Barkassen und Sportboote

Schildbürgerstreich Ernst-August-Schleuse

Langsamer und teurer: Die Durchfahrt dauert länger als früher. Dabei wird die neue Schleuse bei der Gartenschau 2013 noch häufiger benutzt.

Kleiner Grasbrook. Wer mit der Barkasse von den Landungsbrücken gen Wilhelmsburg schippert, über Elbe und Reiherstieg, taucht hinter der Schleuse am Klütjenfelder Hafen ein in eine romantische, den meisten Hamburgern unbekannte Welt. Der Ernst-August-Kanal, ein ehemaliger Elbarm, führt durch die charmanten Hinterhöfe von Wilhelmsburg, vorbei an übrig gebliebenen Jugendstilhäusern und Kleingärten. Touren nach Wilhelmsburg und um die Insel herum wurden in letzter Zeit auch bei Sportbootbesitzern immer beliebter. 500 Schleusungen zählte man 2011 - zur Internationalen Bauausstellung (IBA) und Internationalen Gartenschau (igs) im kommenden Jahr sollten es noch mehr werden.

Jetzt haben die Hamburger Barkassenunternehmer ihre Touren nach Wilhelmsburg verärgert vom Fahrplan gestrichen. Grund dafür ist die neue, von der Hamburg Port Authority (HPA) erbaute Ernst-August-Schleuse. Das 26-Millionen-Euro-Projekt, wichtig für Hochwasserschutz und Tidenhubausgleich, war erst im Oktober fertiggestellt worden. Das Problem: Im Gegensatz zu der alten, 1930 errichteten Schleuse, die fast Seeschiffgröße hatte, besitzt der Neubau mit 48 Meter Länge und zehn Meter Breite eine weitaus kleinere Kammer. Trotzdem dauert es viel länger, bis diese gefüllt ist. Denn ließe man das Wasser zu schnell durch die Tore strömen, würden sich Verwirbelungen bilden, die die Schiffe gefährlich ins Schwanken brächten. Die Folge sind Schleusungszeiten, die sich verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht haben. "Früher lagen wir durchschnittlich zehn Minuten in der Schleuse, jetzt müssen wir mit mindestens 25 Minuten rechnen", sagt Gregor Mogi, Chef des Barkassenunternehmens Maritim Circle Line. Bei extrem starken Wasserstandsunterschieden könne sich die Wartezeit sogar auf bis zu eine Stunde verlängern. "Wir können unseren Kunden nicht zumuten, eine so lange Zeit in der Schleusenkammer zu verbringen", sagt Mogi. "Abgesehen davon, dass sich die Touren wegen der längeren Schiffsnutzung deutlich verteuern würden."

Auch Klaus Ehlers von der Barkassen-Centrale Ehlers ist sauer. "Wir hatten uns sehr auf die neue Schleuse gefreut - und auf das, was wir unseren Kunden hätten anbieten können." Denn im Zuge von IBA und igs soll Wilhelmsburg eine Barkassenanbindung von den St.-Pauli-Landungsbrücken bis in seine Mitte bekommen. Dafür wurde bereits die Rathauswettern schiffbar gemacht, im Oktober soll der Aßmannkanal ausgebaggert werden. Die Gesamtkosten für die 1,8 Kilometer lange Strecke einschließlich des Baus dreier neuer Brücken betragen etwa 15 Millionen Euro.

"Sollten diese Investitionen vergeblich gewesen sein, weil die neue Ernst-August-Schleuse für einen Linienverkehr viel zu langsam arbeitet, wäre das ein sehr teurer Schildbürgerstreich - ja, ein Skandal", sagt Klaus Lübke von der SPD Hamburg-Mitte. Er wirft der HPA Ignoranz vor - sie habe in der Vergangenheit die Interessen Dritter schon häufig missachtet.

Dass die Barkassenbetreiber künftig nicht mehr durch den Ernst-August-Kanal fahren wollen, ist nicht nur ein Verlust für die Hamburger, die zur Elbinsel schippern möchten, und für die Wilhelmsburger, die zu den Landungsbrücken wollen - für Qazim Dreshai, der den Biergarten Zum Anleger am Vogelhüttendeich betreibt, bedeutet es vielleicht sogar den Ruin. "Es ist ein Albtraum", sagt der Gastronom. "Bei uns haben jeden Sommer 50 Barkassen angelegt. Davon haben wir gelebt."

Auch Peter Falke vom Museum Elbinsel Wilhelmsburg hat hier oft angelegt. Als Erster bot er die Touren durch den Ernst-August-Kanal an, mehr als 15 000 Menschen hat er in den letzten elf Jahren nach Wilhelmsburg gebracht - vom Jungfernstieg aus, mit einem Alsterdampfer. "Ich möchte die Fahrten unbedingt weiter anbieten", sagt er.

Die HPA räumt Nachbesserungsbedarf ein. "Wir testen mit einem ganzen Team, wie wir die Schleuse schneller machen können", sagt Sprecher Alexander Schwertner. Die Geschwindigkeit der alten könne jedoch nicht erreicht werden. Wohl von den Abendblatt-Recherchen alarmiert, forderte die igs gestern Klärung von der HPA. "Wir sind davon ausgegangen, dass vier Schleusungen pro Stunde möglich sind", sagt igs-Chef Heiner Baumgarten.