Besuch in einer Ganztagsschule

Klosterschule in St. Georg: Eine Schule fürs Leben

Experten tagen heute zum Thema Ganztagsschule in der Stadt. Doch wie läuft Unterricht mit Wohlfühlzonen eigentlich genau ab?

Hamburg. Das Sofa ist gemütlich. Dicke, rote Polster, auf denen sich gut relaxen lässt. Janine, 14, und Sophie, 13, haben es sich im Mädchenraum bequem gemacht. Gegenüber im Bewegungsraum baumelt Konstantin, 14, kopfüber am Kletternetz. Im Spielzimmer haben sich Bennett, 11, und Henry, 11, auf eine Partie Schach getroffen. Hinterm Haus wird geskatet, in der Turnhalle getanzt und im Computerraum an digitalen Bildern gearbeitet. Im Schulhof haben sich einige Schüler vor der "Oase" zum Essen getroffen. Sie sitzen mit ihrem Lehrer am Tisch wie unter Freunden. Es ist Schule. Den ganzen Tag.

Die Klosterschule im Stadtteil St. Georg ist das älteste Ganztagsgymnasium in Hamburg. Hinter den alten Mauern des Fritz-Schumacher-Baus am Westphalensweg unweit der Straße Berliner Tor machen etwa 930 Schüler, 70 Lehrer, zwei Sozialpädagogen und eine Krankenschwester an vier Tagen in der Woche von 8 bis 16 Uhr verbindlich Unterricht. Bei der Umwandlung 1992 betrat die Schule pädagogisches Neuland. Heute gilt sie bundesweit als Trendsetterin.

Auch in Hamburg könnte sie anderen Schulen als Vorbild dienen. Der SPD-Senat will das Angebot an Ganztagsunterricht vor allem an Grund- und Stadtteilschulen deutlich ausweiten. Derzeit arbeiten 31 der 53 Stadtteilschulen im Ganztagsbetrieb. Aber nur 23 davon sind gebunden, das heißt, sie bieten an mindestens drei Tagen pro Woche Unterricht bis 16 Uhr an. Auch die 59 Gymnasien sind seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums automatisch Ganztagsschulen geworden. Zumindest organisatorisch. Denn laut Kulturministerkonferenz sind alle Schulen Ganztagsschulen, in denen an mindestens drei Tagen in der Woche nachmittags unterrichtet wird. "Das bedeutet natürlich nicht, dass das Konzept des Ganztagsunterrichts auch überall pädagogisch umgesetzt ist", sagt der Leiter des Schulamts, Norbert Rosenboom.

Aber genau darum sollte es gehen, sagt Benjamin Svensson. Herr Svensson ist 35 Jahre alt. Er unterrichtet Deutsch und Geschichte. Und er hat sich nach seinem Referendariat ganz gezielt für die Klosterschule entschieden, weil hier "die Mischung stimmt". "Es ist keine Problemschule, aber auch kein Elitegymnasium", sagt er. Über 40 Muttersprachen werden in den Familien der Schülerschaft gesprochen. Die Kinder kommen aus "Haushalten der Kreativ-Branche von St. Georg", wie Svensson es nennt, genauso wie aus Elternhäusern, in denen Bildung keine Rolle spiele. Svensson hat eine achte Klasse. 14 Stunden verbringt er pro Woche mit seinen Schülern. Er kennt Stärken und Schwächen, Eigenheiten und Probleme jedes Einzelnen.

Janine Wohlers ist eine seiner Schülerinnen. Sie ist 14 Jahre alt und in Rahlstedt zuhause. Jeden Morgen um sieben Uhr steigt sie in den Bus der Linie 24, fährt weiter mit der Regionalbahn bis Hasselbrook, und schließlich mit der S1 zum Berliner Tor. 50 Minuten dauert der Schulweg. Dennoch hat sich die Schülerin gemeinsam mit ihren Eltern gezielt für die Klosterschule entschieden. "Weil ich hier keine Hausaufgaben bekomme. Weil die Stimmung gut ist und es keine Prügeleien auf dem Schulhof gibt", sagt sie. Vier Unterrichtseinheiten gibt es pro Tag. Jede einzelne dauert 90 Minuten. Dazwischen liegen lange Pausen, in denen sich die Schüler erholen können. Die längste dauert 75 Minuten, von 11.30 bis 12.45 Uhr. Es gibt den klassischen Fachunterricht genauso wie projektbezogenes Arbeiten. Und es gibt Studienzeiten, in denen das selbstständige Lernen der Schüler gefördert wird. Der Lehrer ist dann nur Berater. So wie Anke Jendrny, die eine fünfte Klasse betreut. 29 Schüler sitzen konzentriert über ihren Schulheften. Es ist mucksmäuschenstill. Anke Jendrny schaut den Schülern über die Schulter. Sie sagt: "Der Unterricht ist nicht nur dann richtig, wenn der Lehrer alles selbst in der Hand hat."

Auf den Treppenstufen im dritten Stock haben es sich die Schüler der Jahrgangsstufe 8 mit ihren iBooks bequem gemacht. Sie arbeiten an ihren Projekten. Es geht um Nachrichtentechnik, Umweltverschmutzung und die Entstehung von Planeten. Die Arbeitsatmosphäre ist ruhig und konzentriert.

