Hamburger Fussball

Er war Hooligan und Skinhead – dann kam Andrea

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Stahl
Vom Hooligan zum DFB-Ehrenamtspreisträger: Olaf Block auf dem Sportplatz Slomanstraße im Hamburger Stadtteil Veddel.

Vom Hooligan zum DFB-Ehrenamtspreisträger: Olaf Block auf dem Sportplatz Slomanstraße im Hamburger Stadtteil Veddel.

Foto: Volker Stahl / stahlpress Medienbüro

Olaf Block prügelte sich mit anderen Hooligans und der Polizei. Eine Begegnung brachte die Wende. Heute engagiert er sich ehrenamtlich.

Hamburg. Olaf Block ist als Ehrenamtler in der Hamburger Fußballszene viel herumgekommen. Am längsten hielt er es beim Klub Kosova aus, für den er von 2013 bis 2019 als Jugendleiter an der Dratelnstraße tätig war. Für sein Engagement und seine Integrationsarbeit bei dem Wilhelmsburger Verein bekam er die Auszeichnung „Held made in Hamburg“ verliehen, dazu wurde von einem Energiekonzern ein Elektrofahrrad ausgelobt. Später kam die Silberne Ehrennadel des Hamburger Fußball-Verbands hinzu.

Olaf Block organisierte „Klub Kosova Hate Racism Cup“

Und 2017 organisierte er ein viel beachtetes Jugendturnier unter dem Motto „Klub Kosova Hate Racism Cup“. Zu diesem Zeitpunkt war seine dunkle Vergangenheit längst Geschichte, denn Olaf Block war vom Saulus zum Paulus geworden – früher prügelte er sich als Hooligan des SV Meppen beinahe durch ganz Norddeutschland.

Es begann harmlos. Als Kind begeisterte sich Olaf Block für den Fußball und fing an zu kicken. Erst den ganzen Tag auf einem Dorfacker, später in der E-Jugend des ASV Altenlingen im Emsland. Der Sport war ein Ventil für Olaf. Zu Hause habe es keine Anerkennung gegeben und in der Schule sei er „nicht die hellste Kerze auf der Torte“ gewesen, erzählt er beim Treffen auf dem Sportplatz an der Slomanstraße im Stadtteil Veddel.

Erster Nasenbeinbruch, als er eine Schalke-Fahne anzündete

Er war 14, als er im Derby gegen „die Bauern“ von Holthausen-Biene von der Ersatzbank in die Abwehr beordert wurde. Weil sein Gegenspieler ihm immer wieder auf die Socken trat, sann der Teenager auf Rache: Er sprang seinem Kontrahenten von hinten in die Beine, trat dem sich auf dem Boden Wälzenden anschließend mit voller Wucht aufs Fußgelenk und freute sich: „Der spielt nie wieder Fußball!“

Olaf Block flog vom Platz und aus dem Verein. Doch der Gewalt blieb er treu – als Anhänger des SV Meppen. Dort bekam er die ersehnte Anerkennung. In seiner Clique war er plötzlich der Held, als er im Emslandstadion die Fahne des gastierenden FC Schalke 04 abfackelte und dafür von Gästefans brutal verprügelt wurde. „Der erste Nasenbeinbruch“, schreibt er lakonisch in seiner Autobiografie mit dem Titel „Mein Weg vom Hooligan zum DFB-Ehrenamtspreis“.

Bäckerlehre, Bundeswehr, Skinhead-Szene, Sozialstunden

Block absolvierte eine Bäckerlehre und verpflichtete sich später bei der Bundeswehr. Weil er in Amsterdam stationiert war, bekam er doppeltes Salär, das er in Unmengen Alkohol und Auswärtsfahrten seines Vereins investierte. Es gab unzählige Schlägereien mit rivalisierenden Fangruppen: „Wenn die Polizei kam, hatten wir plötzlich einen gemeinsamen Feind. Da waren wir uns einig.“

Es kam noch schlimmer. „In dieser Zeit wurde die Skinhead-Szene für mich interessant. Ich fing an, Tag und Nacht die Musik der Böhsen Onkelz zu hören.“ Blocks prügelnde Vorbilder waren die Skins aus Rostock. Er radikalisierte sich, rief „Steine, Steine auf die Bullenschweine“ – und warf! Die Folge: Festnahme, Gerichtstermin, Schmerzensgeldzahlungen und Sozialstunden.

