Harburg
Renaturierung

Begradigung der Luhe wird zurückgenommen

Die beiden neuen Flussschleifen haben noch keinen Kontakt zur Luhe. Erst müssen sich ihre Ufer stabilisieren.

Die beiden neuen Flussschleifen haben noch keinen Kontakt zur Luhe. Erst müssen sich ihre Ufer stabilisieren.

Foto: Michael Maas/Stiftung Lebensraum Elbe

Heidefluss wird dank Renaturierungs-Projektes der Stiftung Lebensraum Elbe 334 Meter länger. Kostenpunkt: 2,3 Millionen Euro.

Winsen.  Der Blick vom Stöckter Deich Richtung Luhe fällt auf eine große Natur-Baustelle: Sieben Monate lang waren hier Bagger und anderes schweres Gerät im Einsatz, um dem begradigten Heidefluss zwei Schleifen zurückzugeben und ein Stück weiter nördlich eine Wasserlandschaft mit Prielen und Teichen zu schaffen. Überall ist nackte Erde zu sehen, mal schlammig, mal sandig. Die neuen Gewässer wirken eher wie vollgelaufene Baugruben. Ein Weißstorch lässt sich davon nicht beirren und sucht wenige Meter neben dem noch arbeitenden Bagger nach Nahrung.

Das Projekt „Schwung für die Luhe“ geht nach umfangreichen Operationen in die Reha-Phase.„Als wir im September mit den Arbeiten starteten, begann nach zwei trockenen Sommern die Regenzeit“, sagt Detlef Gumz, der in der Winsener Kreisverwaltung den Bereich Naturschutz leitet. „Es folgte eine Sturmflut auf die andere. Jedes Mal stand die Niederung komplett unter Wasser. Das Ilmenau-Sperrwerk wird bei Sturmflut geschlossen, so dass die Ilmenau und die Luhe nicht in die Elbe abfließen können. Dennoch sind die Baufirmen rechtzeitig vor der Brutsaison fertig geworden“, lobt Gumz.

In der Teichlandschaft im Norden des Projektgebiets räumt ein Bagger den letzten Aushub weg. Eine umgewidmete Pistenraupe, die den Boden deutlich weniger stark verdichtet als normale Planierraupen, steht noch im Eingangsbereich der Baustelle. Als letzte Maßnahmen müssen die Stahlplatten der Baustraßen weggeräumt werden. Dann kann die Natur die gerissenen Narben allmählich überwachsen. Die an die Gezeiten der Elbe angebundene Flussniederung wird zu einem Refugium werden, das ökologisch noch wertvoller ist, als es vor Beginn der Arbeiten war.

2,3 Millionen Euro werden eingesetzt, um die Luhe zu beschwingen. Bauherrin ist die Stiftung Lebensraum Elbe. Die Stiftung wurde 2010 von der Stadt Hamburg gegründet, um den ökologischen Zustand der Tideelbe und ihren Nebenflüssen zu verbessern – von der Nordsee bis zum Geesthachter Wehr. Ihr größtes Projekt ist derzeit die Luhe-Verlängerung. Stolze 334 Meter werden dem Fluss durch die beiden Schleifen zurückgegeben. Rund 820 Meter waren ihm über die Jahrhunderte durch Begradigungen genommen worden.

Elisabeth Klocke, Geschäftsführerin der Stiftung Lebensraum Elbe schaut auf die zerfurchte Niederung: „Hier wurden 7000 Kubikmeter Erdreich abgetragen“, sagt sie. Zwölf Hektar Fläche habe die Stiftung gekauft, für weitere sechs Hektar in kirchlichem Besitz die Nutzungsrechte erworben. Von der Maßnahme werde vor allem die Fischwelt profitieren und mit ihr Kleinstlebewesen im Wasser sowie Vögel, die sich von den Flussbewohnern ernähren. Aber es entstehen auch neue attraktive Lebensräume für den Schierlings-Wasserfenchel und andere seltene Pflanzen, für Fischotter und Biber.

