Immobilien

Kampf um ein Stück altes Barmbek

Ein Mietshaus von 1867 im Stadtteil Barmbek soll einem Neubau weichen. Denkmalschützer und Bewohner wollen das verhindern.

Hamburg. Dieses Gebäude erzählt mehr als nur ein Stück Architekturgeschichte. Das Wohnhausensemble an der Ecke Bartholomäusstraße/Beim Alten Schützenhof ist das älteste erhaltene Wohnhaus Barmbeks, erbaut 1867. Und: Es ist das Haus, in dem der legendäre Hamburger Einbrecherkönig Julius Adolf Petersen alias "Lord von Barmbeck" in den 20er-Jahren seine Kneipe betrieben hat. Ein Gauner, der mit schwarzem Anzug, steifem Kragen und gewienerten Schuhen bei jedem Verbrechen die Fassade eines Gentlemans aufrechterhielt. Jetzt droht den alten Arbeiterhäusern womöglich der Abriss. Die Gebäude Beim Alten Schützenhof 20/22, Ecke Bartholomäusstraße 76 sind von Schwamm und Holzwurm befallen. Der Vorbesitzer hat die Häuser regelrecht verfallen lassen. Die neue Eigentümerin hat die Bausubstanz prüfen lassen. Das Ergebnis: Eine Sanierung lohnt sich nicht. Die Gebäude sollen abgerissen werden.

Von den 18 Wohnungen steht fast die Hälfte leer. Die verbliebenen Mieter sind aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Doch viele von ihnen wollen nicht ausziehen. "Unsere Häuser haben einen historischen Wert", sagt einer der Mieter. "Die Häuser müssen bleiben."

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Unterstützung bekommen die Bewohner vom SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Sven Tode. "Es kann nicht sein, dass ein markantes historisches Bauwerk einfach abgerissen werden soll, nur weil dem Investor so eine höhere Rendite winkt", sagt er. "Dabei sollte die kulturelle Rendite für die Stadt und ihre Menschen schwerer wiegen, so, wie es beim Gängeviertel entschieden wurde." Tode befürchtet, dass mit dem Abriss der Häuser dem Stadtteil Barmbek ein großes Stück Geschichte und Identität geraubt werde.

Pikant sind die Abrisspläne für das historische Bauwerk vor dem Hintergrund, dass das Haus längst offiziell als denkmalschutzwürdig anerkannt und das Verfahren zur Erlangung des endgültigen Denkmalschutzes in vollem Gange ist. "Die neue Eigentümerin will offenbar schnell Fakten schaffen, bevor der Denkmalschutz greift", befürchtet SPD-Politiker Tode. Das sei vielleicht legal, aber fair sei es nicht. Um die Abrisspläne zu stoppen und die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, hat Tode eine Kleine Anfrage an den Senat gestellt. Darin wird bestätigt, dass das Ensemble "aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung sowie aufgrund seines Beitrags zu den charakteristischen Eigenheiten des Stadtbildes" denkmalschutzwürdig sei, jedoch nicht unter Denkmalschutz stehe. "Das Denkmalschutzamt ist bereits in Gesprächen mit den Eigentümern", so Behördensprecher Stefan Nowicki.

Neben den historisch-kulturellen Gründen sprechen aber auch soziale Gründe gegen die Pläne. Es gibt Befürchtungen, dass auf dem Grundstück hochpreisige Wohnungen entstehen sollen. "Das würde aber den drastischen Anstieg der Mieten in Barmbek weiter vorantreiben", sagt der SPD-Abgeordnete Tode. Auf diese Weise würden alteingesessene Bewohner verdrängt. Für den Erhalt der Bevölkerungsstruktur im Stadtteil will sich Bezirksamtsleiter Wolfgang Kopitzsch mithilfe einer sozialen Erhaltungsverordnung starkmachen. Sie seien ein adäquates Mittel, die dynamischen Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt in Barmbek genauer zu verfolgen. "Aus städtebaulicher Sicht wäre der Erhalt erstrebenswert", so Kopitzsch. "Abriss genehmigen wir nur, wenn gleich wieder neu gebaut wird. Es gilt, eine Vertreibung alteingesessener Mieter zu vermeiden. Deswegen müssen die Mietpreissteigerungen im Rahmen bleiben."

Michael Huggle, Geschäftsführer der Firma Bauwerk, die die historischen Gebäude im Auftrag der Eigentümerin verwaltet, plädiert weiterhin für den Abriss. "Das Haus ist fast 150 Jahre alt, seit Jahren wurde hier nichts mehr gemacht", sagt Huggle. Bei einer Sanierung müsste man an jeden Balken ran. Ein Abriss sei die sinnvollste Sache. Die Eigentümerin selbst könnte sich vorstellen, einen Teil der Gebäude zu erhalten. "Sie hätte sich gewünscht, das ganze Ensemble zu sanieren, aber sie ist kein Bauträger, sondern eine Privatperson. Und die Kosten steigen ins Unermessliche", so Huggle. In einem Gespräch mit dem Denkmalschutzamt soll nun entschieden werden, ob und wie die Gebäude doch noch erhalten werden können.

Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt Barmbek hat schon jetzt eine Idee: "Es reicht, wenn wenigstens die Fassade erhalten wird", so Otto. "Das nehmen die Leute wahr. Was dahinter steckt, weiß sowieso keiner."