Meinung
Hamburger Kritiken

Eine schrecklich nette Familie

Das Hamburger Rathaus gleicht mitunter einem Mehrgenerationenhaus – Senatorensöhne „erben“ die Macht ihrer Väter

Geht es um die USA, haben viele Deutsche schnell die passende Meinung zur Hand. Die Amis gelten in gewissen Kreisen generell als so unterbelichtet wie übergewichtig. Das jüngste Argument ist der US-Wahlkampf, den die Deutschen seit Jahren mit einer Mischung aus Faszination (Obama am Brandenburger Tor) und Ekel (Konfetti, Cheerleader, Show) beobachten. Spätestens seit dem Wahlmaschinendesaster in Florida 2000 gilt die USA als demokratisches Entwicklungsland. Nun belustigen sich viele Deutsche daran, dass das höchste Präsidentenamt offenbar nur noch zwischen zwei Familiendynastien hin- und herwechselt – gewinnt Bush der Dritte, oder doch Clinton, die Zweite? Ach, Amerika!

In Hamburg ist alles ganz anders: Für den Boulevard ist die Sache spätestens seit dem Kantersieg der SPD bei der Bürgerschaftswahl 2011 klar. Olaf Scholz, so machtbewusst wie omnipräsent, ist mehr als nur Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt – er ist „König Olaf“. Schon seltsam, dass populäre Politiker in einer Demokratie ausgerechnet mit Monarchen verglichen werden, mit denen Deutschland nach Friedrich dem Großen ja eher unglücklich unterwegs war, um es höflich zu formulieren. Auch sonst wirkt das Bild schief: Durch Familienbande vererbte Position erinnern doch sehr an vordemokratische Zeiten. Heute sind wir Gott sei dank weiter. Oder? Auch die republikanische Sozialdemokratie hat einen kleinen Schlag ins Aristokratische oder Amerikanische. So scheint der rote Stammbaum nicht die schlechteste Zusatzqualifikation in einem Hamburger Lebenslauf zu sein.

Kürzlich sorgte eine Personalie für Aufregung. Es ging um das wichtige Amt des Hochbahn-Chefs, des obersten Herrn über Hamburgs Busse und Bahnen. Philip Nölling soll der Wunschkandidat von Hochbahn-Vorstand Günter Elste gewesen sein, der von 1989 bis 1996 Fraktionschef der SPD war. Auch Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof (SPD), Vorsitzender der Findungskommission, war dem Vernehmen nach von Nölling überzeugt. Für Argwohn sorgte in der Öffentlichkeit der sozialdemokratische Stallgeruch. Sein Vater Wilhelm Nölling war zwischen 1974 und 1982 zunächst Gesundheits-, dann Wirtschafts-, dann Finanzsenator. Man wollte schon den bösen alten Satz des FDP-Politikers Ingo von Münch zitieren: „Wo immer man in Hamburg hinfasst, man fasst in rote Grütze.“ Es kam anders: Nölling ging leer aus. Aber so wenig, wie ein roter Stammbaum für Karrieren qualifiziert, darf er zum Ausschlusskriterium werden.

Dann würden sich die Reihen in der Hamburger SPD gefährlich lichten. Hauke Wagner etwa gilt als großes Talent der Partei und sehr gut vernetzt – von Schaden ist es da sicher nicht, dass sein Vater Eugen gleich 18 Jahre im Senatsgehege saß, als Bausenator unter den Bürgermeistern Klaus von Dohnanyi, Henning Voscherau und Ortwin Runde wie eine graue Eminenz schaltete und waltete. Als weiteres SPD-Talent gilt Nils Weiland, der als Mitglied der SPD-Delegation die Koalitionsverhandlungen mit den Grünen geführt hat. Sein Vater Gerd Weiland saß von 1970 bis 1997 in der Bürgerschaft und war lange Jahre Vorsitzender des Haushaltsausschusses. Sohn Nils tritt nun als Stellvertreter im SPD-Landesvorstand in dessen Fußstapfen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er als Insolvenzverwalter der Roten Flora bekannt – hier half er Scholz, den Konflikt um das besetzte ehemalige Musicaltheater abzuräumen. Da fiel manchem das legendäre Münch-Zitat dann doch wieder ein.

Ein weiterer Senatorensohn läuft sich schon warm: Joachim Seeler, Mitglied im SPD-Landesvorstand, könnte in zwei Jahren Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) beerben, den nicht alle für einen Leistungsträger im Senat halten. Seeler arbeitete bis vor Kurzem im Vorstand der Lloyd Fonds AG. Sein Vater Hans-Joachim wiederum war Senator des Gesundheitsamtes unter Herbert Weichmann, wechselte unter Peter Schulz an die Spitze der Justizbehörde. Von 1974 bis 1979 war er Finanzsenator.

Und dann wäre da ja noch Christoph Krupp, der mächtige Chef der Senatskanzlei. Sein Vater Hans-Jürgen Krupp war zwischen 1988 und 1993 erst Finanz- und dann Wirtschaftssenator sowie Zweiter Bürgermeister. Mal sehen, ob seine Enkel Lokomotivführer werden ...