Hamburgs erster Sozialatlas

2340 soziale Einrichtungen auf einen Blick

Ob Schule, Kita oder Schwangerenberatung: Karte zeigt 2340 Einrichtungen, die die Stadt unterstützt - auch im Internet.

Hamburg. Für Detlef Scheele ist Hamburg derzeit bunter denn je. Im Büro des Sozialsenators liegen schon die grell karierten Postkarten mit dem Slogan "Hamburg bekennt Farbe" bereit - Teil der Aktion gegen Rechtsextremismus am 2. Juni. Und um bunte Punkte geht es auch bei einem anderen für Scheele sehr wichtigen Thema: der "sozialen Stadtkarte" für Hamburg, die die Behörde erstmals erstellt und gestern im Internet freigeschaltet hat.

2340 gelbe, grüne, rote, orange- und lilafarbene Punkte markieren die Standorte von sozialen Einrichtungen, die die Stadt direkt oder indirekt finanziell unterstützt. Dazu zählen 287 Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit (Jugendzentren, Spielhäuser), 441 Einrichtungen der Familienförderung (Erziehungsberatungsstellen, Elternschulen, Kinder- und Familienhilfezentren, 77 sozialräumliche Projekte wie die Schwangeren- und Familienberatung "Adebar" in Bahrenfeld und "Familienhelden" in Wilhelmsburg, 1110 Kindertagesstätten, etwa 400 Schulen sowie einiges mehr. Der Sozialatlas ist ab sofort im Internet unter www.hamburg.de/basfi einsehbar. Per Mausklick kann man sich auch nur die Schulen oder nur die Kitas anzeigen lassen. Hinterlegt ist zudem eine Liste mit allen Einrichtungen, eine Verknüpfung zu ihren Internetauftritten soll noch hinzukommen.

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Die hohen Zahlen, vor allem der Familienförderungseinrichtungen, haben selbst den Sozialsenator überrascht - nicht jedoch die Tatsache, dass das soziale Netz in bestimmten Stadtteilen wie Osdorfer Born, Steilshoop oder Kirchdorf-Süd engmaschiger ist als etwa in Francop oder Wohldorf-Ohlstedt. "Die soziale Infrastruktur in Hamburg ist gut", sei für ihn die Botschaft der Karte, sagt Scheele.

Nur um das herauszufinden, hat seine Behörde die Daten aber nicht in monatelanger Kleinarbeit zusammentragen lassen. In erster Linie sollen die Stadtteilkarten ein Planungsinstrument sein. Dabei geht es zum einen um den massiven Ausbau der ganztägigen Bildung und Betreuung an Schulen (GBS), bei der die Schulen mit anderen Trägern der Jugend- oder Familienhilfe, mit Sportvereinen und Kirchen zusammenarbeiten sollen. "Wenn Schulen die GBS-Pläne vorantreiben, sollten sie auf diese Karte gucken", sagt Scheele. Denn häufig würden die verschiedenen Akteure im Stadtteil sich gar nicht kennen. Allerdings fehlen auf der Karte bislang alle Angebote, die ohne staatliche Zuwendung auskommen. Das könne sich aber noch ändern, so der Sozialsenator. "Die Karte soll ja leben."

Zweitens soll der Sozialatlas den Bezirken helfen, eine Jugendhilfeplanung für die kommenden Jahre aufzustellen. An dieser Stelle wird es politisch, denn es geht ums Geld. Vom Riesenetat der Sozialbehörde - er macht mit 2,5 Milliarden Euro knapp ein Viertel des Hamburger Haushalts aus - werden rund vier Fünftel für den politisch gewollten Ausbau der Kindertagesbetreuung sowie für gesetzliche Leistungen wie Sozialhilfe ausgegeben. Auf deren Anstieg hat die Stadt aber wenig Einfluss. Mit Blick auf die von 2020 an geltende Schuldenbremse sollen daher im restlichen Fünftel die Kosten um zehn Prozent gesenkt werden. Konkret geht es dabei einerseits um direkte Zuwendungen der Behörde - prominentester Sparkandidat ist das Heim für Kinderkuren auf Föhr - und andererseits um Zuwendungen an die Bezirke für Kinder- und Jugendarbeit. Sie sollen von 33,6 auf 30,1 Millionen abgesenkt werden. Gleichzeitig können die Einrichtungen in den Bezirken aber auf einen Zwölf-Millionen-Euro-Topf für sozialräumliche Angebote zugreifen. Dahinter steckt der Ansatz, den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Familien weniger direkte (teure) Hilfe zukommen zu lassen und ihnen stattdessen mehr (günstigere) stationäre Angebote zu machen, die sie aufsuchen können oder müssen.

Mithilfe der sozialen Stadtkarte sollen die Bezirke dafür nun Konzepte erarbeiten. Dass die Aufstellung letztlich nur dazu dient, Sparpotenzial sichtbar zu machen, weist Scheele von sich: "Das ist nicht das Ziel." Allerdings dürfte es auch nicht ausgeschlossen sein, dass eine sichtbare Ballung von sozialen Einrichtungen dazu führt, dass die eine oder andere infrage gestellt wird.

Aus Sicht von Mehmet Yildiz, Familienexperte der Linkspartei, ist schon die Verquickung von offener Kinder- und Jugendarbeit mit dem Thema GBS und den sozialräumlichen Angeboten ein Unding: "Hier wird versucht, grundsätzlich verschiedene Konzepte auf Biegen und Brechen miteinander zu verknüpfen." Der Senat versuche nur seine Kürzungspläne zu rechtfertigen. Yildiz: "Das ist skandalös."