Die Woche im Rathaus

Hamburgs hohe Hürden für ein Ja zur Olympia-Bewerbung

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Peter Ulrich Meyer

Aus der Herzensangelegenheit Anfang des Jahrtausends ist eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung geworden. Hamburg will mehr. Sportsenator Michael Neumann (SPD) erwartet vom IOC „die Kraft, neue Olympische Spiele, Olympia 2.0“ zu machen.

„Man kann das Thema Olympia nur auf Sicht fahren“, sagt ein führender Sozialdemokrat. Das bedeutet: Die Regierungspartei im Rathaus – sonst gern um langfristige Strategien bemüht – verfolgt eine Politik des Abtastens und Abwartens. Mit Blick auf eine mögliche Olympia-Bewerbung der Stadt für 2024 oder 2028 soll keine Tür zu früh zugeschlagen werden. Es darf aber andererseits auf keinen Fall der Eindruck entstehen, die Politik wolle das prestigeträchtige Großereignis auf jeden Fall – koste es, was es wolle, und möglicherweise gar gegen den Willen der Bürger.

Richtige Begeisterung für Olympia sieht anders aus. Von wegen Feuer und Flamme, das war Anfang des Jahrtausends das Motto der Hamburger Bewerbung um die Spiele 2012, die dann in London stattfanden. Aus der Herzensangelegenheit, zu der weite Teile der Stadt das Olympia-Projekt damals gemacht hatten, ist eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung geworden, eine Abwägung der Chancen und Risiken. Es ist ein bisschen so, als ob der sachlich-rationale Regierungsstil von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Staatsräson geworden wäre.

Dabei passt ins Bild, dass die Grünen – ohnehin die gewissenhafteste und diskussionsfreudigste Partei – in ihrer Bürgerschaftsfraktion am Montag einen langen Katalog von Fragen zu Chancen und Risiken eines Hamburger Engagements aufgestellt haben, den der Senat nun am liebsten abarbeiten soll. SPD-Fraktionschef Andreas Dressel bastelt am Entwurf für einen interfraktionellen Antrag mit demselben Ziel, die SPD spricht von einer „Machbarkeitsstudie“. Dressel ist dabei, die Anregungen der Grünen und der anderen Fraktionen einzuarbeiten. „Wichtig ist, dass die Studie ergebnisoffen ist“, sagt der SPD-Politiker. „Das soll keine Jubelvorlage werden, sondern faktengestützt sein.“

Die Fragen danach, ob die nötigen Flächen für die Sportstätten vorhanden sind, ob und wie alle Athleten, Funktionäre und Gäste untergebracht werden können oder wie die Verkehrsinfrastruktur verändert muss, sind aber nur der Anfang. Will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) überhaupt mit einer deutschen Bewerbung ins Rennen gehen und wenn ja, mit Hamburg? Immerhin hat auch die Hauptstadt ihr vorsichtiges Interesse bekundet. Doch auch in Berlin fehlt der Überschwang. „Ich würde mich nicht in einen ruinösen Wettbewerb mit anderen deutschen Städten stürzen“, hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schon vor Wochen klargestellt. Und wenn Hamburg den Zuschlag bekäme, würde er die Bewerbung unterstützen, so Wowereit ungewohnt generös.

Doch Hamburg stellt seinerseits Bedingungen: Nur wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) seine Vergabekriterien für die Spiele umfassend reformiert, nur wenn Nachhaltigkeit Vorrang bekommt und der Gigantismus weicht, will die Stadt ihren Hut in den Ring werfen – unter Umständen jedenfalls. Zwar hat IOC-Präsident Thomas Bach eine Reform der Kriterien im Rahmen der Agenda 2020 angekündigt, aber Insider gehen davon aus, dass am Ende eher ein Reförmchen herauskommt.

Hamburg will mehr. Sportsenator Michael Neumann (SPD) erwartet vom IOC „die Kraft, neue Olympische Spiele, Olympia 2.0“ zu machen. „Wenn es so weitergeht wie bisher, weiß ich gar nicht, ob Hamburg die richtige Stadt ist, so etwas zu machen“, so Neumann. „Was wir auf keinen Fall wollen, ist Sotschi reloaded“, sagt auch Fraktionschef Dressel. Die Winterspiele in der russischen Sommerfrische am Schwarzen Meer mit ihren degoutanten politischen Begleitumständen sind vielen nach wie vor in unguter Erinnerung.

Nur wenn diese drei Voraussetzungen gegeben sind – machbare Spiele, DOSB-Ja und Reform der IOC-Vergaberichtlinien – will die SPD die vierte Prüfung starten: das Referendum, also die Abstimmung der Wähler über Olympia. Zuvor müsste die Bürgerschaft auch noch die Verfassung ändern, weil diese Form der Volksbefragung so bislang nicht vorgesehen ist. Die FDP hält eine „Lex Olympia“ für einen arg spielerischen Umgang mit der Verfassung. Dressel sieht darin generell eine zusätzliche Option der Bürgerbeteiligung. Voraussetzung sei allerdings, dass Senat und Bürgerschaft gemeinsam für ein Referendum sind.

Es sind nicht nur die bitteren Erfahrungen von München beim Bürgerentscheid über die Winterspiele 2022, die Volksabstimmungen über Olympia zum Risiko werden lassen. Auch in Wien, Stockholm und St.Moritz (Schweiz) haben die Bürger Bewerbungen um die Spiele gestoppt.

Alles in allem kann man es auch so sehen: Die in Hamburg aufgestellten Hürden für ein Ja zu einer Bewerbung sind so hoch, dass Senat und Bürgerschaft bequem unter durch laufen können. Anders ausgedrückt: Es gibt viele Stellen, an denen die Stadt bequem aus dem Olympia-Szenario aussteigen kann. Zumal über die Kosten ja noch gar nicht geredet worden ist. Und wer wollte ernsthaft behaupten, Hamburg könnte ein kräftiges Minus bei Olympia verkraften – angesichts der Dauerkrise um die HSH Nordbank, der teuren Hapag-Lloyd-Rettung oder der Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie? Nur ganz Gewiefte erlauben sich den Hinweis, Hamburg könne mit Großprojekten letztlich doch umgehen und baue das Konzerthaus jedenfalls zu Ende – anders als Berlin seinen Flughafen.

Manch einer vermisst angesichts der mehr oder minder offen zutage tretenden Unwägbarkeiten und Risiken die Ehrlichkeit in der Debatte. „Alle wissen es, keiner sagt es: Der Kaiser ist nackt“, sagt der Grünen-Politiker und Olympia-Skeptiker Till Steffen.