Fußball-Weltmeisterschaft 1998 brachte ihn zum Zweifeln

Es hagelte weiter Anzeigen, die Bundeswehr schob ihn aufs Abstellgleis, seine Freundin verließ ihn und er bekam eine zweijährige Bewährungsstrafe aufgebrummt – wegen illegalen Waffenbesitzes und Sozialbetrugs. Einen Teil der Strafe, konkret drei Monate, verbrachte Block im offenen Vollzug, der ihm psychisch stark zusetzte: Er fing an, sich zu ritzen und erhielt die Diagnose Borderline-Syndrom: „Ich bekam einen Knacks, merkte, dass ich mich nicht mehr spürte und war der Meinung, dass ich mich für meine Taten selbst bestrafen müsste.“

Zum ersten Mal an der Richtigkeit seines Handelns habe er während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 gezweifelt, als der französische Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans ins Koma geprügelt wurde und seinen Beruf wegen irreversibler Schäden aufgeben musste.

Die Wende in Blocks Leben kam mit Partnerin Andrea

Die Wende in Blocks Leben kam 2002, als er Andrea kennenlernte. Das Paar heiratete. Er nahm den Nachnamen seiner Partnerin an, zwei Jahre später wurde die gemeinsame Tochter geboren. Seitdem wohnt die Familie auf der Veddel, die zu den sozial schwächeren Stadtteilen Hamburgs gehört. Der Migrationsanteil liegt bei 45,5 Prozent. Für den ehemaligen Hool ein „Kulturschock“. Doch schon bald habe er sich auf der Elbinsel wohlgefühlt.

Schmunzelnd erzählt er eine Anekdote: „Zu Beginn eines neuen Schuljahrs kam unsere Tochter mal zu mir und sagte: Papa, wir haben ein deutsches Kind in unserer Klasse.“ Da machte es bei Olaf Block endgültig klick – er mutierte vom Saulus zum Paulus, war plötzlich beseelt von dem Gedanken, alles wieder gut machen zu müssen. „Als ich 2005 ein Fußballspiel der Kreisklasse besuchte, kam ich mit der Platzwartin ins Gespräch.“

Aufstieg vom Betreuer zum Vorsitzenden bei Dynamo Hamburg

Er lernte Spieler und Funktionäre des Fußballvereins Vatan Gücü kennen, wurde ehrenamtlicher Betreuer der Herrenmannschaft. Block füllte ein Jahr lang Wasserflaschen, pumpte Bälle auf, wusch Trikots. 2009 heuerte er beim neu gegründeten Fußball-Club Dynamo Hamburg an und stieg binnen Wochen vom Betreuer zum 1. Vorsitzenden auf. Er gründete und trainierte jahrelang Jugendmannschaften, besorgte Sponsoren und erledigte Organisatorisches. Zuletzt kümmerte er sich als Vorstandsmitglied bei Veddel United um die Nachwuchskicker. Der Hamburger Fußballverband verlieh ihm für sein Engagement einen Ehrenamtspreis und überreichte ihm eine DFB-Armbanduhr, die er weiter verschenkte.

Doch nun sei sein Akku leer, sagt der gesundheitlich angeschlagene Block, der im August vergangenen Jahres 50 Jahre alt geworden ist. „Ich werde dem Verein zwar weiter als Berater zur Verfügung stehen, aber jetzt geht für mich eine lange Zeit mit dem Fußball zu Ende.“ Ehrenamtlich möchte er sich auch in Zukunft engagieren, seine Geschichte in Schulen und Vereinen erzählen und den „Kids und Jugendlichen“ zeigen, dass man gewaltfrei leben und ohne Alkohol und Drogen etwas erreichen könne. Die soziale Kompetenz dazu besitzt er, denn in den vergangenen zwei Jahren hat Block hauptberuflich in der Produktionsschule Eimsbüttel als Anleiter in der Malerwerkstatt gearbeitet – mit Schulschwänzern, Drogenabhängigen, gewalttätigen Jugendlichen.

Olaf Block: „Mein Weg vom Hooligan zum DFB-Ehrenamtspreis“, 48 Seiten, 5 Euro zuzüglich Versandkosten, Bestellungen per E-Mail unter olafblock-hamburg-mitte@gmx.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg