Harburg
Fahrt mit dem Trojaner

Ein Traum für echte Schrauber

Der von der englischen Firma Trojan in Lizenz gefertigte Heinkel-Kabinenroller ist Bernhard Schnitters ganzer Stolz.

Der von der englischen Firma Trojan in Lizenz gefertigte Heinkel-Kabinenroller ist Bernhard Schnitters ganzer Stolz.

Foto: Lars Hansen / xl

Wenn Bernhard Schnitter mit seinem Heinkel-Kabinenroller zur Arbeit fährt, zieht er alle Blicke auf sich.

Heimfeld..  Dass alle Blicke auf ihn gerichtet sind, sollte Bernhard Schnitter erwarten können. Der 59-jährige ist Lehrer. Doch üblicherweise endet die Aufmerksamkeit, die Lehrer erhalten, mit dem Klingeln der Schulglocke. Bernhard Schnitter hingegen zieht dann erst recht die Blicke auf sich: Seinen täglichen Weg von Heimfeld zur Bonifatiusschule in Wilhelmsburg legt er nämlich in einem schicken Zweisitzer zurück: einem Heinkel/Trojan.

Das Auto fällt auf, auch ohne Goldlack und Breitreifen. Der Trojan ist ein Kabinenroller. Nicht unähnlich der berühmten Isetta von BMW, aber mit genügend Unterschieden, um jeden Eigentümer mit den Augen rollen zu lassen, wenn sein Wagen mit einer Isetta verwechselt wird. Den Kabinenroller hat Bernhard Schnitter jetzt schon seit 15 Jahren. Er fährt ihn allerdings erst seit sieben Jahren. Die Zeit davor hat er damit zugebracht, seine Kabine zu restaurieren – von Grund auf. „Was ich erstanden hatte, war ein Wrack, das ich erst einmal komplett zerlegt habe. Danach habe ich viel von dem, was ich ab- und ausgebaut hatte, entsorgen müssen.“

Was andere Leute ärgert, wenn sie so ein Auto kaufen, hatte Bernhard Schnitter zumindest erwartet, wenn nicht sogar insgeheim gehofft. „Ich schraube an Autos, seit ich mit 18 meinen ersten Käfer kaufte“, sagt er. „Erst nur, weil ich mir die Werkstatt nicht leisten konnte. Dann wurde das aber eine Leidenschaft!“

Die Leidenschaft wurde sieben Jahre später speziell, als Schnitter, damals noch Elektriker, bei einem Arbeitskollegen einen Heinkel-Motorroller sah. Mit nahezu 175 Kubikzentimetern Hubraum, einer futuristischen Frontpartie sowie einer Größe, die alle Konkurrenten übertraf, galt der „Heinkel Tourist“ zu seiner Zeit – 1953-1965 – als der Rolls Royce unter den Motorrollern. Schnitter bat den Kollegen, Bescheid zu sagen, wenn er den Roller verkaufen wollte. Das dauerte ein Jahr. „Dann kaufte ich das Motorrad und musste es erst einmal ein Jahr lang stehen lassen, weil ich bei der Motorgröße einen richtigen Motorradführerschein brauchte. Den musste ich erst einmal machen!“

Heinkel-Kabinenroller hat sogar einen Rückswärtsgang

„Touristen“ hat Schnitter mittlerweile zwei. Einen schön restaurierten und den, mit dem alles anfing. Der ist technisch auch gut in Schuss, aber dadurch, dass er noch regelmäßig im Einsatz ist, nicht ganz perfekt im Lack. Außerdem steht bei Schnitter noch eine Heinkel-„Perle“, ein 50-ccm-Moped, dem man ebenfalls ansieht, dass sein Hersteller eigentlich Flugzeuge baute.