Auch das ist Ganztagsschule, sagt Schulleiter Ruben Herzberg. "Mehr Zeit für Kinder." Statt dicht gedrängter Unterrichtsinhalte, die in kurzen Zeittakten auf die Kinder einprasselten, stünden hier Lernen und Leben in Einklang. "Die Kinder müssen sich wohlfühlen." Die Lehrer tun es auch. Für viele ist es eine schreckliche Vorstellung, eines Tages mit dem Unterricht aufhören zu müssen.

Herzberg, der das Gymnasium seit 1994 leitet, sieht die Ganztagsschule als notwendiges Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung und als Schule der Zukunft. "Wenn beide Eltern berufstätig sind oder eine alleinerziehende Mutter einen Vollzeitjob ausübt, bleiben Hausaufgabenbetreuung, gemeinsame Mahlzeiten und Hobbys auf der Strecke." Dann müsse die Schule ran und den Kindern die Chance geben, ihre Neugierde auf die Welt zu befriedigen. Das beginnt mit der einwöchigen Kennenlernreise an die Ostsee, geht über den Klassenrat, in dem die Kinder lernen, Probleme eigenständig zu lösen, bis hin zum breiten Angebot an kultureller Arbeit an der Schule. Es gibt zwei Doppelstunden Kunst pro Woche, Theaterunterricht, einen Chor, verschiedene Bands zur Auswahl. Es gibt Theateraufführungen und kulturelle Themenabende sowie Ausstellungen außerhalb der Schule. Ganz offiziell heißt die Klosterschule seit 2008 Kulturschule.

Der gute Ruf der Schule hat sich herumgesprochen. Die Nachfrage ist groß. Die Schüler kommen inzwischen aus allen Stadtteilen. 165 Anmeldungen hat Herzberg für das kommende Schuljahr. Weniger als 120 Schüler kann er unterbringen. Für Herzberg spricht die Entwicklung eine klare Sprache: "Wir brauchen mehr solcher Schulen in Hamburg."

Seit 2008 wurden in der Hansestadt 30 neue Ganztagsschulen eingerichtet. Für das Schuljahr 2011/12 sind weitere zwölf neue Standorte auf den Weg gebracht. "Wir sind hoch interessiert, mehr Ganztagsschulen einzurichten. Deshalb machen wir allen Stadtteilschulen das Angebot, auf Ganztagsbetrieb umzustellen", sagt Schulamtsleiter Norbert Rosenboom. Es gehe dabei nicht um eine Zwangsumstellung. Vorstellbar sei auch, dass in einem Jahrgang sowohl Ganztags- und Halbtagsklassen nebeneinander laufen. "Wichtig ist, dass Eltern die Wahlmöglichkeit haben."

Derzeit stellt die Schulbehörde das gesamte Ganztagsprogramm auf den Prüfstand. "Alles, was es gibt, bleibt", verspricht Rosenboom. "Wir wollen wissen, was können wir uns leisten und in welchen Modellen." Das gelte auch für die Hortreform und die Einführung der "Ganztägigen Bildung und Betreuung" (GBS). Hinter dem von der schwarz-grünen Koalition forcierten Projekt steckt die Verlagerung der Hortbetreuung an die Schulen, die bei Eltern und Kita-Trägern auf große Skepsis stößt.

Natürlich geht es auch um die Kosten. Nach Angaben der Schulbehörde liegen die Ganztagsschulen bei den laufenden Kosten bei einem Mehrbedarf von etwa 500 000 Euro pro Jahr. Dazu kommen noch einmalige Kosten wie die Starthilfe in Höhe von 3500 Euro pro beteiligter Klasse sowie Ausgaben für den Bau von Mensen. Herzberg hat selbst mal nachgerechnet. "Alles in allem kostet die Klosterschule den Steuerzahler etwa zehn Prozent mehr an Personalkosten als andere Gymnasien gleicher Größe", sagt er. Zum Nulltarif gebe es eben keine echte Ganztagsschule. Echt, das heißt für Herzberg eine Schule, die mehr bieten muss als die übliche gymnasiale Stundentafel. Es gehe um Phasen des intensiven Lernens und der Entspannung. Um einen Schulalltag, der Rücksicht auf den Biorhythmus der Kinder nehme und zu weniger Hektik und mehr Gelassenheit führe. Ihm gibt der Erfolg seiner Schüler recht: Bei Wettbewerben, Lernstandserhebungen und auch im Abitur erzielen sie schon seit Jahren ausgesprochen gute Ergebnisse, und das auch unabhängig vom Bildungsgrad der Eltern.

"Die Qualität muss stimmen. Die Schule darf kein Aufbewahrungsort werden", sagt Edda Georgi, Vorstand der Elternkammer. Bildung müsse am ganzen Tag stattfinden. In der Klosterschule ist diese Forderung längst Realität. In der Mittagspause können die Schüler Neigungskurse besuchen wie Chor, Malen, Perkussion oder Kunst mit Papier. Es gibt Angebote für Schach und Fußball, Go und Tischtennis. Und nach dem Unterricht ab 16 Uhr geht es weiter mit Turnen, Segeln, Schauspielern und Comiczeichnen. Die meisten Schüler machen mit. Freiwillig.