Die Naturschutzmanagerin freut sich sehr, dass die tierischen Bewohner der Niederung die baustellenbedingte Unruhe offenbar gut verkraftet haben: „Die Tiere sind alle da. Wir haben im Schlamm Fischotterspuren entdeckt. Ein Biber hat direkt am Rand der Baustelle einen Baum gefällt. In den Teichen schwimmt Froschlaich, und als die gesamte Fläche überflutet war, haben sich hier viele Gänse und Enten aufgehalten.“ Wie zum Beweis der Aussage schwebt ein Weißstorch ein. Klocke fährt fort: „Neulich habe ich gesehen, wie ein Reh sich die Baustelle anschaute. Und dass der Storch hier schon nach Nahrung sucht, ist einfach klasse.“ Und Detlef Gumz fügt hinzu: „Jetzt werden die Arbeiten erst einmal ein halbes Jahr ruhen, damit sich die Natur wieder ausbreiten kann. Das wird aber rasend schnell gehen.“

Im September folgt dann der letzte Akt des Renaturierungsprojekts: Noch sind die beiden neuen Mäander im südlichen Bereich des Projektgebiets nicht an die Luhe angebunden. Bis voraussichtlich August/September wird der Fluss in der gewohnten langen Gerade fließen, damit sich die Ufer der neu geschaffenen Luheschleifen setzen können und nicht von der Strömung erodiert werden. Im Herbst folgt die Vollendung des Flussumbaus. Dann wird der heutige Flussverlauf mit Big Bags (großen Säcken) verstellt, so dass das Wasser durch die Schleifen fließt.

Ein wichtiger Baustein des Projekts ist die Öffentlichkeit. Mit Faltblatt, Infotafel und mehreren Veranstaltungen informierten die Stiftung und die Naturschutzverwaltung des Kreises über das Großprojekt, das während der Bauarbeiten eher nach Naturzerstörung als nach Naturschutz aussieht. Der Höhepunkt war am 16. November das Konzert „Wasserklänge“ in Kooperation mit der Musikschule Winsen. „Es kamen junge wie ältere Menschen in die Winsener Stadthalle“, sagt Klocke. „Es war rappelvoll. Wir hatten nicht genug Sitzplätze, einige Besucher mussten stehen.“

Auch das Luhe-Gymnasium beschäftigte sich mit dem Projekt. Klocke: „Eine achte Klasse hat im Kunstunterricht die Luhe-Niederung nachgebaut.“ Das Modell werde in der Kreisverwaltung ausgestellt, sobald sich die Zeiten wieder normalisiert haben, kündigt Detlef Gumz an.

Ein Schutzgebiet für die Luhe

Die Luhe ist ein typischer Heidefluss. Er wird zum einen aus oberflächennahem Grundwasser gespeist, zum anderen aus Nebengewässern wie Schwindebach, Lopau, Garlstorfer Aue und vielen kleineren Bächen und Gräben.
Die Quelle liegt bei Bispingen in der Lüneburger Heide. Sie fließt durch Moore, Wälder und Auen und mündet nach gut 58 Kilometern in die Ilmenau, die ihrerseits wenige Flusskilometer abwärts bei Hoopte in die Elbe mündet. Die Ilmenau-Luhe-Niederung nördlich von Winsen steht seit Dezember 2014 unter Naturschutz.
Zuständig für das durch die Landschaftselemente Watten und Marschen geprägte Schutzgebiet ist der Landkreis Harburg. Das Gebiet gehört zu den Harburger Elbmarschen und ist insgesamt 434 Hektar groß.

Der Tideeinfluss der Elbe sorgt für häufige Überschwemmungen und hohe Grundwasserstände in der Niederung. Hier leben unter anderem Weißstorch, Kiebitz, Bekassine, Biber, Fischotter sowie Fluss- und Meerneunaugen.

Noch größer wird das geplante Landschaftsschutzgebiet „Luhe und Nebengewässer“. Es erstreckt sich von der Kreisgrenze bei Putensen bis zum Naturschutzgebiet der Luhe-Niederung einschließlich des Luhekanals sowie zahlreicher Bäche.

Knapp 647 Hektar wird das neue Schutzgebiet umfassen, dessen Verordnungs-Entwurf gerade öffentlich ausliegt. Das geht derzeit nur über das Internet unter der Adresse www.landkreis-harburg.de/lsgluhe