Die Krönung seiner Heinkel-Fahrzeug-Sammlung ist jedoch eine Heinkel-Kabine. Nur etwa 27.000 wurden davon gebaut: 12.000 bei Heinkel in Zuffenhausen und Speyer, 6000 im irischen Dundalk für die englische Firma Trojan, noch einmal gut 6500 bei Trojan selbst und geschätzte 2500 in Argentinien. Schnitters Kabine ist ein irischer Trojan. Dass Laien die Heinkel-Kabine mit der BMW-Isetta verwechseln, kommt nicht von ungefähr: Beide sind Weiterentwicklungen der italienischen Original-Isetta des Fahrzeugbauers Iso Rivolta. Den Vordereinstieg hatten Rivoltas Ingenieure schon im Krieg entwickelt – für ein Flugzeug, nämlich einen Lastensegler der italienischen Streitkräfte. „Die BMW-Isetta ist vorn ein bisschen breiter und hinten kürzer“, sagt Schnitter. Die Lenkung ist bei Heinkel fest in der Kabine, bei BMW wird sie mit der Tür weggeklappt. Außerdem hat die Isetta auf den Kotflügeln aufsitzende Scheinwerfer, während die Heinkel-Leuchten integriert sind. Technisch gibt es noch viel mehr Unterschiede.“ So baute Heinkel in seine Kabine ein Antriebssystem, das er schon hatte: die Hinterschwinge ist auf Basis des Tourist-Rollers gebaut, dessen Motor dafür lediglich ein wenig aufgebohrt wurde. Lediglich das Vierganggetriebe entwickelte Heinkel eigens für die Kabine. Im Unterschied zum Roller – und zur Ur-Isetta – verfügt es über einen Rückwärtsgang. Im irischen Trojan-Prospekt wird dieser Luxus explizit erwähnt, ebenso, wie das textile Sonnendach, das dort wegen des irischen Wetters allerdings in Anführungszeichen gesetzt ist.

Alle Restaurierungsarbeiten an seinem Kabinenroller hat Bernhard Schnitter selbst ausgeführt. Er trieb mit Holz und Hammer Sicken in Bleche und baute sie dort an, wo das Original durchgerostet war. Er nähte Polster, verzinnte Blechfugen, lackierte das Gefährt und machte natürlich auch die Elektrik selbst. Ein bis zwei Modifikationen versteckte er schon im Fahrzeug. Lärmschutzmatten im Motorraum etwa oder einen USB-Anschluss, damit er die Uhrzeit auf dem Handy ablesen kann und nicht immer die mechanische Uhr im Cockpit aufziehen muss.

Schnitters Alltagsauto ist „eine Kabine“

„Zwischendurch hatte ich auch zweimal Phasen, in denen ich monatelang keine Lust mehr hatte und das Auto ruhen ließ“, sagt Schnitter. Seit seine Kabine fertig restauriert ist, ist sie aber Schnitters Alltagsauto. Das fällt auf. „Zum Glück“, sagt er, „denn so ein kleines Auto wird ja sonst übersehen und das ist gefährlich.“ Trotz der von Heinkel angegebenen Endgeschwindigkeit von 86 km/h meidet Schnitter Autobahnen. „Ab Tempo 60 wird der Lärm infernalisch“, sagt er. „Trotz der Isolationsmatten fahre ich lange Strecken mit Ohrstöpseln.“ Das nächste Projekt hat Bernhard Schnitter schon lange in Arbeit: Ein Ford Modell A. Diese Motorkutsche wurde in den USA ab 1929 gebaut. Zu sehen ist von dem Auto derzeit nicht viel. Es ist komplett zerlegt. Und auch hier will Bernhard Schnitter alles selbst wieder herstellen.

Dreiradauto mit Mopedmotor

Die große Zeit der Kabinenroller waren die frühen Wirtschaftswunderjahre. Das berühmteste Rollermobil neben Heinkels und BMW Isetta-Weiterentwicklungen war der Messerschmidt-Kabinenroller, dessen Verdeck wie die Kuppel eines Jagdflugzeuges komplett weggeklappt wurde und dessen Insassen hintereinander Platz nahmen. Es gab aber auch kleinere Exoten, wie den Fendt-Flitzer oder das Fuldamobil.

In anderen Ländern wurden nach dem Krieg auch Kleinstwagen mit Motorrollerantrieb gebaut, so zum Beispiel der futuristische Plastikwagen Peel Trident in Großbritannien. Das Prinzip Dreiradauto mit Mopedmotor lebt bis heute weiter, beispielsweise im Kleintransporter Piaggio Ape, in den südostasiatischen Tuctucs oder kleinen Elek-tromobilen.