Elbphilharmonie Hamburg

Peter Tschentscher: Der Aufklärer

Foto: Juergen Joost / Jürgen Joost

Peter Tschentscher leitet den Untersuchungsausschuss zur Elbphilharmonie. Porträt eines ungewöhnlichen Politikers.

Hamburg. Es gibt einen Satz, der ihn furchtbar geärgert hat und ihn doch wunderbar beschreibt. Obwohl er gar nicht von ihm stammt, sondern, ausgerechnet, von Michael Freytag. "Noch mal", hatte der damalige CDU-Finanzsenator am 2. Februar gesagt, "noch mal, Herr Abgeordneter, machen Sie sich nicht zu viele Gedanken!" Volltreffer.

Es ist nicht leicht, Peter Tschentscher aus der Ruhe zu bringen, er ist normalerweise die Freundlichkeit und Zurückhaltung in Person. Aber wer ihn auffordert, das Denken einzustellen, hat gute Chancen, ihn in Wallung zu bringen, vor allem sein Gehirn. Denn Gedanken macht er sich immer, der Finanzexperte der Hamburger SPD, der jetzt den Vorsitz im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) Elbphilharmonie übernommen hat. Zum Beispiel über die Frage, warum der Senat 268 Millionen Euro aus "Vermögensmobilisierung" erlösen will, der Finanzsenator ihm im Haushaltsausschuss aber partout nicht sagen will, welche Art von Vermögen denn "mobilisiert" werden soll, und ihm stattdessen den schon legendären Rat gibt, sich "nicht zu viele Gedanken" zu machen.

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Oder über die neuen Milliardenschulden, die ja keineswegs nur der Finanzkrise geschuldet seien, sondern ebenso den schwarz-grünen Spendierhosen. Oder über die HSH Nordbank, deren Rettung die Stadt sehr wohl etwas gekostet habe. Zwar nicht das Milliarden-Paket an sich, okay, aber das habe doch dazu geführt, dass die alten Aktien der Stadt verwässert wurden und daher die städtische Holding HGV ins Minus gerutscht sei und nun aus dem Haushalt gepäppelt werden müsse ...

Kurze Antworten sind nicht Peter Tschentschers Stärke. Wenn er sich für etwas interessiert, will er es ganz genau wissen. Und wer ihn dann danach fragt, bekommt es ganz genau erklärt. Dass er weiß, warum es nicht in Ordnung war, 2008 von Haushaltstitel 001-xyz 1,5678 Millionen Euro nach 002-xyz zu übertragen, liegt zwar auch an seinem pfiffigen Referenten in der Fraktion, der ihn mit Informationen versorgt. Aber es muss darüber hinaus in seinem Kopf wohl noch eine Extrafestplatte nur für Zahlen geben. Einziges Problem: Wenn die ins Rotieren kommt, verdrängt Tschentscher mitunter, dass er nicht nur Labormediziner, sondern auch Politiker ist und dass es in dieser Branche sinnvoll ist, die Dinge kurz und knackig auf den Punkt zu bringen.

Aber seine Detailversessenheit, Hartnäckigkeit, dass er Argumenten Vorrang gegenüber politischen Scharmützeln einräumt, all das hat dem44-Jährigen in erst zwei Jahren Bürgerschaft schon einen glänzenden Ruf eingebracht. Ob beim Rechnungshof, beim Steuerzahlerbund, bei Wirtschaftsverbänden oder Kammern: "Die SPD hat endlich wieder einen pfiffigen Finanzexperten", hört man immer häufiger. Das brachte Tschentscher schon Auftritte in der "Tagesschau" und eine Einladung zum Unternehmensverband Hamburg ein - Stargast Michael Freytag soll etwas pikiert gewesen sein, als er seinen Gegenspieler in der ersten Reihe sitzen sah.

Nun, Freytag ist zurückgetreten und war gestern. Die Elbphilharmonie ist heute. Und morgen, wenn alles aufgeklärt ist? Finanzsenator Dr. Peter Tschentscher? Auf derartige Ambitionen angesprochen, schmunzelt der gebürtige Bremer. Sein Lebensziel sei das nicht. "In der Politik etwas zu planen ist schwer", sagt er. "Es kommt doch meistens anders." So wie 2007, als es ihn nach 16 Jahren in der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, davon die Hälfte der Zeit als Fraktionschef, in die Bürgerschaft zog. Eigentlich ein Selbstgänger, doch die gab es im damals heillos zerstrittenen SPD-Kreisverband gerade nicht.

