Harburger Binnenhafen

„Wo sollen wir denn mit unseren Schiffen hin?“

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Jörg Riefenstahl
Hafenmeister Horst Schubert (80)  mit seiner Frau Helga (80), Hafenmeister-Stellvertreter Wolfgang Naumann und Boots-Eigentümerin Sushila Glocker (r.).

Hafenmeister Horst Schubert (80)  mit seiner Frau Helga (80), Hafenmeister-Stellvertreter Wolfgang Naumann und Boots-Eigentümerin Sushila Glocker (r.).

Foto: Jörg Riefenstahl

Bevor das Flüchtlingsschiff "Transit" den Binnenhafen verlässt, müssen zahlreiche Schiffe am Museumshafen ihre Liegeplätze räumen.

Harburg . Die Dalben sind gezogen, die „Transit“ liegt abfahrbereit im Lotsekanal. Fünf Jahre lang diente das Wohnschiff im Harburger Binnenhafen als Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft. Das ist vorbei. In den nächsten Tagen soll die „Transit“ den Binnenhafen verlassen und ihre Reise nach Rotterdam antreten.

Doch nun es gibt Schwierigkeiten: Weil es gar nicht so einfach ist, ein so großes Schiff wie die „Transit“ vom Lotsekai sicher durch die engen Wasserstraßen des Binnenhafens zu bugsieren, müssen zahlreiche Schiffe am Museumshafen und am Treidelweg ihre Liegeplätze räumen.

So jedenfalls sieht es das Harburger Bezirksamt. In einem Brief, der dem Abendblatt vorliegt, teilte die Wasserbehörde Anwohnern und Bootseignern am Treidelweg Anfang der Woche mit, dass für die Fahrt der „Transit“ zur Schleuse „die Wasserfläche am Treidelweg südlich der vier Wartedalben von Booten und Schiffen“ geräumt sein müssen.

30 Schiffe betroffen

Rund 30 Schiffe am Treidelweg sind nach Angaben des Hafenmeisters Horst Schubert von der Räumung betroffen – darunter 16 Schiffe, die unter seiner Obhut als Hafenmeister liegen.

Auf ein genaues Datum, wann die Schiffe fort müssen, legt sich die Behörde in ihrem Schreiben nicht fest. „Ende des Jahres/Anfang Januar soll die ehemalige Flüchtlingsunterkunft ,Transit’ den Harburger Hafen verlassen“, heißt es im Brief der Wasserbehörde. Ein Ausweichquartier wird den Bootseigentümern ebenfalls nicht genannt.

Anlieger fühlen sich von der Behörde im Stich gelassen

Anlieger am Treidelweg fühlen sich von der Behörde im Stich gelassen. „Wo sollen wir denn mit unseren Schiffen hin?“ fragt sich Sushila Glocker, die seit Mai dieses Jahres mit ihrem 30 Meter langen Hausboot „Wow“ am Treidelweg liegt. „Mein Schiff hat gar keinen Motor. Es kann gar nicht aus eigener Kraft fahren“, sagt die Bootseignerin. „Ich weiß auch nicht, wo ich mit meinem großen Schiff so schnell hin soll. Ich kenne keinen Platz. Die Behörde muss uns doch wenigstens eine Alternative anbieten, uns sagen, wo wir übergangsweise vor Anker gehen können.“

Die Bootseigentümerin rechnet mit Kosten von 800 bis 2000 Euro, falls sie zwei Schlepper beauftragt, um ihr Schiff fortzubewegen. Hinzu kommt, dass die Anlieger grundsätzlich bezweifeln, dass es notwendig ist, die Plätze am Treidelweg für das Verholen der ,Transit’ zu räumen. „Als die ,Transit’ in den Binnenhafen eingelaufen ist, konnten wir mit unseren Schiffen hier bleiben“, erinnert sich Horst Schubert, ein erfahrener Seefahrer, der das Manöver nahe der Schleuse damals von seinem ehemaligen Fischkutter aus beobachtet hat.

