Gewalt gegen Beamte

Hamburger Kriminologe: Die Polizei jammert zu viel

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Kriminologe schaltet sich in Debatte um Respektlosigkeit ein. Er attackiert die Gewerkschaften und fordert eine bessere Ausbildung.

Hamburg. Hamburgs Polizeibeamte müssen ständig als Prellbock herhalten - zumindest wird das von ihren Gewerkschaften regelmäßig angeprangert. Rafael Behr, seit 2008 Professor für Polizeiwissenschaften an der Hochschule der Polizei, lässt das nicht gelten. "Dafür sind die Beamten schließlich auch da. Als Vertreter des Gewaltmonopols muss ich damit rechnen, dass ich selbst beschädigt werde." Alles andere sei Realitätsflucht.

"Die Polizei jammert zu viel." Damit reagiert der Kriminologe auf die aktuelle Diskussion über Respektlosigkeit gegenüber Beamten. Die Gewalt gegen Polizisten hat stark zugenommen - das ist die Einschätzung, mit der Innensenator Michael Neumann (SPD) und Gewerkschaften in den vergangenen Wochen an die Öffentlichkeit gegangen sind. Behr widerspricht dieser Aussage vehement. "Das ist falsch", sagt der 53-Jährige. Zugenommen hätten lediglich die subjektive Wahrnehmung, dass die Gewalt steige, und die Situationen, die die Schutzleute als gewalttätig wahrnehmen. "Aber die Anzahl der gravierenden Verletzungen, die nehmen radikal ab." Das belege auch eine Studie Christian Pfeiffers, der dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorsteht.

Das Jammern habe bei der Polizei eine "gewisse Tradition". "Die Parole der Hauptjammerer, der Gewerkschaften und der Personalräte, lautet: Es wird immer alles schlimmer, mehr und unkontrollierbarer", sagt Behr. Kollektiv gestöhnt wird mit klarem Ziel: Aufmerksamkeit zu erzeugen, Rückhalt in der Öffentlichkeit und finanzielle Ressourcen bei der Politik zu sichern.

"Dass sich die Polizei als Opfer darstellt, ist unprofessionell", sagt Rafael Behr. Die Gesellschaft wolle von der Polizei beschützt werden. "Wenn sich die Beschützer jedoch als Opfer, als Spielmaterial für Randalierer definieren, entstehen Irritationen in der Bevölkerung." Dieses Rollenverständnis hält er für fatal. "Die Polizei ist schließlich kein passives Opfer, sondern muss aktiv werden, wenn sie sich ohnmächtig fühlt."

Professor Behr ist keineswegs Theoretiker. Er war selbst 15 Jahre lang Polizist, ist Streife gefahren und kann sich an Großeinsätze wie Demonstrationen gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen und gegen diverse Kernkraftanlagen erinnern. Ein großes Problem sieht Behr darin, dass jungen Beamten von Kollegen von Anfang an eingetrichtert werde, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Die Folge: Schon die Berufsanfänger entwickeln Strategien, die im Fachjargon unter dem Begriff "defensive Solidarität" zusammengefasst werden. Der Polizist stuft die Umgebung von vornherein als feindlich ein. Er kapselt sich ab, traut nur noch seinen Kollegen, unterscheidet strikt zwischen "wir", die Polizisten, und "sie" - also alle anderen.

"Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Schutzmann in Konfliktsituationen dann härter reagiert, als er müsste", sagt Behr. Die Konsequenz: Der Bürger nimmt den Beamten als unverhältnismäßig ruppig wahr. Es entstehe ein Spirale, die sich immer weiter nach oben schraube, die Misstrauen zwischen Beamten und Bürgern schüre.

