Ermittler und Verfolger

So arbeiten Harburgs Corona-Detektive

Sie gehören zum Kern des Pandemie-Teams im Landkreis Harburg: (v.l) Gesundheitsamt-Abteilungsleiterin Sibylle Gruhl, „Containment Scout“ Christian Wapenhensch, Verwaltungsexperte Frank Plönnigs und Amtsärztin Astrid Schwemin.

Sie gehören zum Kern des Pandemie-Teams im Landkreis Harburg: (v.l) Gesundheitsamt-Abteilungsleiterin Sibylle Gruhl, „Containment Scout“ Christian Wapenhensch, Verwaltungsexperte Frank Plönnigs und Amtsärztin Astrid Schwemin.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Das „Pandemie-Team“ des Landkreises ermittelt Kontaktpersonen und versucht Infektionsketten zu stoppen. Aktuell steigen die Zahlen an.

Winsen. Den Vergleich mit einer trockenen Wiese, auf der immer wieder kleine Feuer auflodern, die man dann ganz schnell löschen muss, um einen Flächenbrand zu verhindern, findet sie eigentlich ganz „passend“ für den Job, sagt Astrid Schwemin. Die Leitende Amtsärztin ist gemeinsam mit Gesundheitsamt-Chefin Sibylle Gruhl so etwas wie der Kopf eines bei der Winsener Kreisverwaltung eingerichteten Pandemie-Teams. Aufgabe: Kontaktpersonen von Corona-Infizierten aus dem Landkreis schnell finden, Risiken abschätzen und in bestimmten Fällen auch Quarantänen anordnen, um so Infektionsketten rechtzeitig unterbrechen zu können.

Im Wochen-Durchschnitt sind es derzeit pro Tag mehr als zwei Positiv-Fälle, deren sämtlichen sozialen Kontakte der letzten Zeit ermittelt werden müssen. Im Juni war die Zahl auch schon einmal auf Null gesunken. Jetzt steigt sie wieder. Aber eben noch nicht auf den Stand von März und Anfang April: Ende März zählte man im Gesundheitsamt im Wochenschnitt zehn positive Testungen auf Corona pro Tag, Anfang April sogar 18!

Corona-Detektive: So arbeitet das Pandemie-Team

In dieser Zeit gab es dann Fälle wie den eines Rückkehrers einer Ski-Reise. Nichtsahnend steckte er auch Mitglieder seiner Fußballmannschaft im Landkreis an, man fuhr zu Spielen anderer Mannschaften, anderntags pendelten viele Spieler wieder in ihre Büros. Aus einer Infektion im Skiort drohte ein multiples Geschehen im Landkreis zu werden, ein Flächenbrand, der bald auch nicht mehr von den immer mehr „Corona-Detektiven“ zu bewältigen schien.

Rund 100 Mitarbeiter aus vielen Abteilungen der Kreisverwaltung waren seinerzeit ganztägig oder in Teilzeit in die so neue Aufgabe involviert; vieles, was sonst im Amt zu erledigen war, fiel zunächst herunter. Und doch wurde das Szenario des Corona-Flächenbrands immer bedrohlicher. „Aber dann kam der Lockdown“, sagt Amtsärztin Schwemin. Das Einfrieren so vieler Kontakt- und Infektionsmöglichkeiten verschaffte dem Pandemie-Team Luft, sich zu strukturieren.

Es gibt jetzt ein Kernteam der Pandemie-Truppe

Rechtzeitig vor einer möglichen zweiten Welle, wie Landrat Rainer Rempe meint: „So beunruhigend der erneute Anstieg der Infektionszahlen ist, so gut ist es zu wissen, dass wir jetzt in kürzester Zeit auf bestens funktionierende Strukturen zurückgreifen können“, sagt er. Es gibt jetzt ein Kernteam der Pandemie-Truppe mit etwa neun Leuten, die aber jederzeit wieder mit steigenden Zahlen aufgestockt werden. Man könne „dynamisch“ auf das Infektionsgeschehen reagieren, heißt es.

Während einer kurzen Besprechung zeigt sich dem Besucher, wie vielfältig diese Kerntruppe ist: Da sind die Amtsärztin und die Abteilungsleiterin, da ist aber auch Verwaltungsfachwirt Frank Plönnigs: Bescheide ausstellen, Formulare verschicken, Verdienstausfälle beglaubigen – viel Verwaltungsarbeit zieht sich hinter dem eigentlich Detektivjob.

Und das ist dann vor allem eine Aufgabe von Leuten wie Christian Wapenhensch. Der gelernte Rettungssanitäter und studierte Staatswissenschaftler ist als „Containment Scout“ beim Robert Koch Institut (RKI) beschäftigt und speziell ausgebildet worden. Rund 500 solcher Scouts zur Corona-Kontaktermittlung hat das RKI befristet eingestellt und an die Gesundheitsämter im Land entliehen.

