Sexuelle Nötigung, Intrigen, Mordversuch

Hamburger Handwerkskammer ist ein Tollhaus

Foto: Marcelo Hernandez

Vor der Vollversammlung der Institution kamen ungeheuerliche Vorfälle ans Licht. Details des Skandals sind intern längst durchgesickert.

Hamburg. Handfester Zoff hinter den Kulissen der Handwerkskammer Hamburg: Vor der Vollversammlung der Institution heute Nachmittag wurden Vorfälle ruchbar, die nicht zum ehrbaren Nimbus der Zünfte passen. Es geht um Schulden, Rücktritte, Intrigen, aber auch um sexuelle Nötigung und sogar Mordversuch.

Details des Skandals sind intern längst durchgesickert. "Ungeheuerlich und unfassbar, mir fehlen die Worte", sagte ein namhafter Kammervertreter dem Abendblatt. "Das stinkt alles zum Himmel." Danach soll eines der sechs Vorstandsmitglieder der Handwerkskammer eine Sekretärin aus der Führungsetage - alle Namen sind der Redaktion bekannt - mehrfach massiv belästigt haben. Als die Situation eskalierte, soll sich das Vorstandsmitglied, welches der Sanitärinnung angehört, in der Parkgarage der Handwerkskammer an Autos seiner Widersacher zu schaffen gemacht haben. Mit einem Bohrer soll er Spaxschrauben in Reifen gedreht haben. Und zwar derart perfide, dass die Luft nicht sofort entwich. Somit wäre während der Fahrt eine Katastrophe möglich gewesen. Von anderer Seite werden diese Manipulationen gar als "Mordversuch" gewertet. Anzeige wurde nicht erstattet.

Obwohl diese Taten trotz zusätzlich installierter Kameras nicht zweifelsfrei dokumentiert werden konnten, kam es am 11. Februar dieses Jahres zu einem Vieraugengespräch beim Kammerpräsidenten Josef Katzer. Bei einem weiteren Treffen in der Woche danach habe Katzer seinen Vorstandskollegen unter Zeugen zum sofortigen Rücktritt gedrängt. Dies geschah dann auch. Zuvor hatten sich die Anwälte beider Seiten auf einen Kompromiss geeinigt, der die Sekretärin schütze und das Gesicht des Vorstandsmitglieds wahrte.

"Kein Kommentar", sagte Kammerpräsident Josef Katzer auf Nachfrage. Er bestätigte lediglich, dass er seinem Kollegen den Rücktritt "nahegelegt" habe. "Unter zwei weiteren Bedingungen" könne der Fall ad acta gelegt werden. Nach Abendblatt-Informationen handelt es sich dabei um eine Erklärung, die Mitarbeiterin nicht weiter zu behelligen, sowie freiwillig einen finanziellen Schadensersatz zu leisten. Auch der Betroffene selbst wollte nichts zu der Angelegenheit sagen: "Ich habe eine ganz andere Sicht der Dinge als Herr Katzer, aber wir haben beidseitiges Stillschweigen vereinbart. Und daran werde ich mich halten."

Insgesamt haben in jüngster Zeit drei der vier Arbeitgebervertreter im sechsköpfigen Kammervorstand das Gremium verlassen. "Aus persönlichen Gründen", heißt es unisono. Allein noch im Amt ist Präsident Katzer. Neu gewählt werden sollen von den 39 Mitgliedern der Vollversammlung heute Nachmittag Martin Hildebrandt, Thomas Rath sowie Hjalmar Stemmann.

Dennoch ist in der Handwerkskammer am Holstenwall klar, dass nicht jeder der drei Rücktritte tatsächlich nur privat war. So hatte Michael Durst, der Obermeister der Fleischerinnung, von der Kammer schon vor Katzers Amtszeit ein zinsloses Darlehen in Höhe von 30 000 Euro erhalten. Anlass war die Übernahme der Kantine im "Elbcampus", dem neuen Bildungswerk der Handwerkskammer. Dort seien die Baubedingungen indes nicht wie abgemacht gewesen, sodass nur ein Drittel getilgt werden musste. "Der Rest wurde verrechnet", sagt Josef Katzer.

Dritter im Bunde des zurückgetretenen Vorstandstrios ist Thomas Sander, Obermeister der Bauinnung. Zu Details des Skandals will er sich ebenfalls nicht äußern. "Natürlich habe ich einiges mitbekommen", sagte er. "Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sich sagt: Hier bin ich falsch." Der Bauunternehmer hatte seinen Rücktritt im Februar dieses Jahres erklärt. Aus persönlichen Gründen, wie es hieß. Eingeweihte jedoch wissen, dass auch Sander mit der Politik und dem Stil des Präsidenten Josef Katzer nicht zufrieden war - um es höflich zu formulieren. "Vom Prinzip her ist die Handwerkskammer ein Juwel der Demokratie", fügte Sander vielsagend hinzu. "Nur muss diese Demokratie auch gelebt werden. Und das war leider nicht der Fall."

Katzer, der als ebenso kampfeslustig wie durchsetzungsstark gilt, trägt die Vorwürfe mit Fassung. "Ich will die Wahrheit wissen", sagte er gestern, "dafür brauche ich ein klares Bild." Die Finanzlage betreffend, aber auch sonst. Freimütig bekennt der Inhaber eines großen Gebäudereinigungsunternehmens, dass es auch Rücktrittsforderungen an seine Adresse gegeben habe - im Kreis der Obermeister Anfang dieses Monats. Er habe sich erfolgreich zur Wehr gesetzt.

Die von Josef Katzer verlangte "Transparenz" in allen Bereichen werde er auch während der heutigen Vollversammlung in die Tat umsetzen. Dazu zählen auch Fakten zur wirtschaftlichen Lage. Katzer bestätigte, dass die Handwerkskammer das Geschäftsjahr 2009 mit einem Verlust von 1,1 Millionen Euro abgeschlossen habe. Ein Verkauf des Handwerkerhauses sei zwar diskutiert worden, komme unter seiner Führung indes nicht in Frage. Dennoch sickerte durch, dass die Verschuldung der Handwerkskammer in den kommenden Jahren zunehmen werde.