Harburg
Stadtentwicklung

30 Jahre Rathaus Neu Wulmstorf – ein Fazit

Neu Wulmstorfs Rathaus an der Bahnhofstraße wurde 1989 auf grüner Wiese gebaut und sollte der Mittelpunkt eines neuen Zentrums werden.

Neu Wulmstorfs Rathaus an der Bahnhofstraße wurde 1989 auf grüner Wiese gebaut und sollte der Mittelpunkt eines neuen Zentrums werden.

Foto: Michael Rauhe

Der Neubau auf grüner Wiese sollte ein Meilenstein für ein neues Zentrum sein. Das ist deutlicher gelungen als gedacht. Es gab aber auch Fehler.

Neu Wulmstorf. Manchmal passiert es Thomas Saunus im Gespräch immer noch, dass er von dem „neuen Rathaus“ spricht. Dabei wurde für den markanten Neu Wulmstorfer Backsteinbau bereits im September 1987 feierlich der Grundstein gelegt, 22 Monate später -- vor nun genau 30 Jahren – zogen die Verwaltungsmitarbeiter dann hier ein. Manche Kiste voll mit Akten wurde damals von dem eher schlichten Verwaltungsbau aus der Schifferstraße an die Bahnhofstraße getragen, erinnert sich Saunus an den Umzug, der damals durchaus einige Symbolkraft hatte:

Es war sozusagen der Aufbruch in eine neue Zeit für den Ort am Rand der großen Metropole. „Das neue Rathaus sollte auch so etwas wie der optische Meilenstein für ein neues Zentrum sein“, sagt der 56-jährige Saunus, der heute dort die Abteilung Ortsentwicklung und Immobilienwirtschaft leitet und seit 34 Jahren hier in der Verwaltung arbeitet. Tatsächlich hat der Bau seinerzeit viel angeschoben: Denn in den 80er-Jahren zeigte sich Neu Wulmstorf noch weit zerfledderter als heute, gerade am nördlichen Ende der Bahnhofstraße. „Um Neu Wulmstorf zu verstehen, muss man wissen, dass es eigentlich erst nach dem Krieg entstanden ist“, sagt Thomas Saunus.

Von „Maulwurfshausen“ zur Heidesiedlung

Vorher bestand der Ort aus einzelnen Dörfern, viele Flüchtlinge aus dem Osten fanden dann nach 1945 hier eine neue Heimat. „Maulwurfshausen“, wurde die Siedlung am Rande von Hamburg da manchmal genannt, weil man zunächst nur notdürftig in den rasch erstellten Kellern wohnte, später wurde daraus südlich der Bundesstraße die Heidesiedlung mit ihren kleinen Häusern. Königsberger Straße, Breslauer Straße – so heißen die Straßen hier.

Und weil die Einwohnerzahl immer weiter rasant anstieg, wurde 1955 an der Schifferstraße das erste Verwaltungsgebäude eingeweiht, 1973 dann ein weiteres daneben. „Das waren aber noch keine richtigen Rathäuser“, sagt Gemeindearchivarin Claudia Glume, die zu dem 30-jährigen Bestehen, das in der nächsten Woche öffentlich gefeiert wird, eine eigene Broschüre aufgelegt hat. Viel ist dort über die Vorgeschichte zu lesen, die dann schließlich zu dem entscheidenden Ratsbeschluss geführt hatte. Immerhin 9,5 Millionen Mark wurden damit als Investition beschlossen.

Für ein richtiges Rathaus eben, eines mit Ratssaal und – ganz wichtig – Ratskeller natürlich. Schließlich entwickelte der Zusammenschluss einiger Dörfer sich immer mehr zu einer kleinen Stadt. „Gerade die Diskussion um einen Ratskeller wurde lange und leidenschaftlich geführt“, sagt Saunus und grinst dabei. Neben solchen Annehmlichkeiten sollte der Bau aber vor allem eine politische Richtungsentscheidung einleiten: In den 80er-Jahren befand sich so etwas wie ein Geschäftszentrum noch eher südlich der Bundesstraße.

