Schulpolitik

Der Kampf ums Hamburger Gymnasium beginnt

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Insa Gall

G8 oder G9 in Hamburg? Die Initiative für Verlängerung der Schulzeit rüstet sich für das Volksbegehren. Bis Anfang Oktober muss sie mehr als 62.000 Unterschriften sammeln. Auch die Gegner planen Aktionen.

Altstadt. Mit der Sommerruhe, die sich in den Ferienwochen über die Schulpolitik gelegt hat, ist es vorbei. Nach dem Start ins neue Schuljahr rüsten sich die Initiativen mit Hochdruck für das bevorstehende Volksbegehren zur Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien – allen voran die Initiative „G9-Jetzt-HH“, die vom 18. September bis zum 8. Oktober mindestens 62.732 Unterschriften für ihr Anliegen sammeln muss, um im kommenden Jahr einen Volksentscheid durchzusetzen.

Eine Kommandozentrale gibt es bereits. Am Donnerstag eröffnete die Initiative um Mareile Kirsch ihr Kampagnenbüro, das in den kommenden zehn Wochen als Anlaufstelle für Unterschriftensammler und Eltern dienen soll. Die Räume an der Steintwiete 11 liegen nahe dem Rödingsmarkt, etwas versteckt in einer Seitenstraße. Mit den hellen Wänden, großen Fenstern und dem Holzfußboden erinnern sie an einen Loft, vor der Stahltür zur Straße liegt eine kleine Rampe, bisher wurden im Gebäude Fossilien von der Galerie nebenan ausgestellt. „Mit dem Büro bekommen wir eine Adresse, wo Menschen uns nicht nur im Internet, sondern ganz real finden können“, sagte Kirsch zur Eröffnung.

Derzeit ist das Elternbündnis dabei, Unterstützer zu werben, die sich bereit erklären, in den entscheidenden drei Wochen Unterschriften zu sammeln. Täglich bekomme sie Mails von Freiwilligen, berichtete Kirsch, auch auf Einschulungsfeiern an Gymnasien habe sie sehr viel Unterstützung erhalten. Der Verteiler sei bereits ziemlich umfangreich. „Ich habe das Gefühl, das Thema nimmt vehement an Fahrt auf.“ Ihr und ihren Mitstreitern gehe es beim Volksbegehren nicht nur um den Schulstress, den G8 für die Gymnasiasten bedeute, sondern um die Qualität von Bildung, die „Grundlagenwissen vermitteln muss, mit dem die Kinder ins Leben gehen können, anstatt die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erfüllen“. Bildung dürfe nicht auf ihre ökonomische Verwertbarkeit verkürzt werden.

Seit Donnerstag können Bürger ihre Unterschrift bereits vorab über die Briefeintragungsstelle im Bezirksamt Mitte abgeben. Eine Plakatkampagne der Initiative „G9-Jetzt-HH“ ist in Vorbereitung, die Werbung für die Schulzeitverlängerung an den Gymnasien soll stadtweit aushängen, besonders aber im Umfeld von Schulen. Unterstützung, glaubt die Initiative, bekomme sie vor allem von den Eltern jüngerer Kinder, die jetzt eingeschult werden, die Grundschule besuchen oder gerade auf ein Gymnasium gewechselt sind. „Der große Zuspruch, den wir bekommen, motiviert und trägt uns“, so Kirsch. „Ich bin überzeugt, dass wir locker 70.000 Unterschriften zusammenbekommen werden.“ Aber: Die Initiative habe das Volksbegehren durchgesetzt, aktiv werden müssten die Hamburger, die eine längere Gymnasialzeit wünschten, nun selbst.

Das wollen die Gegner der Schulzeitverlängerung verhindern, auch sie rüsten sich im Kampf um Stimmen und Stimmung. Heute wollen prominente Mitglieder des Elternbündnisses „Wir wollen lernen“, das 2010 eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre mit einem Volksentscheid verhindert hatte, auf dem Rathausmarkt dazu aufrufen, nicht für die Schulzeitverlängerung zu unterschreiben. Darunter sind Heike Heinemann, Ulf Bertheau, Susanne Gernandt, Frank Solms Nebelung, Ute Schürnpeck und die FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Anna von Treuenfels. In der Einladung zu der Aktion bezeichnen sie sich ausdrücklich als „WWL-Mitstreiter“ – ein weiteres Zeichen des Bruchs, der mittlerweile durch das Bündnis der Primarschulgegner geht. WWL-Sprecher Walter Scheuerl bezeichnete diese unterschiedlichen Sichtweisen in seiner Gruppe am Donnerstag in einer Rundmail selbst als bemerkenswert. Er ist wie seine frühere Mitstreiterin Mareile Kirsch für die Wiedereinführung von G9 als Option.

Die Gegner der Schulzeitverlängerung in der Initiative „Schulfrieden“ haben Flyer und Aufkleber drucken lassen, die sie auf Ständen und Stadtteilfesten verteilen wollen. Zudem wollen sie in der kommenden Woche eine Online-Petition starten, an der sich möglichst viele G8-Anhänger beteiligen sollen – um der G9-Initiative und ihrer Unterschriftensammlung zahlenmäßig etwas entgegenzusetzen. Geplant sind Anfang kommender Woche mehrere Podiumsdiskussionen an Schulen. Die Vereinigungen der Schulleiter an Gymnasien und an Stadtteilschulen rufen darüber hinaus erstmalig mit einem gemeinsamen Flyer dazu auf, keine Unterschrift beim Volksentscheid zu G9 am Gymnasium zu leisten.

Einige Stadtteilschulen veranstalten am Montag im Politikunterricht einen Projekttag zur Schulzeitverlängerung. Vereinzelt soll den Schülern dafür ausschließlich Material der G9-Gegner verteilt worden sein, was bei der Initiative „G9-Jetzt-HH“ für Ärger sorgte. „Wir gehen dem nach, wenn es zu einseitiger Information kommen sollte, verbieten wir das“, hieß es aus der Schulbehörde.