Manche Fälle machen auch einfach nur fassungslos

Die vier Mitglieder des Kernteams sitzen im Besprechungsraum, tragen alle Masken. An der Wand hängt eine Tafel mit Hinweisen zu den Hauptübertragungsorten der letzten Monate: „Pflegeheim“, liest man, „Asylunterkunft“, „Erntehelfer“ und ganz oben auf der Liste: „Reise-Rückkehrer“. „Das ist im Moment der Schwerpunkt“, sagt Amtsärztin Schwemin.

Manche Fälle machen sie da auch fassungslos: Etwa das Beispiel eines Paares aus dem Landkreis, Mitte 30, das trotz schon einsetzender Corona-Symptome in einen Strandurlaub geflogen war. Am Urlaubsort musste die Frau ins Krankenhaus, ihr Mann flog zurück – und setzte etliche Mitreisende erneut einem hohen Risiko aus. Um solche und andere Fälle möglichst effektiv rekonstruieren und bewerten zu können, hat das Pandemie-Team zusätzlich zwei Spezialisten-Gruppen aufgestellt: Die „Ermittler“ und die „Nachverfolger“.

Sobald ein Labor die meldepflichtige Infektion eines Landkreis-Bewohners an das Winsener Gesundheitsamt meldet, werden die Ermittler aktiv und versuchen die sozialen Kontakte der letzten Zeit per Telefon-Befragungen und mit Listen, wie sie in Restaurants auslegen, zu ermitteln und nach Risiko-Wahrscheinlichkeiten einzuteilen. Ob jemand im Flugzeug neben einem Infizierten gesessen hat oder weiter weg, ist da ein großer Unterschied. 15 Minuten Face-to-Face-Kontakt oder länger gelten als größtes Risiko.

Strukturierte Kontaktverfolgung soll erneuten Lockdown verhindern

Doch mitunter ist es nicht leicht, solche Abstände zu ermitteln, berichten die Team-Mitglieder. Etwa wenn es zwar Bordkarten gibt, die Plätze im Flieger aber wieder getauscht wurden. Die „Nachverfolger“ rufen unterdessen bei den Verdachtsfällen und Infizierten an, die meist unter häuslicher Quarantäne stehen, mitunter täglich. „Kontrolle ja, in erster Linie geht es aber um Beratung und Betreuung“, sagt Amtsärztin Schwemin.

Oft gebe es natürlich große Ängste. Und es sei wichtig zu beobachten, wie sich die Symptome entwickeln. „Meistens verläuft die Infektion milde, wenn es aber schlimmer wird, dann zwischen dem 5 und 7. Tag“, sagt Schwemin. Wie es nun weiter geht mit der Infektionswelle mag trotz aller Professionalität keiner in dem Team vorhersagen. Klar gebe es nach dem Ende des Lockdowns wieder mehr soziale Kontakte und damit mehr Infektionen, sagt Abteilungsleiterin Gruhl.

Mit der strukturierten Kontaktverfolgung soll aber nun ein erneuter Lockdown möglichst verhindert werden. Man will die Infektion unter Kontrolle halten, unbedingt. Eben wie auf einer trockenen Wiese, wo immer wieder kleine Feuer möglichst rasch gelöscht werden müssen. „Was sich jetzt aber daraus entwickelt – wir wissen es einfach nicht“, sagt die Abteilungsleiterin. Die Gefahr eines Flächenbrandes ist offensichtlich noch nicht gebannt.

Corona im Landkreis Harburg

  • Der Kreis Harburg zählt bisher 656 Fälle, bei denen Menschen positiv auf das Virus getestet wurden, 85 mehr als vor einem Monat. 592 Infizierte gelten als genesen. 13 Corona-Todesfälle wurden im Kreis bisher gezählt, die Zahl ist seit Monaten unverändert.
  • Bei Kontakten mit Infizierten wird nach Risikogruppen unterschieden. Kontaktpersonen der Kategorie 1 hatten dabei ein höheres Infektionsrisiko. Zu ihnen zählen Menschen, die mindestens einen 15-minütigen dichten Gesichtskontakt hatten, zum Beispiel bei einem Gespräch. Aber auch Personen, die vielen Aerosolen ausgesetzt waren: etwa beim Feiern, Singen oder Sport in Innenräumen oder eben im Flugzeug die direkten Sitznachbarn. Nach Abwägung der Möglichkeiten kann in solchen Fällen eine Quarantäne angeordnet werden. Sie endet in der Regel 14 Tage nach dem Kontakt mit dem bestätigten Fall.
  • Als Kontaktpersonen der Kategorie 2 gelten Menschen, die sich beispielsweise in einem Raum mit einem Infizierten aufgehalten haben, aber keinen direkten und längeren Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt hatten. Eine Quarantäne wird dann meist nicht angeordnet.