Harburg
Kreis Harburg

Bei den Schachbretttulpen kommt kein Mann ans Brett

Silke Schwartau (rechts) scharte die "Schachbretttulpen" um sich.

Silke Schwartau (rechts) scharte die "Schachbretttulpen" um sich.

Foto: Lars Hansen / xl

Ein Kreis von Frauen nimmt dem Spiel der Könige den Ernst. Neue Mitspielende sind dort herzlich willkommen.

Finkenwerder/Harburg.  Gemütliche Dunkelheit herrscht in der Hotelbar. Gedämpftes Licht, gediegene Holz-Einrichtung, die Heizung spendet großzügig Wärme und aus den Lautsprechern kommt leiser Soul aus den 1960er-Jahren. Der Raum ist beinahe leer. Nur am hinteren Ende sitzen acht Damen an einem Sechsertisch. Die Stimmung ist locker, aber nicht laut. Zwischen den Damen stehen Gläser, Flaschen – und 96 Holzfiguren auf drei karierten Brettern. Herzlich willkommen bei den „Schachbretttulpen.“

Die Schachbretttulpe – eigentlicher Name: Schachblume – ist in Deutschland recht selten, in Norddeutschland sogar sehr. Die größten Vorkommen gibt es dort, wo es auch die Regionalausgabe Harburg und Umland gibt: In Wilhelmsburg und in der unteren Seeve-Niederung. Auch die acht Schachbretttulpen, die heute zum Spielabend gekommen sind, kommen größtenteils aus dem Hamburger Süden. Finkenwerder ist stark vertreten, ebenso Harburg und Wilhelmsburg.

Spaß am Schach – ohne Männer

Einige wenige sind „Hamburgerinnen“. „Wir sind kein richtiger Verein“, sagt Silke Schwartau, quasi Vorsitzende der Schachbretttulpen. „Wir sind eher ein loser Kreis an Frauen, der Spaß daran hat, miteinander Schach zu spielen – ohne Männer.“

Spielen Frauen denn anders Schach, als Männer? „Nein“, sagen alle acht wie im Chor, und fangen dann doch gleich an, Unterschiede aufzuzählen: „Ich habe als Mädchen mit meinen Brüdern Schach gespielt“, sagt Lisa, eine der jüngeren im Bunde, „aber die waren so verbissen dabei, dass es mir das ganze Spiel unsympathisch gemacht hat. Hier habe ich den Spaß am Schach entdeckt!“

Männer spielen gerne im richtigen Verein, sitzen dann in grellem Licht auf ungemütlichen Stühlen und wollen sich nur aufs Spiel konzentrieren“, sagt Monika, die zu den lebenserfahrenen Schachbretttulpen gehört. „Das ist bei uns anders. Wir wollen einen netten Abend verbringen, an dem wir auch in gemütlicher Umgebung ein bisschen klönen und etwas zusammen essen und trinken.“ Ein kleiner Imbiss steht deshalb am Anfang eines jeden Spielabends. Getroffen wird sich in wechselnden Restaurants und Hotels, meist südlich der Elbe, manchmal aber auch nördlich.

Nach dem Imbiss kommen die Bretter auf den Tisch

Die einen wollen auch mal rauskommen, die anderen nicht immer so weit fahren. Einmal im Monat kommen die Spielerinnen zusammen, immer am ersten Montag. Liegt dieser auf einem Feiertag, fällt der Spieltag aus. Nach dem Imbiss kommen die Bretter auf den Tisch. Silke Schwartau bringt immer etwa halb so viele mit, wie sich Spielerinnen angemeldet haben. Sie hat genügend Bretter und Figuren zu Hause: Ihr Mann ist Schachtrainer. Erst als sie mit ihm ihr Glück fand, fand sie auch zum Schach.

Doch bei aller Liebe zu ihrem Gerhard: Irgendwie, dachte sie sich, müsste Schach in einer weiblichen Umgebung noch entspannender sein. Sie begann, Mitstreiterinnen zu suchen. Seit 2018 gibt es die Schachbretttulpen. „Manche würden das, was wir veranstalten, abfällig Sabbelschach nennen“, sagt Silke Schwartau. „Wir sagen lieber Klönschach dazu.“ „Selbst wenn wir gegeneinander spielen, sprechen wir oft miteinander über unsere Züge“, sagt Schachtulpe Monika. „So lernen wir voneinander. Außerdem bringt Silke immer interessante Aufgaben mit. Die lösen wir sowieso gemeinsam.“

Die schwarzen Türme nerven

Wie jetzt zum Beispiel: Weiß soll Schwarz in zwei Zügen matt setzen. Aber wie? Die schwarzen Türme nerven und bedrohen just die Position, von welcher der weiße Läufer jetzt schon dem König Schach bieten könnte. Monika und Sitznachbarin Petra beratschlagen.

„Das finde ich das Schöne am Schach“, sagt Monika, die sich zu Anfang noch einen Spickzettel mit den Spielregeln zu den Abenden mitbrachte. „Man hat immer neue Situationen und immer neue Herausforderungen. Das hält geistig fit!“ Britta, weiter hinten in der Ecke, liebt die kooperative Atmosphäre. „Ich habe über die Schachbretttulpen ein Hobby entdeckt, das ich mit meinem Mann teilen kann und wir spielen jetzt Abends oft Schach“, sagt sie. „Aber nur hier, mit den anderen Frauen, habe ich den Freiraum, mich tatsächlich im Spiel zu entfalten und mein eigenes Spiel zu entwickeln.

Die Schachbretttulpen nehmen gerne weitere Frauen in ihre Runde auf. Von der Studentin bis zur Pensionärin, von der werdenden Mutter bis zur gestandenen Oma und von der Praktikantin bis zur Führungskraft sind viele verschiedene Hintergründe vertreten. Eintreten muss und kann man nicht, schließlich sind die Schachbretttulpen kein richtiger Verein. Eine Online-Anmeldung zum Spielabend ist allerdings ebenso erforderlich, wie verbindlich.