Schule

Gegenwind für die Hamburger G9-Initiative

Neue Gruppe „Schulfrieden wahren: Keine neue Reformen!“ warnt: Die erneute Strukturdebatte bringt nichts für die Unterrichtsqualität. Die Beteiligten wollen das System nicht wieder durcheinander wirbeln.

Hamburg Im Streit um die Rückkehr zum längeren Weg zum Abitur am Gymnasium hat sich eine neue Initiative formiert, die sich für die Beibehaltung des G8 starkmacht. „Die Volksinitiative ,G9-jetzt-HH‘ bekommt Gegenwind“, sagt Ute Schürnpeck, Mitinitiatorin der Gruppe mit dem etwas sperrigen Namen „Schulfrieden wahren: Keine neue Reformen!“ Die Verlängerung der Schulzeit an Gymnasien um ein Jahr würde zu einer kompletten Umstrukturierung der Schullandschaft führen und über Jahre eine große Belastung und Unruhe für alle Beteiligten hervorrufen. „Es ist sinnvoller, die finanziellen Mittel und den Kraftaufwand in die Verbesserung der Schulqualität im Hamburger Zweisäulenmodell zu investieren“, so Schürnpeck.

Bereits vor einigen Wochen hatten Gegner einer neuerlichen Reform an den 60 Hamburger Gymnasien die Facebook-Gruppe „Hände weg von G8 – Schulfrieden jetzt“ initiiert. Innerhalb weniger Tage hatten sich 70 Mitglieder eingetragen. Daraus entstand die Idee, die neue Initiative zu gründen. Derzeit engagieren sich etwa 20 Aktive – Eltern, Lehrer und Schüler von Gymnasien und Stadtteilschulen aus verschiedenen Teilen der Stadt. Ein Teil der Eltern hatte auch in der Initiative „Wir wollen lernen“ des Primarschulgegners Walter Scheuerl mitgearbeitet. „Wir sind eine bunt gemischte Gruppe und nicht in allen schulpolitischen Fragen einer Meinung“, sagt die Othmarscherin Schürnpeck, deren Kinder Gymnasien besuchen. „Aber wir sind uns einig darin, dass eine erneute Strukturdebatte null Komma null für eine Verbesserung des Unterrichts bringt.“

So sieht es auch Ulrike Kloiber. „Hamburg hat schon ein G9 an den Stadtteilschulen“, sagt sie. Ihre beiden Töchter besuchen eine Stadtteilschule, sind dort auf dem Weg zum Abitur. Durch die von der Initiative geforderte Wahlfreiheit zwischen einem neun- oder achtjährigen Abitur an Gymnasien sieht sie das einmalige Modell in Gefahr. „Es wird eine starke Abwanderungstendenz von den Stadtteilschulen an die Gymnasien geben“, so ihre Befürchtung. Das gehe auf Kosten aller.

Stattdessen sollten die Abschlüsse an den Stadtteilschulen gestärkt werden, lautet eine Forderung der Initiative. Außerdem müsse in die Qualität des Ganztagsangebots auch an Gymnasien investiert werden. Wenn diese Zeiten besser genutzt würden, etwa für konkrete Angebote zur Vertiefung des Unterrichtsstoffs, hätten die Schüler nach Schulschluss auch mehr freie Zeit.

In den vergangenen Wochen hatten die Kammern der Eltern, Lehrer und Schüler die Rückkehr zum G9 an Gymnasien abgelehnt. Auch die Vereinigung der Leiter Hamburger Gymnasien und Studienseminare spricht sich gegen die Forderungen der Volksinitiative aus. Die Bürgerschaftsfraktionen (außer die CDU) stehen klar zum Turbo-Abi. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat inzwischen eine Befragung an allen Gymnasien gestartet, um ein Meinungsbild erstellen zu lassen. Das Ergebnis wird Ende Mai erwartet. Sollte es nicht zu einer Einigung zwischen der Bürgerschaft und der Initiative kommen, findet nach den Sommerferien ein Volksbegehren zur Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasium statt.

Die Neugründung wirft ein Licht auf die schwelende Debatte um das Turbo-Abi in Hamburg, die gerade massiv Fahrt aufnimmt. Mareile Kirsch, Initiatorin der Volksinitiative „G9-jetzt-HH“, gab sich auf Anfrage des Abendblatts betont gelassen. „Das ist keine unabhängige Initiative, sondern das sind längst bekannte G9-Gegner aus Kammern und Parteien“, sagt sie. Unter anderem sei ein Mitglied der Schuldeputation für die FDP auch Gründungsmitglied der Gegeninitiative. „Die duplizieren sich jetzt quasi selbst“, so Kirsch.

Die Anti-Reform-Initiative weist die Kritik zurück. „Wir sind nicht vom Senat gesteuert“, betont Ute Schürnpeck. Auch Parteipolitik spiele in der Gruppe keine Rolle. Man begrüße es grundsätzlich, dass das Votum aller Hamburger zu dem Thema Turbo-Abi eingeholt werde. Allerdings könne nicht sein, dass immer nur eine Seite gehört werde. „Wir fordern die Parteien und die Hamburger auf, sich auch mit den Argumenten gegen eine G9-Rückkehr zu befassen.“

Für einigen Wirbel hat die neue Gruppe bereits gesorgt. Die FDP hatte auf der Sitzung des Schulausschusses am vergangenen Freitag vorgeschlagen, eine Expertenanhörung zum Turbo-Abi durchzuführen. Dazu, so der Vorstoß der liberalen Schulexpertin Anna von Treuenfels, sollte nicht nur die Volksinitiative für die Rückkehr zum G9, sondern auch die G8-Aktivisten eingeladen werden. Eine längere Debatte endete schließlich damit, dass die Anhörung am 6.Mai stattfinden soll – allerdings ohne die beiden Initiativen.