Verdacht der Strafvereitelung

Ermittlungen gegen zwei Ex-Bischöfe

Haben Maria Jepsen und Karl Ludwig Kohlwage Missbrauchsskandal vertuscht? Beide sollen früh über Missbrauch Bescheid gewusst haben.

Hamburg. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt gegen Maria Jepsen, die bis 2010 Bischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg war, wegen des Verdachts der Strafvereitelung. Wegen ihres Verhaltens im Ahrensburger Missbrauchsskandal droht außerdem auch Karl Ludwig Kohlwage, bis 2001 Bischof in Lübeck, sowie Heide Emse, bis 2001 Pröpstin in Ahrensburg (Kreis Stormarn), und Detlev Nonne, bis 2004 Personalchef der Nordelbischen Kirche, möglicherweise ein Gerichtsverfahren.

Die Beschuldigten sollen frühzeitig erfahren haben, dass der Ahrensburger Pastor K. Jugendliche missbraucht hat. Dennoch sollen sie nichts dagegen unternommen haben. Günter Möller, der Pressesprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, sagt: "Wir haben der Polizei einen Ermittlungsauftrag erteilt. Es geht um die Frage, wer wann was gewusst hat, aber untätig geblieben ist."

+++ Justiz ermittelt gegen Ex-Bischöfin Maria Jepsen +++

Sollte es tatsächlich zu einem Prozess kommen, würde sich erstmals nach Bekanntwerden der Vorwürfe vor zwei Jahren ein ordentliches Gericht mit dem Missbrauchsskandal beschäftigen. Pastor K. selbst ist straffrei geblieben, seine Taten waren alle schon verjährt.

Die beiden Stormarner Kirchenmitglieder Hennig Offen und Dorothee Schencking haben das Verfahren ins Rollen gebracht. Sie hatten im Januar 2012 Anzeige erstattet. "Wir wollen einfach, dass aufgeklärt wird, was damals geschehen ist", sagt Offen. Er beschäftigt sich schon seit Längerem mit diesem Thema und war bis März 2011 auch Mitglied des Vereins Missbrauch in Ahrensburg. Der hatte sich im Jahr 2010 gegründet. Damals hatte sich ein Opfer von Pastor K. mit einem Brief an die damalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen gewandt. Damit nahm seinen Anfang, was unter dem Namen "Ahrensburger Missbrauchsskandal" bundesweit für Schlagzeilen sorgte.

Der Ursprung geht bis in die 70er-Jahre zurück. 1973 wird K. Pastor in Ahrensburg. Im Waldgut Hagen, einer kleinen Siedlung mit Einfamilienhäusern, soll er bald begonnen haben, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen. Das Opfer beschreibt das in dem Brief an Maria Jepsen so: "Pastor K. hat systematisch diverse seiner jugendlichen Schutzbefohlenen in sein Bett geholt und ihnen verboten, darüber untereinander oder mit anderen zu sprechen, er hat mit Jungen onaniert, sie körperlich und verbal belästigt, ihnen eingeredet, das sei gut für sie, er sei gut für sie."

Diese Darstellung ist offenbar richtig. 13 Opfer des Pastors haben sich mittlerweile bei der Kirche gemeldet. Im November 2010 gibt K. in einem Schreiben an die Regionalausgabe Stormarn des Abendblatts den Missbrauch zu. Er beantragt die Entlassung aus dem Kirchendienst. Weil die Taten verjährt sind, wird er nicht vor Gericht gestellt.

Aber es gibt Hinweise, dass Kirchenfunktionäre schon viel früher von den Straftaten des Pastors gewusst haben könnten. Offen und Schencking beziehen sich in ihrer Anzeige auf das Jahr 1999. Damals war Heide Emse Pröpstin in Ahrensburg und damit Dienstvorgesetzte von K. Emse behauptet, in jenem Jahr erstmals von den Anschuldigungen erfahren und sie dem Ahrensburger Kirchenvorstand und dem Kirchenamt der Nordelbischen Kirche mitgeteilt zu haben. Die Folgen waren wenig dramatisch: K. wurde versetzt. In Neumünster war er als Seelsorger für inhaftierte Jugendliche, in Ahrensburg weiter als Religionslehrer für Gymnasiasten tätig.

Warum damals weder Emse noch das Kirchenamt die Staatsanwaltschaft informiert haben, ist unklar. Diese Frage dürfte jetzt im Mittelpunkt der Ermittlungen der Polizei stehen. Weil das Kirchenamt in Kiel, die oberste Verwaltungsbehörde der Kirche im Norden, direkt der Kirchenleitung untersteht, richtete sich die Anzeige und richten sich die Ermittlungen auch gegen Maria Jepsen und Karl Ludwig Kohlwage. Sie gehörten damals als Bischöfe qua Amt zur Kirchenleitung. Detlev Nonne war Personalchef des Kirchenamts. Henning Offen meint: "Es ist davon auszugehen, dass der zuständige Personalchef in Kiel ebenso Kenntnis von den Straftaten des Pastors hatte wie die zuständigen Bischöfe."

13 Jahre sind seit den Ereignissen im Jahr 1999 vergangen. Heide Emse ist bald nach ihrem Versuch, das Kirchenamt über den Triebtäter K. zu informieren, selbst Teil der Behörde geworden. Von 2001 bis 2009 arbeitete sie dort, bis zur Vizepräsidentin hat sie es gebracht. Dann ging sie in Ruhestand. Kohlwage ist seit dem Jahr 2001 Pensionär, Nonne ging im Jahr 2004, um seinen Lebensabend auf der Insel Sumatra zu verbringen. Maria Jepsen, 1992 als weltweit erste Frau in ein lutherisches Bischofsamt gekommen, trat im Juli 2010 zurück, weil sie im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt sah.

Wie geht es weiter? Günter Möller sagt: "Das Ermittlungsverfahren wird noch eine Weile dauern." Die Kirche, vom Abendblatt um eine Stellungnahme gebeten, will sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu diesem Verfahren äußern. Strafvereitelung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.