Schulpolitik

7200 Hamburger Schüler sollen im Container lernen

Foto: Roland Magunia

Behörde plant Unterricht in 299 Stahlkästen, weil Klassen verkleinert werden. Eltern verlangen noch mehr Boxen. Senator: "Teures Notprogramm".

Hamburg. Zum Beispiel die Grundschule Windmühlenweg: Wenn zum neuen Schuljahr der Unterricht an dem Standort in Groß Flottbek wieder aufgenommen wird, dann muss bereits die zweite der 20 Klassen in einen Container umziehen. Das hat der Senat in seiner Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Mathias Petersen mitgeteilt. Der Grund für die Raumnot: Zum zweiten Mal richtet die vierzügige Grundschule fünf erste Klassen ein.

Vor allem die im vergangenen Jahr beschlossene deutliche Verkleinerung der Klassengrößen führt zu einem erheblichen Mehrbedarf an Unterrichtsräumen in Hamburg. Zum neuen Schuljahr muss die Schulbehörde 134 "mobile Klassenräume" für rund 3200 Schüler auf dem Gelände von Schulen neu aufstellen. Das ist fast eine Verdoppelung der jetzigen Kapazitäten: Im vergangenen Schuljahr lernten schon rund 4000 Kinder in 165 Containern.

Eine teure Aktion: Die Miete für einen mobilen Klassenraum beträgt 42 000 Euro pro Jahr. Die Gesamtkosten belaufen sich vom kommenden Schuljahr an danach auf 12,6 Millionen Euro. Hinzu kommen einmalige Kosten für die Aufstellung der Stahlkästen.

"Es ist enger in den Containern als in normalen Klassenräumen", sagt Heike Heinemann, stellvertretende Elternratsvorsitzende der Schule Windmühlenweg. Von "ziemlich beengten Zuständen" in der gesamten Schule spricht auch Andreas Bernau, Vorsitzender der Flottbeker SPD. Auch das Lehrerzimmer sei zu klein.

"Außerdem fehlen uns Differenzierungsräume für die Klassen", sagt Heinemann. Vor den Sommerferien hatte der Elternrat eine Unterschriftenaktion organisiert, um Druck auf die Schulbehörde auszuüben. In kurzer Zeit beteiligten sich mehr als 300 Eltern. "Wir schlagen eine Aufstockung mit weiteren Containern vor, um den Bedarf zu decken", sagt Heinemann.

Doch daraus wird nichts. "Ich habe Verständnis für die Wünsche der Eltern", sagt Schulsenator Ties Rabe (SPD) im Gespräch mit dem Abendblatt. "Aber die Aufstellung von Containern ist ein teures Notprogramm, mit dem die Mindestbedarfe von Schulen abgedeckt werden sollen." Dazu zählten Klassenzimmer, aber eben keine zusätzlichen Räume für die Teilung von Klassen in kleinere Gruppen. Merkwürdig ist allerdings, dass der Senat in seiner Antwort auf eine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Walter Scheuerl (parteilos) Mitte Juni noch die Ansicht vertreten hat: "Mobile Klassenräume werden in der Regel nur zur Deckung von Defiziten bei Klassen- und Differenzierungsräumen aufgestellt."

Der Schulbau in Hamburg steht vor immensen Herausforderungen: Nach Berechnungen der Behörde führt die Verringerung der Klassenfrequenzen - die die SPD übrigens in Verhandlungen mit dem damaligen schwarz-grünen Senat durchgesetzt hat - zur Einrichtung von 200 bis 240 zusätzlichen Schulklassen. Das entspricht dem Bau von 13 bis 16 dreizügigen Grundschulen.

Außerdem kommt es durch pädagogische Reformen wie die Schaffung des Rechtsanspruchs auf Inklusion behinderter Kinder in Regelschulen zu einer Verschiebung des Raumbedarfs: Nach Schätzungen werden pro Jahrgang rund 16 Schulklassen von den Förder- auf die allgemeinbildenden Schulen verlagert. Die 40 Förderschulen laufen langsam aus. Eine weitere Verschiebung ergibt sich durch die neuen Stadtteilschulen: Gab es früher rund 100 Standorte von Haupt- und Realschulen, Aufbaugymnasien sowie Gesamtschulen, so sind es jetzt noch 54. Gemindert wird der Effekt dadurch, dass einige Stadtteilschulen zwei Standorte haben. Absehbar wird aber eine Reihe weiterer Schulgebäude leer stehen, während andere Standorte aus allen Nähten platzen.

Rund drei Jahre dauert es vom Beschluss über einen Erweiterungsbau bis zur Freigabe zur Nutzung durch die Schule. "Es bleibt uns also nichts andere übrig, als vorerst jedes Jahr zusätzliche Container aufzustellen", sagt Senator Rabe. "Der Senat muss viel mehr Geld in den Schulbau investieren", sagt Walter Scheuerl, den die Lage an die "Titanic" erinnert, die "sehenden Auges auf den Eisberg gesteuert wurde".

Die "Spitzenreiter": An der Stadtteilschule Tonndorf und an der Grundschule Grumbrechtstraße (Heimfeld) werden je zwölf Klassen in Containern unterrichtet, an der Elbinselschule (Wilhelmsburg) und am Gymnasium Lohbrügge sind es jeweils 13.