„Diesmal fährt die ,Transit’ dieselbe Strecke in umgekehrter Fahrtrichtung. Warum müssen wir diesmal fort?“ Selbst wenn die Schiffe fort wären, blieben ja immer noch die Steganlagen, die zum Teil länger ins Fahrwasser ragen, als die Schiffe, sagt der Hafenmeister.

Am Heck schiebt ein Schlepper, am Bug zieht ein Schlepper

„Es ist kein Problem, die ,Transit’ aus dem Hafen zu bekommen, wenn man es seemännisch richtig anstellt: Am Heck schiebt ein Schlepper, am Bug zieht ein Schlepper. Beide sind über Funk verbunden. Schlepperkapitäne machen das jeden Tag“, sagt Wolfgang Naumann, der den Hafenmeister vertritt und ebenfalls viele Jahre zur See gefahren ist.

Auch im Museumshafen müssen Schiffe verholt werden. Dort scheint die Kommunikation mit der Behörde besser zu klappen. „Es gab zwei Treffen. Wir fühlen uns vom Bezirksamt gut informiert“, sagt der Museumshafen-Vorsitzende Helgo Mayrberger. „Wir hoffen, dass die ,Transit vor Weihnachten weg kommt.“ Das Hotelschiff „Lydia“ werde vorübergehend Richtung Ziegelwiesenkanal geschleppt, der Dreimaster „Anny von Hamburg“ werde neben die „Hille“ gezogen. „Alle anderen ziehen an den Eingang des Kaufhauskanals vor der Fischhalle“, sagt Mayrberger.

Wer für das Verholen am Ende die Kosten trägt, ist nicht geklärt. „Ich gehe für das Verholen der ,Lydia’ mit rund 2000 Euro in Vorleistung“, sagt Hotelschiff-Eigentümer Marcel Klovert. Er erwartet am Wochenende neue Gäste. „Ich kann jederzeit loslegen. Aber es ist natürlich doof, wenn ich Hotelgäste an Bord habe.“

Abschleppen aus Sicherheitsgründen bei Tageslicht

Dass es kein exaktes Datum für das Auslaufen der ,Transit’ gibt, hat einen einfachen Grund: „Das Schiff kann nur bei Stauwasser seinen Liegeplatz verlassen, damit es ohne Höhenverlust durch die Schleuse auf die Elbe geschleppt werden kann“, sagt Bezirksamtssprecher Dennis Imhäuser. Hinzu kommt, dass die Transit einen geringen Tiefgang hat und der hohe Aufbau das Schiff für Wind sehr anfällig macht. Dies gilt es auch beim Transport zu berücksichtigen.

Deshalb sei ein Abschleppen aus Sicherheitsgründen bei Tageslicht erforderlich, so der Sprecher. Diese besonderen Voraussetzungen machten es nötig, dass andere Schiffe, die im Binnenhafen liegen, „möglicherweise kurzzeitig an einen anderen Ort zu schleppen“, damit die Transit sicher entfernt werden kann. Ablauf und Termin für die Verlegung der Transit aus dem Binnenhafen befänden sich in Abstimmung, so der Sprecher.

Eigner müssen Kosten übernehmen

Man komme nicht umhin, die Boote am Treidelweg fortzuschaffen, ergänzt Jörg Heinrich Penner, Dezernent der Wasserbehörde auf Anfrage des Abendblatts. Die ,Transit’ fahre diesmal durch eine Kurve in Richtung Schleuse. Wenn das Hafenamt sage, dass der Treidelweg dafür an dieser engen Stelle frei bleiben muss, dann werde man es auch so machen. Grundsätzlich müsse jeder Bootseigner die Kosten für das Verholen selbst tragen. Das Bezirksamt werde auch dafür Lösungen finden, so Penner. Man werde den Bootseigentümern bei der Suche nach einem Ausweichplatz behilflich sein und ihnen Vorschläge machen.

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