in Verwirrung für Radfahrer.

Wie etwa an der Kreuzung Reeperbahn/Pepermölenbek/Königstraße/Holstenstraße auf St. Pauli, die gerade drei Monate lang umgebaut wurde – eben auch, um den Verkehrsfluss zu verbessern. Neben separaten Rechts- und Linksabbiegerspuren für Autos haben dort auf der Straße auch Radfahrer eine eigene Spur erhalten.

Schwierige Interpretation der Markierungen

Die Markierungen für den Radstreifen sind allerdings nur im Kreuzungsbereich aufgemalt, aus Richtung Königstraße kommend, verliert sich die Fahrradspur bei Einfahrt in die Reeperbahn wieder im Nichts. Wer ohnehin vorhat, noch vor der Reeperbahn links abzubiegen, muss sich auf eine auf den ersten Blick eigenwillig anmutende Verkehrsführung einlassen.

Denn die Markierungen geben vor: Einfahren in die Kreuzung, dann einen Schlenker nach rechts in die Haltebucht und dort dann das Fahrrad zum Abbiegen um 90 Grad umsetzen. Anschließend muss entweder sichergestellt werden, dass hinterrücks die Ampel für Linksabbieger noch grün zeigt, der Geradeaus-Verkehr aber schon durchgefahren ist.

ADFC ist grundsätzlich einverstanden

Oder der Fahrradfahrer nimmt weitere Wartezeit in Kauf und setzt erst dann seine Fahrt fort, wenn die auf der gegenüber liegenden Seite neu angebrachte Fahrradampel wieder auf grün springt. "Es gibt schönere Plätze, als auf einer Kreuzung zu warten", sagt Dirk Lau vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub in Hamburg (ADFC), der die Möglichkeit des sogenannten "indirekten Abbiegens" grundsätzlich gutheißt.

ADFC-Flyer: So biege ich richtig ab

"Die Geradeausspur links vom Rechtsabbieger ist für den Radverkehr gut, weil sie den potenziellen Konflikt zwischen Auto- und Radverkehr nicht in der hektischen Abbiegephase, sondern vorher zu lösen versucht", sagt Lau. Von Autofahrern höre der ADFC häufig, dass sie den Radverkehr dort besser wahrnähmen.

Später Spurwechsel als Risiko

Im Fall der vielbefahrenen Kiez-Kreuzung sieht Lau die Einrichtung des indirekten Abbiegens allerdings nicht optimal umgesetzt, was neben der zusätzlichen Autospuren auch an dem riskanten Übergang vom Fahrradweg auf die Straße liege. Grundsätzlich sei es nämlich Radlern dort auch weiterhin erlaubt, auf der Straße über den Auto-Abbieger direkt nach links abzubiegen.

Ein unmittelbarer Wechsel vor der Kreuzung von der Radspur über zwei Autofahrstreifen hinweg auf die Abbiegespur sei jedoch geradezu lebensgefährlich. Sprich: Radfahrer müssten sich schon äußerst früh entscheiden, ob sie auf der Straße fahren und damit an der Kreuzung direkt abbiegen möchten oder konsequent den Radweg nutzen und somit im weiteren Verlauf die indirekt Variante bevorzugen.

"Man muss sich rechtzeitig einordnen", sagt Lau. Dies sei überhaupt eine Maxime, die in Hamburg von vielen Verkehrsteilnehmern oftmals ignoriert werde, so etwa auch vor dem engen Lessingtunnel in Altona.

Immer mehr indirektes Abbiegen in Hamburg

So oder so müssen sich Fahrradfahrer an immer mehr Straßenkreuzungen mit der Option "Indirektes Abbiegen" gewöhnen. Nach Angaben der Verkehrsbehörde existieren alleine in Hamburg bereits mehr als hundert solcher Linksabbieger. "Der Vorteil ist, dass indirektes Abbiegen auch für weniger routinierte Radfahrer eine komfortable Lösung darstellt", sagt Behördensprecher Richard Lemloh.

Noch komfortabler wäre für den ADFC rund um die neu gestaltete Kreuzung am Pepermölenbek die Einrichtung von Tempo-30-Zonen auf der Holstenstraße oder Reeperbahn - wenn dort schon der Radstreifen nicht weitergeführt werde. Hamburg wolle schließlich Fahrradstadt sein, räume dem Radverkehr aber keine Priorität ein wie etwa Oslo.

"Die Krux: Man will es allen Recht machen"

In Norwegens Hauptstadt soll der Anteil von Radfahrern am Gesamtverkehr von derzeit rund acht Prozent bis zum Jahr 2025 auf 16 Prozent verdoppelt werden. Rund 450 Millionen Euro will die Stadtregierung dort in die Förderung des Fahrradverkehrs investieren.

Tipps zum sicheren Abbiegen

"Einen solchen Paradigmenwechsel traut sich der aktuelle Senat nicht", klagt Dirk Lau auch nach dem gerade erst geschlossenen Hamburger "Bündnis für den Radverkehr", durch das bis 2018 weitere rund 33 Millionen Euro zum Ausbau der Veloroute freigesetzt werden. "Die Krux ist: Man will es allen Recht machen. Die logische Konsequenz sind dann solche Kreuzungen wie an der Reeperbahn."