Die Stadtteilserie

Hausbruch

| Lesedauer: 7 Minuten
Iris Hellmuth

Internationaler Schmelztiegel in ländlicher Idylle - mit Resten des einzigen Hamburger Bergwerks.

Wenn es in Hamburg einen Ort gibt, der sich besonders gut als Startpunkt für Zeitreisen eignet, dann ist das Hausbruch. Im Dorfkrug zum Beispiel, an der Neuwiedenthaler Straße. Ein schlichtes Haus, alte Holztüren, ein Vorraum. Da hat es in den 60er-Jahren bestimmt genauso gerochen, und vielleicht hing auch schon ein HSV-Wimpel an der Wand. Oder gleich um die Ecke, am Minnerstieg. So hat es einmal angefangen in Hausbruch, vor rund 400 Jahren - mit Reetdachtennen und Mauern aus Findlingen.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Wenn man hier startet und die schmalen Straßen entlanggeht, durch die an manchen Stellen nicht mal ein Auto passt, dann hat man Mühe zu begreifen: dass das alles hier zusammengehört. Das alte und das neue Hausbruch, das nur wenige Meter entfernt liegt und zum Großteil aus Hochhäusern besteht. Seit Jahrzehnten stehen sie hier, und noch immer wirken sie wie Fremdkörper inmitten der Wälder und Moore von Hausbruch. Dabei sind sie vielleicht einfach nur die logische Fortsetzung einer Großstadtgeschichte: Hamburg ist gewachsen, Hausbruch ist gewachsen. Das, was nördlich der Elbe auf mehrere Stadtteile verteilt ist, gibt es hier zusammengefasst auf wenigen Quadratkilometern: Menschen, die seit Jahrhunderten in Villen leben, und Menschen aus allen Ecken der Welt, die sich winzige Wohnungen teilen. Die Wohnungen von Neuwiedenthal.


In das Wirgefühl investiert

Hausbruch besteht aus Altwiedenthal, Neuwiedenthal und dem Dubben, einer kleinen Wohnsiedlung südlich des Tesa-Werks. Drei Viertel der Bevölkerung Hausbruchs machen inzwischen die Neuwiedenthaler aus, doch sie leben nur auf einem Viertel der Gesamtfläche. Ihre Berührungspunkte mit dem alten Hausbruchern sind spärlich, im Schützenverein von 1898 sind sie wenn überhaupt eine Minderheit. Man trifft sie vor allem in der "Grünen Mitte", einem Park in der Nähe des Einkaufszentrums Rehrstieg, sieht man vor allem Neuwiedenthaler, es sind alte Männer in alter Kleidung, Kinder und Jugendliche nicht deutscher Herkunft.

Sie spielen Fußball und skaten, ohnehin ist Neuwiedenthal voller Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche austoben können. Das ist unter anderem Pro Quartier zu verdanken. Vor fast zehn Jahren schlossen sich 13 Vermieter der Großsiedlung zu dieser Vereinigung zusammen. "Wir verstehen uns nicht als Imagekampagne für den Stadtteil", sagt Sozialplanerin Hanna Waeselmann, "wir investieren in Maßnahmen, die das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit dem Wohnort stärken."

Zum Beispiel die Neuwiedenthaler Apfelschule: Jedes Frühjahr, jeden Sommer und Herbst fahren Kindergruppen auf einen Bio-Apfelhof im Alten Land und erleben die Entwicklung von der Blüte bis zur Frucht. Beim Abschlussfest werden direkt im Stadtteil mehrere Hundert Liter Apfelsaft gepresst und die Schüler als "Apfelexperten" ausgezeichnet. Die Rechnung ist einfach: Wer dort Schönes erlebt, wo er wohnt, wird sich dort auch willkommen fühlen. Denn natürlich ist das ein Thema in Neuwiedenthal: Die Kriminalitätsrate ist vergleichsweise hoch, der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei 49,6 Prozent.

