Bildung

Hamburgs Gymnasien zensieren strenger als Stadtteilschulen

Senatsantwort auf Scheuerl-Anfrage: Stadtteilschulen vergeben großzügigere Vornoten zum Abitur. Schulsenator Rabe: „Die größte Baustelle ist die Zensurpraxis weniger Lehrkräfte in bestimmten Fächern.“

Hamburg. Es ist einer der bildungspolitischen Leitsätze von Schulsenator Ties Rabe (SPD). „Das schriftliche Abitur ist an allen Hamburger Schulen gleich schwer“, sagte Rabe erst kürzlich bei der Präsentation der Abiturergebnisse des Jahrgangs 2014. Tatsächlich erhalten alle Schüler – egal, ob an einer Stadtteilschule oder an einem Gymnasium – in fast allen Fächern dieselben Aufgaben bei den Klausuren zur Reifeprüfung. Aber die Noten in den Abiturarbeiten machen nur 15 Prozent der Gesamt-Abschlussnote aus, die zum Beispiel für die Zulassung zum Studium entscheidend ist.

Mit 85 Prozent sind die sogenannten Vornoten – also die Leistungen in den ersten drei Semestern der Oberstufe – in Wahrheit bei Weitem ausschlaggebender für den Abischnitt. Die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des fraktionslosen Bürgerschaftsabgeordneten Walter Scheuerl erlaubt nun erstmals für den Abiturjahrgang 2013 einen Vergleich zwischen den Vornoten, die die Fachlehrer intern vergeben, und den Noten in den schriftlichen Prüfungen des Zentralabiturs, die 2013 auch extern begutachtet wurden.

Grundsätzlich gilt, dass bei einer realistischen und angemessenen Zensurengebung Vor- und Prüfungsnoten nicht allzu stark voneinander abweichen dürfen. Das ist auch in zahlreichen Schulen der Fall. Aber es gibt einige Ausreißer. Im Fach Mathematik klafft die Lücke an der Nelson-Mandela-Stadtteilschule in Kirchdorf am weitesten auseinander: Während die Schüler mit 8,45 Punkten (befriedigend) im Durchschnitt vorzensiert waren, lag der Durchschnitt bei den Mathe-Abiklausuren bei nur 3,42 Punkten – das ist der Grenzbereich zwischen Vier minus und Fünf plus. Die Differenz zwischen Vorzensuren und Prüfungsnoten beträgt 5,03 Punkte – gut eineinhalb Noten.

Schulsenator Rabe sieht größtes Problem in Zensurpraxis der Fachlehrer

Im Fach Englisch ist die Spreizung mit dem Höchstwert 3,87 Punkte nicht ganz so groß. An der Stadtteilschule Mümmelmannsberg wurden die Schüler durchschnittlich mit 10,01 Punkten (Zwei minus) vorzensiert, erreichten in der Abi-Klausur aber nur 6,13 Punkte (Vier plus). Im Fach Deutsch gab es die größte Differenz mit 2,02 Punkten wiederum an der Nelson-Mandela-Schule.

Auffällig ist insgesamt, dass die Stadtteilschulen in der Tendenz besser vorzensieren, während die Gymnasien die Schülerleistungen vorab strenger bewerten. So sind die zwölf Schulen mit der höchsten negativen Abweichung (schlechtere Klausurnoten) in Mathematik allesamt Stadtteilschulen. Umgekehrt gibt es zehn Gymnasien, die die höchste positive Abweichung aufweisen (bessere Klausurnoten), ehe die erste Stadtteilschule folgt.

„Der Befund zeigt, dass die Stadtteilschulen – von Ausnahmen abgesehen – dazu tendierten, bei den Vornoten insgesamt deutlich großzügiger zu sein als die Gymnasien“, sagt Walter Scheuerl. Als „naheliegende Ursache für die signifikanten Überbewertungen“ macht der Abgeordnete den „fehlenden Vergleichsmaßstab“ vieler Stadtteilschullehrer aus, die „nur in Einzelfällen das Oberstufenniveau der Gymnasien kennen“, aber trotzdem das Spektrum der 15 Punkte ausschöpften.

Schulsenator Rabe kommt zu einer etwas anderen Bewertung. Bei etwa zwei Dritteln aller Schulen gebe es „eine sehr hohe Übereinstimmung“ zwischen Vor- und Prüfungsnoten – und zwar „unabhängig davon, ob es sich um eine Stadtteilschule oder ein Gymnasium handelt“. Rabe räumt allerdings ein, dass es eine Reihe von Schulen mit deutlichen Abweichungen gebe, wobei die Stadtteilschulen „freundlicher“ und die Gymnasien „strenger“ zensierten. Aber: „Während die Vornoten an Gymnasien insgesamt nur um 0,3 Punkte schlechter ausfallen als die Abi-Klausuren, sind sie an den Stadtteilschulen um 1,3 Punkte besser“, analysiert Rabe.

Doch der Senator sieht noch ein anderes Problem: Sehr häufig komme es vor, dass innerhalb einer Schule, von Fach zu Fach, ja von Kurs zu Kurs, die Lehrer einmal strenger und einmal großzügiger zensierten. „Die größte Baustelle ist die Zensurpraxis weniger Lehrkräfte in bestimmten Fächern“, sagte Rabe. Es sei Aufgabe der Schulbehörde, die Ergebnisse den Schulen zurückzumelden, um auf eine einheitlichere Notengebung hinzuwirken.