Dabei werde die Institution Polizei von der Öffentlichkeit laut Behr hoch geschätzt. "Der einzelne Beamte übernimmt diese Wertschätzung jedoch nicht." Er traut der positiven Bewertung nicht, weil seine individuellen Erfahrungen häufig nichts mit Achtung und Respekt vor der Polizei zu tun haben. Beamte fühlen sich oft nicht ernst genommen, verspottet, attackiert. "Vor allem in sozialen Brennpunkten empfinden sie sich wie Underdogs", sagt der Polizeiexperte.

Zwar nimmt Behr das Klagen der Beamten sehr ernst, dass sie sich in bestimmten Situationen ohnmächtig fühlten. "Aber Fakt ist, dass die Gewalt gegenüber Polizisten nicht zugenommen hat." Entscheidend sei, wie die Verletzungen gezählt und klassifiziert werden. "Wer sich beim Sanitäter meldet, wird als verletzt registriert", sagt Behr. Doch nicht immer ist die Verletzung auf einen Angriff eines Randalierers zurückzuführen. Behr nennt ein Beispiel: "Die Polizei setzt bei einem Einsatz Tränengas ein. Der Wind dreht, 50 Beamte werden verletzt und müssen behandelt werden. Diese Fälle fließen ebenfalls in die Statistik mit ein." Und verfälschen die Erhebung folglich.

In der Debatte um zunehmende Respektlosigkeit spielten zudem Ort und Zeit eine wichtige Rolle. "Anders als etwa in Bramfeld dürfen die Beamten nachts auf der Reeperbahn keinen Respekt erwarten", sagt Behr. "Zu denken, dem Schutzmann wird dort auf dem Bürgersteig der Weg frei gemacht, ist naiv." Auf dem Kiez herrsche schließlich keine Dorfidylle. "Die Polizisten, die schlau sind, schützen sich anders", sagt Behr und schiebt gleich eine Forderung hinterher: Gerade jungen Beamten muss das Handwerkszeug vermittelt werden, wie sie professionell mit Respektlosigkeit umgehen.

An entsprechenden Ideen mangelt es Behr nicht. Seine Vorschläge: Nicht die Polizisten müssen für Lehrgänge zur Schule, sondern der Lehrer muss zu den Beamten. Und zwar zunächst als Fragender und nicht als Wissender. Vor Ort kann der Trainer wichtige Fragen mit den Kollegen klären: Was können wir in diesem Kommissariat dafür tun, dass sich die Polizisten weniger respektlos behandelt fühlen? Mit welchen besonderen Belastungen fühlen sich diese Polizisten täglich konfrontiert? Was können sie an ihrem Veralten hier in der Wache ändern? Anschließend können Situationen im Alltag erprobt und gemeinsam reflektiert werden. "Das wäre ein Paradigmenwechsel." Behr weiß, dass er mit seinen Vorschlägen und Thesen aneckt. Thesen wie: Die Polizei sei beim Thema "Gewalt gegen Beamte" auf dem falschen Weg. Behr geht noch weiter. "Es ist dringend nötig, Polizei neu zu denken. Und zwar radikal." Denkbar sei ein regelmäßiges Coaching für Polizisten, um etwa mit dem Thema Respektlosigkeit besser umgehen zu können. Und auch von einem Rotationssystem innerhalb der Polizei verspricht er sich Gewinn: Vor allem Beamte, die in einem prekären Handlungsfeld tätig sind, müssen "regelmäßig ihre Tretmühle verlassen" und in einem ruhigeren Bereich arbeiten. Das biete die Gelegenheit, die eigene Rolle zu reflektieren.

Zudem hält Rafael Behr es für wichtig, Polizisten schon in der Ausbildung Selbstbewusstsein zu vermitteln. Auch er musste als Polizist viel einstecken. Sich Beleidigungen wie "Scheißbulle" und "verpiss dich" anhören. Er wurde bepöbelt. Geschubst. Angespuckt. "Es war nicht so viel anders als heute." Wichtig sei, schwierige Situationen wie diese als Herausforderung zu sehen - und nicht als Strafe. "Das ist der Job eines Polizisten."