1983 schon kaufte die Gemeinde das Grundstück

Neubauten nahe der Bahnhofstraße waren in den 1970er-Jahren zunächst lediglich die Gebäude für ein neues Schulzentrum für Neu Wulmstorf, das da als „Schnellzuwachsgemeinde“ galt. 1983 kaufte die Gemeinde dann bereits das Wiesengrundstück an der Ecke Ernst-Moritz-Arndt-Straße/Bahnhofstraße, schon mit dem Hintergedanken für einen neuen Verwaltungsbau, der gleichzeitig ein Bürgertreffpunkt werden sollte. Und eben ein neuer Mittelpunkt des Ortes.

Was damals aber für viele kaum vorstellbar war: Die Kneipe Hoyer, ein großer Sportplatz und ein paar Häuser standen dort, sonst nicht viel mehr. Und das soll ein Zentrum werden, dürfte sich mancher gefragt haben. Der Beschluss zum Bau des Rathauses sei dann aber eindeutig eine Richtungsentscheidung gewesen, sagt Saunus.

Und wenn er heute zurückblickt? Zunächst hat sich das Bild der Bahnhofstraße tatsächlich radikal gewandelt, zwei Einkaufszentren sind dort entstanden, es gibt eine nahezu geschlossene Bebauung bis zum Bahnhof. Und selbst dahinter wird heute noch immer weiter gebaut. Hunderte neue Wohnungen sind rund um den S-Bahnhof in der Vorbereitung. „Das wir uns so weit und über die Bahngleise noch hinaus ausweiten, war vor einigen

Jahren noch undenkbar“, sagt Saunus.

Alles richtig gemacht also? Saunus überlegt ein bisschen länger als sonst bei dieser Frage. „Mit dem Wissen von heute hätte man vielleicht einiges anders machen können“, sagt er dann. Da war zum Beispiel die Sache mit dem Marktplatz-Center auf dem früheren Sportplatzgelände, das zunächst ein holländischer Investor bauen wollte, das dann aber nicht so recht in Gang kam und auch heute nicht unbedingt das schicke, urbane Zentrum ist, das man sich seinerzeit vorstellte. „Da hätte man vielleicht mehr auf Konzepte denn auf Verkaufserlös achten sollen“, sagt Saunus.

Ein architektonisch immer noch gelungenes Gebäude

Und auch, dass man in früheren Jahren entlang der Bahnhofstraße Reihenhäuser noch genehmigt hat, sei aus heutiger Sicht keine gute Entscheidung gewesen Nicht, wenn man gleichzeitig eine eher urbane Anmutung mit höheren Gebäuden bis zum Bahnhof anstrebt. Aber unterm Strich, so meint der Ortsplaner, ist das Konzept wohl aufgegangen und rund um das Rathaus sei tatsächliche eine „sichtbare“ Ortsmitte entstanden.

Womit er recht haben dürfte: Klar kann das Neu Wulmstorfer Zentrum optisch mit historischen Altstädten nicht mithalten, aber wie sollte es anders gehen bei einer eigentlich neuen Gemeinde, die in den vergangenen 30 Jahren von gut 14.000 auf jetzt rund 23.000 Einwohner so rasch angewachsen ist? Wie in alten Städten auch ist aber das Rathaus hier zweifellos eines der architektonisch prägnantesten Gebäude, im Stil seiner Zeit, aber dennoch zeitlos und mit klarem Erscheinungsbild für seine Funktion als demokratischer Mittelpunkt samt Uhrentürmchen und Saalkuppel. „Ich find’s architektonisch immer noch gelungen und komme jeden Tag gerne“, sagt jedenfalls Ortsplaner Saunus über sein „neues Rathaus“, das es nun doch auch schon 30 Jahre lang gibt.