Vom Leben glücklicher Landeier

Wenn man mit Menschen durch Hausbruch geht, die nach dem Krieg hier groß geworden sind, dann blickt man in glückliche Landeier-Augen. Ihre Welt war eine kleine, sie bestand aus dem Dorfkrug, Bäcker Ammon und Eisenwaren Hartwig, an der Ecke Lange Striepen/Neuwiedenthaler Straße stand in den 50er-Jahren noch eine Grünkohlfabrik. Zu Erntezeiten fanden vor allem die Frauen hier Arbeit. An heißen Tagen holten die Kinder ihren Eltern im Dorfkrug Alsterwasser, wenn sie nicht gerade im Moor spielten, und im Winter hatten sie die verschneiten Harburger Berge für sich. Erst am Wochenende kamen die Hamburger mit ihren großen Schlitten. Zur Schule fuhr man mit dem Rad. Heute sind die Hausbrucher Landeier Mitte 60, noch immer halten sie Kontakt, allerdings inzwischen über das Internet. Denn sie leben in der Lüneburger Heide, in Kanada oder sind zurückgekehrt an den Ort ihrer Kindheit - ergraut, aber glücklich. Und gesund. Wer als Kind die Hügel zwischen Hausbruch und Harburg mit dem Rad erklomm, der profitiert noch heute davon. Und anders kam man eben nicht zur Schule.

Alles da, was Kinder brauchen

Noch heute ist Hausbruch ein guter Ort für junge Familien. Es gibt bezahlbare Grundstücke, unzählige Spielplätze, ein Freibad, ein Hallenbad. Es gibt zwei große Sportvereine und jedes Jahr ein Schützenfest. In den kommenden Jahren werden Millionen Euro in die Modernisierung von Hausbruchs Schulen fließen, sie sind Teil eines großen Modernisierungsprojekts.

Und es gibt die Natur, das Umland. Hausbruch grenzt im Süden an die Gemeinde Rosengarten und das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Es gibt unzählige Routen für Wanderungen und Radtouren - und entsprechend viele Orte mit Biergärten und Terrassen. Das Berghotel Hamburg Blick zum Beispiel, das früher Große Sennhütte hieß. Es liegt auf dem 74 Meter hohen Wulmsberg, allein die Auffahrt ist ein Erlebnis: weil die Serpentinen einen glatt vergessen lassen, dass man gerade in Hamburg ist und nicht in der Schwäbischen Alb.

Braunkohle aus dem Emmetal

Hier, am südlichen Zipfel von Hausbruch, liegt das wohl am besten versteckte Denkmal der Stadt. Denn wer weiß schon, dass hier, im Emmetal, einmal das einzige Bergwerk Hamburgs stand? Vor fast 100 Jahren, 1917, stieß man bei Bohrungen für einen Brunnen auf Braunkohle. Die Eigentümerin des Grundstücks ließ sich sogleich durch das Bergamt Celle die Schürfrechte für eine Fläche von mehr als vier Millionen Quadratmetern verleihen - und verkaufte sie 1918/1919 an eine Dortmunder Firma. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte Kohlenot, da lohnte selbst die Förderung in Norddeutschland.

+++ Die Stadtteil-Patin: Iris Hellmuth +++

Und so entstand in Hausbruch das Bergwerk Robertshall. 17 Meter war der Schacht tief, von dem heute bis auf ein paar Mauerreste der Kohlenwäscherei nichts mehr zu erkennen ist. Nur ein Straßenname ist geblieben (Beim Bergwerk) und die eine oder andere Bodenmulde im umliegenden Wald. Im Helms-Museum gibt es ein Modell des Bergwerks, da kann man sich dann ein Bild davon machen, wie die Kultur der Kumpels in den 20er-Jahren in Harburg Einzug hielt. Hausbruch ist eben anders. Anders als damals, als es die Hochhäuser von Neuwiedenthal noch nicht gab. Und anders, als man denkt, wenn man den Stadtteil sonst nur vom Durchfahren kennt.

In der nächsten Folge am 2.6.: Barmbek-Nord

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