Fußball

Lüneburger SK – nach 109 Jahren kommen die Bagger

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Volker Stahl

Trauer um den Wilschenbruch: Das historische Sportgelände wird Bauplatz – die Fußball-Oberligamannschaft des LSK Hansa ist bald heimatlos, die Zukunft des Verein gefährdet.

Lüneburg. Im Trauerspiel um den Wilschenbruch fällt 2014 der letzte Vorhang. Das Traditionsgeläuf ist aus der Konkursmasse des Lüneburger Sport-Klubs von 1901 für 4,05 Millionen Euro an den Geesthachter Investor Uwe Gerner verkauft worden. Im nächsten Jahr rücken die Bagger an, um die Vorarbeiten zum Bau von 25 Eigenheimen auf großzügig geschnittenen Grundstücken zu leisten – dann wird auch das Schicksal der alten, in Deutschland nahezu einzigartigen Holztribüne besiegelt sein. Der bislang vom Konkursverwalter auf dem Gelände geduldete Nachfolgeverein Lüneburger SK Hansa verliert Ende März 2014 seine Heimat – der Spielbetrieb am Wilschenbruch wird nach 109 Jahren eingestellt. Der LSK muss mit seinen Mannschaften auf andere Plätze ausweichen.

„Der Gedanke zur Gründung eines Fußballvereins in Lüneburg taucht bei einem Spaziergang nach Bardowick auf, wohin sich in dieser Zeit die Lüneburger Jugend recht oft begab“, schreibt LSK-Chronist Erhard Rölcke in seinem Werk „Die Jungs vom Wilschenbruch“. Zurück zu den Wurzeln heißt es zumindest für die erste und zweite Mannschaft des LSK, die künftig beim TSV Bardowick unterkommen wird. „Es ist schön zu erfahren, dass uns gute Freunde nicht im Stich lassen“, sagt Jörg Harder. Der zweite Vorsitzende des LSK Hansa betont aber, dass es sich bei dem geplanten Ausweichen um eine „Übergangs- und keine Ziellösung“ handele. „Wir benötigen einen neuen Standort. Bezogen auf die Sportstättenplanung ist das die größte Herausforderung in Lüneburg seit einhundert Jahren.“ Ob der LSK überhaupt eine neue Heimat finden wird, steht in den Sternen, denn konkrete Gespräche mit der Stadt hat es bis heute nicht gegeben. „Es ist leider so, dass die Stadt auf unsere Vorstöße nicht reagiert“, moniert Harder.

Und was ist, wenn der LSK Hansa im Sommer in die Regionalliga aufsteigt? „Dann wäre ein Spielbetrieb in Bardowick prinzipiell möglich“, betont Harder. Das habe die Platzbesichtigung durch Vertreter des Norddeutschen Fußballverbands ergeben. „Es müsste aber in spürbarem Rahmen investiert werden, um die Regionalligatauglichkeit herzustellen.“

Auch der Nachwuchs des Klubs dürfte bei anderen Vereinen unterkommen. Zur Problemlösung hatte der Lüneburger Sportdezernent Peter Koch an einen Runden Tisch geladen. Nach anfänglicher Skepsis signalisierten alte Rivalen wie die SV Eintracht Lüneburg und der TuS Erbstorf, acht LSK-Jugendmannschaften aufnehmen zu wollen. Auch die Lüneburger SV, deren Fußballabteilung sich nach dem Zusammengehen zur Neugründung des LSK Hansa im Jahr 2008 wieder abgespalten hat, stellte – ebenso wie der Ochtmisser SV – Hilfe in Aussicht.

Der Spielbetrieb ist bis zum Saisonende gesichert. Wie es anschließend weitergeht, steht in den Sternen. Wolfgang Bubolz, ehemaliger LSK-Spieler und Ex-Vorsitzender des Nachfolgevereins, sieht den Klub unter Zugzwang: „Die Kooperation mit Bardowick ist nichts Halbes und nichts Ganzes und hat keine Perspektive.“ Früher gemachte Fehler seien leider nicht mehr zu korrigieren: „Am besten wäre es gewesen, wenn die in den 1990er-Jahren angedachte Lösung des Verkaufs des Geländes und der Schaffung einer neuen Sportstätte umgesetzt worden wäre.“

Schon damals sei klar gewesen, dass der Wilschenbruch zu klein ist, um allen Mannschaften eine Heimat zu bieten, so Bubolz. „Dass der Verein heute überstürzt handeln muss, ist bitter.“ Deshalb stuft der ehemalige Stürmer den Fortbestand des Klubs als „stark gefährdet“ ein: „Wenn die Jugendmannschaften über Jahre hinweg bei der Eintracht trainieren und spielen, fragen die sich doch: warum treten wir nicht gleich dort ein?“ Ein Verein bestehe nicht nur aus der ersten und zweiten Mannschaft, gibt Bubolz zu bedenken.

In das gleiche Horn stößt Ralf Sievers. Der mit dem Klub und Wilschenbruch eng verbundene ehemalige Spieler und Trainer betont: „Jeder Verein braucht eine Heimat, und die hat der LSK bald nicht mehr.“ Wenn das Gelände und das Vereinslokal, wo sich alle Spieler und Mitglieder träfen, nicht mehr existierten, könne kein Vereinsleben stattfinden: „Ich würde mir natürlich wünschen, dass es weiter geht. Aber ich weiß auch, dass Lüneburg keine Sportstadt ist.“ Die Stadt verpulvere Unmengen an Geld für den Bau der Leuphana-Universität, kritisiert Sievers, und für den Sport sei dann nicht mehr viel übrig: „Hier gibt es nicht mal einen Kunstrasenplatz. In Stade verfügen der VfL und Güldenstern gleich über zwei Plätze.“ Dass die Stadt Lüneburg unter diesen Voraussetzungen mithilfe von Fördergeldern, Sponsoren und Unterstützung der LSK-Verantwortlichen ein neues Stadion auf den Weg bringt, glaubt Sievers nicht: „Das ist äußerst unwahrscheinlich.“

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