Dass Tschentscher sich aus dem Machtkampf zwischen der Kreisvorsitzenden Inka Damerau und ihrem Herausforderer Jens-Peter Rosenfeld heraushalten wollte, hätte ihn fast die Bürgerschaftskandidatur gekostet. Doch am Ende kam es wie so oft: Wenn zwei sich streiten, gewinnt halt ein Dritter. Tschentscher zog in die Bürgerschaft ein und wurde - obwohl er das eigentlich zunächst abgelehnt hatte - auch Kreischef. Hamburg-Nord ist ein bedeutender SPD-Kreisverband, der zweitgrößte in Hamburg nach Wandsbek, alle Bürgermeister kamen aus einem dieser Kreise. Einer von Tschentschers Vorgängern als Kreisvorsitzender war ein gewisser Helmut Schmidt.

Er kann also tun und sagen, was er will, es nicht tun oder schweigen: Ambitionen wird man ihm immer nachsagen. Und so verwunderte es nicht, dass in einer der vielen SPD-Krisen zwischen Anfang 2008 und Ende 2009 auch sein Name ins Spiel gebracht wurde: Tschentscher, der vermeintlich Linke aus Nord, sollte Fraktionschef Michael Neumann, den Rechten aus Mitte, ablösen. Die SPD sollte wieder weiter nach links rücken, um sich besser als Alternative zur CDU profilieren zu können. Dass der Finanzexperte sich in seiner Rolle wohlfühlte und ein Putsch gegen den Chef nicht seinem Naturell entspricht, ignorierten die Köche in der Gerüchteküche. Es blieb beim Gerücht.

Eine kleine Retourkutsche gab es dennoch. Ob das denn zu schaffen sei, Halbtagsarzt am UKE, Bürgerschaft, finanzpolitischer Sprecher, Fraktionsvorstand - und dann auch noch Kreisvorsitz und Landesvorstand, wurde in der Partei geraunt. Nicht offen, natürlich nicht. Aber Tschentscher hörte die Signale, und so verließ er sogar eine Sitzung des PUA HSH Nordbank, um zur Kreisdelegiertenversammlung seiner Partei zu eilen. Es muss ihn geschmerzt haben. Es war die "Königssitzung" des PUA, HSH-Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher sagte erstmals als Zeuge aus, und kaum jemand in der SPD kennt die HSH so gut wie Tschentscher. Aber was nützt das, wenn einem der Parteiboden unter den Füßen wegzurutschen droht? Also ging er. Es war wohl besser so. Ende Mai wird der Kreisvorstand neu gewählt - Tschentscher hat keinen Gegenkandidaten. Was Nonnenmacher an dem Abend im Kaisersaal des Rathauses aussagte, erfuhr Tschentscher übrigens dennoch sehr schnell. Seine Frau Eva-Maria war, wie häufiger bei Politikterminen, als Besucherin mit ihm ins Rathaus gekommen - und blieb, als ihr Mann ging.

Zum Auftakt des Untersuchungsausschusses Elbphilharmonie kam sie nicht. Es hätte sich auch nicht gelohnt - die Sitzung dauerte acht Minuten und brachte nur eine neue Erkenntnis: Ihr Mann wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Dass er dafür sogar auf seinen Sitz im HSH-PUA verzichtet hat, sagt einiges. Aber die Elbphilharmonie, da ist er sich sicher, hat für Hamburg noch mehr Sprengkraft als die Nordbank. Weil sie ein Projekt des Senats ist, und weil ihre Probleme nichts mit dem Zusammenbruch amerikanischer Investmentbanken oder der Gier britischer Spekulanten zu tun haben. Sie sind hausgemacht, oder präziser: rathausgemacht. Jedenfalls ist das die Vermutung der Opposition, die nun der Aufklärung harrt.

Tschentscher selbst hat eine besondere, distanzierte Beziehung zu dem Projekt: Als es beschlossen wurde, war er noch nicht im Parlament, und die exorbitanten Kostensteigerungen hat er hinterfragt wie kein Zweiter. Einladungen auf die Baustelle hat er stets abgelehnt - weil er fürchtet, dass ihm die grandiose Aussicht auf die Elbe den Blick auf die Probleme vernebelt. Jetzt muss er hin - als eine der ersten Handlungen will der PUA sich den Bau und seine Probleme erläutern lassen. Bis dahin ist aber noch Zeit - Zeit, sich Gedanken zu machen. Und kein Senator wird es verhindern können.