Nach Corona-Pause

Foto-Ausstellung: Das Harburger Leben der 50er Jahre

| Lesedauer: 5 Minuten
Angelika Hillmer
Kinder im Margaretenhort bilden eine "kleine Lokomotive" (1959). Der kirchliche Zufluchtsort war damals ein Waisenhaus für Flussschifferkinder.

Kinder im Margaretenhort bilden eine "kleine Lokomotive" (1959). Der kirchliche Zufluchtsort war damals ein Waisenhaus für Flussschifferkinder.

Foto: Gerhard Beier / Stadtmuseum Harburg

Archäologisches Museum Hamburg/Stadtmuseum Harburg wieder geöffnet. Erste Eindrücke der neuen Ausstellung.

Harburg.  Das Archäologische Museum Hamburg/Stadtmuseum Harburg hat wieder geöffnet und präsentiert gleich eine neue Ausstellung. Sie trägt den Titel „Stadt – Land – Foto.“ und widmet sich Bildern, die der Fotoreporter Gerhard Beier für die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) geschossen hat.

Bilder aus den 1950ern im Museum zu sehen

Nach seinem Tod im Jahr 2010 ging das umfangreiche Archiv an das Stadtmuseum Harburg über und wird nun nach und nach gesichtet und digitalisiert. Die ersten 70.000 von 190.000 Fotos sind auf diese Weise bearbeitet worden – die besten Bilder aus den 1950er-Jahren sind nun im ersten Stock des Museums zu sehen.

„Der sehr umfangreiche Nachlass von Herrn Beier ist eine großartige Quelle, denn er spiegelt den Alltag in Harburg wider“, sagt Stadthistoriker Jens Brauer. Die ältesten Fotos entstanden 1952, die jüngsten im Jahr 1991, als Gerhard Beier in den Ruhestand ging.

Museums-Mitarbeiterin Joanna Kadlubowska ist seit zwei Jahren dabei, das umfangreiche Werk aufzuarbeiten: „Ich mache das chronologisch und bin jetzt in der Mitte der 1970er Jahre angekommen.“

„Viele Negativfilme sind akribisch beschriftet, gerade bei offiziellen Ereignissen. Daneben gibt es sehr viele Bilder mit privaten Motiven, die möglicherweise gar nicht für die Zeitung, sondern tatsächlich privat aufgenommen wurden. Bei ihnen fehlen leider oft eine Erklärung und auch das Aufnahmedatum“, sagt Kadlubowska.

Die Fotos sind ein großer Schatz

Andere Fotos haben eine schlechte Qualität, sind bessere Schnappschüsse für die Zeitung. Auch sie dokumentieren die Harburger Alltagswelt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Die Bilder sind für uns sehr relevant, sie liefern uns Kenntnisse von Begebenheiten, die sonst niemand festgehalten hat. Denn Alltagsgeschichte wird kaum dokumentiert“, sagt Brauer.

„Die Bilder hat Beier fotografiert, damit sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen. Er selbst hat wahrscheinlich nie daran gedacht, dass sie eines Tages Zeitgeschichte abbilden. Die Fotos sind ein großer Schatz. Und sie liegen physisch vor, nicht nur als digitale Dateien, wie heutige Bilder.“

„Stadt – Land – Foto.“

Das Stadtmuseum Harburg hat neben den Pressebildern auch die Zeitungsausgaben der HAN archiviert. Beides ergänzt sich perfekt: Zu vielen Motiven findet sich in der Zeitungsausgabe des Folgetages der jeweiligen Aufnahme ein Artikel, der den Hintergrund zum Foto liefert.

Umgekehrt zeigen die Reproblätter (DIN-A-4-große Positiv-Abzüge der Negativstreifen für die Fotoauswahl in der Redaktion) weitere Motive zum jeweiligen Zeitungsartikel, die oft zusätzliche Informationen liefern.

Einen kleinen Ausschnitt von 52 Bildern zeigt nun die Ausstellung „Stadt – Land – Foto.“ Sie wird voraussichtlich mindestens ein halbes Jahr lang laufen. Brauer plant, danach auch andere Fotosammlungen unter diesem Motto in einer Ausstellung zu präsentieren, um den stadtgeschichtlichen Bilderschatz des Museums der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Autounfälle und Schützenfeste, Straßenszenen und familiäre Fotos

Die 50er-Jahre-Ausstellung ist im Treppenhaus des Ausstellungsbereichs zu sehen. In den sechs Themengebieten Lebensfreude, Stadtverkehr, Alltag, Kinderwelt, Freizeit/Hobby sowie Sport und Mode finden sich Autounfälle und Schützenfeste, Straßenszenen und familiäre Fotos.

Auch Gerhard Beier ist zu sehen, bei der Arbeit im Fotolabor. Seine Frau hatte bei der HAN als Fotolaborantin gearbeitet und den beruflichen Werdegang ihres Mannes damit maßgeblich beeinflusst. Der begann 1949 als Kurier- und Zeitungsfahrer bei der Lokalzeitung, bekam dann ebenfalls eine Stelle im Fotolabor. Dort machte er Abzüge nach Vorgaben der Redakteure und lernte, wie gute Bilder auszusehen haben. Von 1952 an machte er sie selbst.

„Bilder hatten damals einen sehr hohen Wert, sie waren das wichtigste Verkaufsargument für die Zeitungen“, sagt Jens Brauer. Fotos seien vor einem halben Jahrhundert sehr viel sparsamer eingesetzt worden als in heutigen Zeitungen, so der Stadthistoriker, der Anfang der 90er Jahre selbst eine Zeit lang für eine Zeitung in Köln fotografiert hatte.

Der Fotoreporter dokumentierte eifrig

Mit den sozialen Medien im Internet haben Fotos ihren dokumentarischen Charakter größtenteils eingebüßt. „Sie dienen dort nur noch dem Amüsement, sind Instrumente der Selbstdarstellung“, so Brauer.

Und wenn die abgebildete Szenerie nicht dem Geschmack der Selfie-Fotografen entspricht, wird mit einem Bildbearbeitungsprogramm nachgeholfen und das perfekte „Foto“ inszeniert. Das ist im Journalismus bis heute ein Tabu.

Objektives Geschehen aus subjektivem Blickwinkel

Zu den Zeiten als Gerhard Beier auf den Auslöser seiner Kameras gedrückt hatte, war von alledem noch nichts zu ahnen. Der Fotoreporter dokumentierte eifrig, wenn auch mit subjektivem Blickwinkel, das objektive Geschehen und lieferte auf dieses Weise zeitgeschichtliche Informationen für die nachfolgenden Generationen.

Die Ausstellung befindet sich im ersten Stock des Museums an der Knoopstraße (Museumsplatz 2). Um dort hinzugelangen, laufen die Besucher durch die Ausstellung „Hot Stuff – Archäologie des Alltags“. Öffnungszeiten: Di–So 10 –17 Uhr, Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 17 Jahre frei

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