„Für Olympia müssen wir mehr tun“

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Rainer Grünberg

CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich fordert von Bürgermeister Scholz stärkeres Engagement für Spiele in Hamburg

Hamburg. Dietrich Wersich, 50, Spitzenkandidat der CDU im Bürgerschaftswahlkampf, ist ein passionierter Radfahrer und ein ebenso leidenschaftlicher Fußballer bei den Rathauskickern. Olympische Spiele sind für ihn eine Herzensangelegenheit, sie würden in einer abgespeckten Form auch gut nach Hamburg passen. Für die Stadt wären sie eine „Jahrhundertchance“.

Hamburger Abendblatt: Herr Wersich, der Deutsche Olympische Sportbund hat in Dresden einstimmig beschlossen, sich im nächsten Jahr mit Berlin oder Hamburg um die Austragung Olympischer und Paralympischer Sommerspiele für 2024 oder 2028 zu bewerben. Hat Hamburg in diesem Wettbewerb überhaupt eine Chance gegen die Hauptstadt?
Dietrich Wersich: Hamburg hat mit kompakten Spielen am Wasser und in der City das bessere Konzept. Das sage nicht nur ich, das höre ich von den unterschiedlichsten Seiten. Unsere Stadt würde durch Steigerung ihrer Bekanntheit wirtschaftlich auch deutlich stärker von Olympia profitieren als Berlin, die Hauptstadt. Dort fallen diese Effekte weit geringer aus. Mit Spielen in Hamburg könnten wir ein anderes Deutschland-Bild transportieren, das nicht geprägt ist vom Lederhosenimage. Hamburg steht für Weltoffenheit, Toleranz, Vertrauen, Verlässlichkeit, für hanseatische Werte. Diese würden wir in die Welt ausstrahlen.

Die Zustimmung in der Stadt ist – ähnlich wie in Berlin – gespalten. Die Jüngeren sind mit klarer Mehrheit dafür, die Älteren überwiegend skeptisch.Wersich: Diese Skepsis kann ich zum Teil verstehen, die berechtigte Frage lautet ja: Was bringt mir Olympia? Uns geht’s doch gut! Meine Antwort ist: Erbe verpflichtet! Wir haben eine so tolle Stadt von unseren Vorfahren geerbt, weil Generationen vor uns fleißig waren und die richtigen Entscheidungen für die Zukunft getroffen haben, die uns bis heute gut leben lassen. Deshalb mein Appell: Gebt der Jugend der Stadt die Chance auf Olympia, gebt ihr die Möglichkeit, die Welt nach Hamburg einzuladen. Es ist unsere Pflicht, unseren folgenden Generationen diese Jahrhundertchance nicht zu verbauen. Unser Auftrag muss doch sein, dass Hamburg auch in den nächsten Jahrzehnten diese großartige Stadt bleibt. Wir müssen uns heute neue, mutige Ziele setzen. Das ist mit großen Anstrengungen verbunden. Und dass die Jugend dazu bereit ist, ist ein überaus ermutigendes Zeichen.

Olympia kostet Milliarden. Wären die wirklich sinnvoll investiert?
Wersich: München wäre ohne die Spiele 1972 und den umsichtigen Beschlüssen wahrscheinlich immer noch das Dorf am Rande der Alpen, der FC Bayern heute nicht der dominierende deutsche Fußballclub. Hamburg würde mit Olympia weltweit in eine andere Liga der Bekanntheit aufsteigen. Das lockt nicht nur Touristen an, auch Betriebe, Wissenschaftler, Studenten, Familien. Neues Know-how käme in die Stadt, jeder Einzelne könnte davon profitieren. Ein stolzer Gastgeber zu sein, würde zudem in der Stadt eine ungeheuer zusammenschweißende Wirkung entfalten, ein nachhaltig positives Lebensgefühl erzeugen. Da müssen wir uns nur an das Fußball-Sommermärchen 2006 erinnern. Die WM hat Deutschland positiv verändert, in der äußeren Wahrnehmung und in der inneren Befindlichkeit. Wir sind wieder selbstbewusster geworden.

