Harburg
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Pendler leiden unter zu kurzen S-Bahn-Zügen

Eine S-Bahn der Linie S3 nach Stade fährt in den Hauptbahnhof in Hamburg ein.

Eine S-Bahn der Linie S3 nach Stade fährt in den Hauptbahnhof in Hamburg ein.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Langzüge sollten Entlastung im S-Bahn-Berufsverkehr bringen. Immer wieder fahren aber nur Züge mit sechs Waggons.

Harburg. Züge mit neun Waggons, sogenannte Langzüge, sollen den Pendlerverkehr auf der Linie S3 entlasten. Dies sieht der Winterfahrplan des HVV vor, der seit knapp zwei Wochen gilt. Die Neuerungen nennt der Senat „Angebotsoffensive II“. Sie sollen den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen, damit mehr Pendler ihr Auto stehen lassen und umsteigen. So will Hamburg seinen Beitrag leisten, die deutschen Klimaziele zu erreichen. Doch immer wieder fahren anstelle der extralangen Züge nur normale Bahnen auf der Strecke.

Ein Langzug besteht aus neun Waggons

Für Harburg soll unter anderem die Kapazität der S-Bahn erweitert werden, indem in den Hauptverkehrszeiten noch mehr Langzüge eingesetzt werden. Kritiker sagen allerdings, dass schon die in der „Angebotsoffensive I“ versprochenen Langzugfahrten häufig nicht stattfinden. Ein Langzug besteht aus drei sogenannten Fahrzeugen mit je drei Waggons. Die Kapazität eines Fahrzeugs beträgt je nach Baureihe zwischen 514 und 470 Passagieren, wobei die neue Baureihe 490 am wenigsten Platz bietet.

Das Arbeitspferd der S-Bahn ist der sogenannte Vollzug mit sechs Waggons. Zwischen Neugraben und Stade können nur Vollzüge fahren, weil einige der Bahnhöfe für Langzüge zu kurz sind. Diese müssen für jede zweite Fahrt in Neugraben je nach Richtung zusammengekoppelt oder entkoppelt werden.

Fahrgäste in Veddel passen nicht mehr in überfüllte Züge

Ohne die Langzüge herrscht im Berufsverkehr oft große Enge. Am stärksten betroffen war in den vergangenen Jahren der Abschnitt zwischen Veddel und Hammerbrook. Fahrgäste berichten wiederholt, dass sie am S-Bahnhof Veddel nicht mehr in Züge hineinkommen. Das wird sich verschärfen, wenn das Harburger Park-and-Ride-Haus ausgebaut wird und Nutzer der gesperrten Decks auf die P+R-Anlage Veddel umgeleitet werden. Welchen Effekt der vor zwei Wochen eröffnete Bahnhof Elbbrücken hat, muss sich noch zeigen.

Die S-Bahn Hamburg räumt ein, dass nicht alle Langzugfahrten wie geplant angeboten wurden. Dies sei jedoch kein Dauerproblem, sondern es handele sich um sporadisch auftretende Ereignisse. So hieß es zu Beginn des Winterfahrplans: „Leider sind auf der S3 zum Anfang der Woche viele Langzüge als Vollzüge im Einsatz gewesen. Grund hierfür war eine angespannte Lage bei der Verfügbarkeit der Fahrzeuge der Baureihe 490. Die Arbeiten an der neuen Baureihe gemeinsam mit dem Hersteller wurden intensiviert.“ Noch im Sommer hatte der Bahnsprecher die zu kurzen Züge damit begründet, dass manchmal Lokführer fehlten und der, der eigentlich die Fahrzeuge zusammenkoppeln soll, in den Fahrdienst genommen werde.

Senat ist mit der S-Bahn-Qualität nicht zufrieden

Tatsächlich ist die neue Baureihe ganz offensichtlich kein feiner Zug des Herstellers Bombardier und macht der S-Bahn Kopfzerbrechen: Erst verzögerte sich die Auslieferung, dann erforderten die nagelneuen Waggons sofort Nachbesserungen und Reparaturen. Ob dies isolierte Ereignisse sind, kann hinterfragt werden: Von Januar bis Oktober hat die Bahn auf der Linie S3 insgesamt 72.414 Fahrzeugkilometer weniger geleistet als von der Stadt bestellt, schreibt der Senat auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Thering. „Die Betriebsqualität im S-Bahn-Netz Hamburg erreicht nicht die Qualität, die der Senat erwartet und beauftragt hat“, heißt es.

Frank Wiesner, Verkehrsexperte der SPD-Bezirksfraktion, sieht eine der Ursachen für die Probleme in der Privatisierung des Schienenverkehrs seit den 1990er-Jahren: „Der Senat macht langfristige Verkehrsverträge mit privaten Unternehmen und kann danach nur noch hoffen, dass die Verträge eingehalten werden. Politische Steuerungsmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Da gibt es einen Betreiber der Züge, eine andere Firma für das Gleisnetz, eine für die Bahnhöfe und externe Zulieferer für die Waggons. Dies ist eine Verantwortungsdiffusion, in der man kaum noch jemanden an sein Wort binden kann.“

Der Grünen-Abgeordnete Michael Sander, Vorsitzender des Mobilitätsausschusses der Bezirksversammlung, sieht ein weiteres Problem: „Selbst, wenn jetzt alle Langzüge fahren würden, würde das höchstens die Bedarfe bis 2021 abdecken“, sagt er, „danach haben die zu erwartenden Fahrgastzuwächse den Effekt wieder ausgeglichen. Wir brauchen dringend die Verstärkerlinie S32, sowie mittelfristig weitere Schienenanbindungen, wie eine westliche Elbquerung mit der S-Bahn und die Verlängerung der U4 bis Harburg.“

Neue Fahrzeuge machen Probleme

Die Elektrotriebwagen der Baureihe 490 wurden speziell für das Hamburger S-Bahn-Netz entwickelt. Neben reinen Gleichstromfahrzeugen für das klassische 1200-Volt-S-Bahn-Netz fahren zwischen Neugraben und Stade auch „Zweisystemfahrzeuge“ im Oberleitungsnetz der Fernbahn.

Die Lieferung des Hauptauftrages verschob sich um fast ein Jahr, schon die ersten Fahrzeuge kamen zu spät. Noch immer machen die Züge des kanadischen Konzerns Bombardier Probleme. Speziell die Türen erweisen sich als störungsanfällig.