G9 oder G8

Nächster Schritt zum Volksbegehren in Hamburg

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Peter Ulrich Meyer

G9-Initiative legt Abstimmungstext vor. Eltern sollen sich vor Wechsel aufs Gymnasium auf acht oder neun Jahre festlegen. Alle fünf Fraktionen der Bürgerschaft sind gegen die Rückkehr zu G9 an den Gymnasien.

Hamburg. Die Volksinitiative „G9-Jetzt-HH“ hat den Abstimmungstext für das Volksbegehren mit den Forderungen zur Verlängerung der Schulzeit am Gymnasium bei der Senatskanzlei im Rathaus eingereicht. Jetzt ist klar, worüber genau die Hamburger vom 18. September an drei Wochen lang abstimmen können.

Die Kernforderung der Initiative bleibt unverändert: Der neunjährige Bildungsgang zum Abitur (G9) soll „unverzüglich“ an allen Gymnasien wieder eingeführt werden. Dabei soll es ein Wahlrecht für alle Eltern zwischen G9 und dem bislang allein existierenden, um ein Jahr kürzeren G8 an allen Standorten geben. Neu ist die Formulierung, dass die Eltern die Entscheidung zwischen den beiden Bildungsgängen einmalig bei der Anmeldung ihres Kindes zur fünften Klasse treffen. In dem bislang gültigen Abstimmungstext war auch ein Wechsel zwischen beiden Systemen zu späteren Zeitpunkten nicht ausgeschlossen.

Eine Übergangsregelung ist jetzt einmalig nur für die Schüler vorgesehen, die zum Zeitpunkt der Einführung von G9 als Viertklässler schon für ein Gymnasium angemeldet sind oder bereits ein Gymnasium besuchen. Von G8 zu G9 können allerdings nur die Gymnasiasten wechseln, die zum Zeitpunkt der Einführung die Klassen 5, 6 oder 7 besuchen. Diese Änderungen sind das Ergebnis intensiver Gespräche der Initiative mit der Senatskanzlei und dem Landeswahlleiter. Dabei ging es um die Frage, welche Korrekturen nach dem Volksgesetzgebungsgesetz in einem laufenden Verfahren erlaubt sind. Tatsächlich sind die Grenzen eng, und der Tenor des Anliegens der Volksinitiative darf nicht verändert werden.

„Wir zeigen mit unseren Forderungen, wie man G9 an Gymnasien praktisch, schnell und unkompliziert umsetzen kann“, sagte die Initiativensprecherin Mareile Kirsch. Die einmalige Entscheidung für G8 oder G9 und damit der Verzicht auf eine Wechselmöglichkeit zu jedem späteren Zeitpunkt erleichtere die Einführung und Organisation von G9 am Gymnasium. „Die Umsetzung führt nicht zu jahrelangem Chaos, wie die Gegner von G9 immer wieder behaupten“, sagte Kirsch.

Alle fünf Fraktionen der Bürgerschaft – SPD, CDU, Grüne, Linke und FDP – sind gegen die Rückkehr zu G9 an den Gymnasien. Verhandlungen zwischen der G9-Initiative und der allein regierenden SPD über einen möglichen Kompromiss waren allerdings erfolglos verlaufen. Auch die Schulkonferenzen der 60 Gymnasien hatten sich weit überwiegend für den Erhalt des kürzeren Wegs zum Abitur ausgesprochen. G9-Gegner hatten vor allem die Forderung nach einer „unverzüglichen“ Einführung von G9 an allen Standorten als nicht realisierbar kritisiert. „Der Text, den die Initiative jetzt vorgelegt hat, enthält nur kleinste Veränderungen“, sagte der SPD-Schulpolitiker Lars Holster. „Das ist kein großer Wurf.“

Die CDU-Schulexpertin Karin Prien kündigte an, rechtlich prüfen zu wollen, ob die von der Initiative vorgenommenen Änderungen überhaupt zulässig seien. „Schon die einmalige Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 für alle Schüler der Unterstufe wird zu chaotischen Verhältnissen führen“, sagte Prien. Das Y-Modell, also das von der Volksinitiative vorgeschlagene parallele Angebot beider Systeme an allen Standorten, sei der „falsche Weg“. Die CDU-Politikerin bedauerte, dass die G9-Initiative mit der ursprünglichen Fassung ihrer Forderungen „Verhandlungsmöglichkeiten verbaut“ habe.

Initiativensprecherin Kirsch erneuerte ihre Kritik am jetzigen Schulsystem. „Die Qualität der Schulen leidet unter G8, und die Hochschulreife der Schulabgänger ist gefährdet“, so Kirsch. Den Vorwurf, der Initiative ginge es ausschließlich um ein entspannteres Lernen und mehr Freizeit für die Kinder und Jugendlichen, wies Kirsch empört zurück: „Wir wollen keine Kuschelpädagogik.“ Drei Aspekte sprächen für G9: Vertiefung des Unterrichtsstoffs, Persönlichkeitsentwicklung und außerschulische Aktivitäten.

Scharf wandte sie sich auch gegen Vorstöße zur Entlastung der G8-Schüler. So hat Schulsenator Ties Rabe (SPD) unter anderem die Menge der Hausaufgaben begrenzt und die Schulen verpflichtet, nicht mehr als zwei Klassenarbeiten oder Klausuren pro Woche anzusetzen. Das alles seien nur Versuche, Symptome zu kurieren.

„G8 ist Mist“, lautete auch die griffige Formulierung von Helmut Siegmon, Vorsitzender des Philologenverbandes in Schleswig-Holstein. Der Schulleiter unterstützt die Hamburger G9-Kampagne. Alle „Erleichterungsbemühungen“ an den G8-Schulen würden nur das Niveau senken. Es bliebe bei dem kürzeren Weg zum Abitur zu wenig Zeit zum Üben. „Selbst gymnasial geeignete Schüler kommen in Stresssituationen, die wir nicht wollen.“ Siegmon behauptete, dass die Kultusministerien und Behörden „Schulleitungen unter Druck gesetzt“ hätten, damit sie nicht für G9 aussprechen. Es gebe „Stimmungsmache und Manipulationen“ seitens der Politik. „Wenn für die Schulbehörde erwartbar war, dass sich die Schulkonferenzen für G9 aussprechen, dann kann man das Verhalten der Behörde Manipulation nennen“, so Siegmon.

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