Der Zuschlag des DOSB für Berlin oder Hamburg hängt weitgehend an einer Meinungsumfrage, die der Sportbund Mitte Februar in beiden Städten durchführen lassen wird. Tut Hamburg genug, um die Zustimmung von zuletzt 53 auf die notwendigen 60 Prozent zu steigern?
Wersich: Für die am Freitag vorgestellten Initiativen bedeutender Hamburger Bürger bin ich sehr dankbar. Aber der Bürgermeister hätte sich längst an die Spitze der Bewegung stellen müssen. Sein schmallippiges „Ja“ lässt doch viele glauben, ein „Nein“ zu sein. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat vor Gleichgültigkeit gewarnt. Damit meinte er nicht nur die Bevölkerung, auch die Verantwortlichen in der Politik. Ich verstehe nicht, dass der Mann an der Spitze der Stadt in einer derart entscheidenden Frage so wegtaucht. Dadurch könnte Hamburg gegenüber Berlin ins Hintertreffen geraten.

Olaf Scholz hat sich in Gesprächen mit Repräsentanten des deutschen Sports wiederholt klar zu Olympia bekannt.
Wersich: Das reicht nicht, wenn wir jetzt bis zur Umfrage im Februar Hamburg begeistern wollen. Und völlig unverständlich ist mir, warum der Bürgermeister bei dieser für Hamburg so wichtigen Frage unser Angebot, parteiübergreifend zusammenzuarbeiten, nicht angenommen hat. Er hat nicht einmal darauf geantwortet? Irgendwie ist das unhanseatisch.

Wird Olympia jetzt Thema des Bürgerschafts-Wahlkampfes?
Wersich: Das Programm der CDU enthält ein klares Bekenntnis zu Olympia. Mir geht es bei diesem Thema nicht um Konflikt, sondern um Konsens. Wir brauchen ein breites Bündnis auch in der Politik. Wir werden bei den Haushaltsberatungen in der Bürgerschaft beantragen, dass auch die Stadt für die Informations- und Motivationskampagne im Vorfeld der Meinungsumfrage zusätzlich 250.000 Euro bereitstellt. Die Stadt muss jetzt mehr tun, um die Zustimmung zu steigern.

Olympia kostet sehr viel Geld. Geht das zulasten anderer gesellschaftlicher Bereiche? Das befürchten viele Hamburger.
Wersich: Olympia wird keine Verteilungskämpfe auslösen. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass die Stadt dank Olympia insgesamt prosperiert. Davon werden alle Bereiche profitieren. Dann können wir auch mehr bewegen als zuvor. Olympia bringt direkte Impulse für die allgemeine Infrastruktur, für den Verkehr, den Wohnungsbau, das Handwerk, für Restaurants und Hotels, für die Kultur und für unseren Medienstandort. Es wäre keine kluge Stadtpolitik, würde man das gesamte Gemeinwesen nicht immer im Blick behalten.

Das Internationale Olympische Komitee wird am Dienstag in Monte Carlo Reformen zur Durchführung Olympischer Spiele beschließen. Reichen diese aus, um in Hamburg die Akzeptanz von Olympia zu erhöhen?
Wersich: Ich sehe da viele weitsichtige und mutige Ansätze, zum Beispiel, dass sich das IOC erstmals auch an den Bewerbungskosten beteiligen soll und stärker auf die Bedürfnisse der Städte eingehen will. Die Richtung stimmt, weg vom Gigantismus. Keine Denkmäler, sondern auch temporäre Stadien und Hallen, die später anders genutzt werden, bei uns etwa als Kreuzfahrtzentrum und als Mehrzweckveranstaltungshalle. In dieser Form kann ich mir Sommerspiele in Hamburg sehr gut vorstellen. Grundsätzlich halte ich die olympische Idee von Fairness, friedlichem Wettbewerb und Völkerverständigung und Frieden weiterhin für faszinierend, sodass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. Wir sollten Olympia nicht leichtfertig anderen überlassen.