Harburg
Maschen

Mit guten Tipps und Kaffee den Eltern-Stress bewältigen

Im Erzählcafé Maschen (v.l.): Lena mit Mika, Jana mit Béla, Sabine mit Vincent sowie die ehrenamtlichen Leiterinnen der Gruppe Christina Carbuhn (mit Mara) und Maike Marschalk. 

Im Erzählcafé Maschen (v.l.): Lena mit Mika, Jana mit Béla, Sabine mit Vincent sowie die ehrenamtlichen Leiterinnen der Gruppe Christina Carbuhn (mit Mara) und Maike Marschalk. 

Foto: Lena Thiele

Im neuen Erzählcafé in Maschen tauschen sich Mütter über die Herausforderungen rund um Schwangerschaft und Geburt aus.

Maschen.  Daniela sucht eine Leih-Oma und Steffi eine familienfreundliche Arbeitsstelle, Sabine steht die Eingewöhnung in der Krippe bevor, Lena will in Teilzeit wieder einsteigen und Jana denkt darüber nach, eine eigene Kita zu eröffnen. Sie alle haben einen Plan, aber auch viele Fragen. Deshalb sind sie zum Erzählcafé in Maschen gekommen, einem noch jungen Angebot in Maschen, ehrenamtlich geleitet von zwei Pädagoginnen. Im Gemeindesaal der Friedenskirche tauschen sich Eltern und Großeltern alle zwei Wochen über wechselnde Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit aus.

„Oft erzählen Mütter, dass sie sich das alles einfacher vorgestellt haben. Doch dann kommt der Schlafmangel hinzu, die Zerrissenheit zwischen Beruf und Mutterschaft und bei einigen auch eine hohe finanzielle Belastung durch einen Hauskauf“, sagt Maike Marschalk, Erzieherin und selbst Mutter einer kleinen Tochter. Die 38-Jährige leitet die Treffen gemeinsam mit Sozialarbeiterin Christina Carbuhn, die wiederum als Oma eine neue Perspektive auf die Dinge einbringen kann.

Statt von Müttern und Großmüttern kommt das Wissen heute aus dem Internet

Dieser Generationenaustausch ist ausdrücklich gewünscht im Erzählcafé. Denn Wissen, das früher selbstverständlich von Großmüttern und Müttern weitergegeben wurde, fehlt heute in vielen Familien – zumal in Maschen, wo viele Familien neu zugezogen sind und sich auch soziale Kontakte außerhalb der Familie erst aufbauen müssten. Stattdessen liefert das Internet Unmengen an Informationen und Empfehlungen. Das sei Fluch und Segen zugleich, meint Christina Carbuhn.

Die Frauen im Maschener Erzählcafé sind meist gebildet und gut informiert. „Sie sind es gewohnt, viel zu recherchieren und machen sich ganz verrückt damit“, sagt Maike Marschalk. „Bei uns können sie alles sagen, was sie beschäftigt. Jedes Thema hat hier Raum.“ In der Runde stelle sich häufig heraus, dass andere Mütter ähnliche Probleme haben.

Es geht um fehlende Kitaplätze und Arbeiten im Schichtdienst

An diesem Vormittag geht es in der Mütterrunde im Gemeindesaal um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Frauen sitzen rund um einen Tisch, es gibt Wassermelone und Kaffee mit Milch. Steffi hat eine blau karierte Picknickdecke auf dem Boden ausgebreitet. Denn auch Vincent, Mika, Johannes, Béla und Mara sind dabei. Sie ziehen sich an Stuhlbeinen hoch, lassen Feuerwehrautos über den Boden fahren oder kauen auf Kuscheltieren – während ihre Mütter über fehlende Kitaplätze, ungünstige Schichtdienste und weit entfernt wohnende Großeltern sprechen.

Wenn die Kinder nicht wären, könnte dies ebenso ein Teamtreffen von Arbeitskolleginnen sein. Ein Meeting, bei dem Fakten gesammelt, Erfahrungswerte abgeglichen und gemeinsam Lösungen entworfen werden. Und tatsächlich sitzen hier ausnahmslos Frauen, die viele Jahre im Berufsleben standen, bevor sie schwanger wurden. Und die nun, einige Zeit nach der Geburt, über den Wiedereinstieg und eine passende Betreuung für ihre Kinder nachdenken.

Die Nachfrage nach Leih-Omas ist hoch in Seevetal

Ein Platz in einer Krippe ist in der Gemeinde Seevetal – auch sechs Jahre nach Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf eine Betreuung für Kleinkinder – schwer zu erhalten. Sabine ist erst im vergangenen Dezember nach Maschen gezogen, seitdem hat die 36-Jährige schon mehrmals mit dem Familienservicebüro telefoniert. Doch noch weiß sie nicht, ab wann und wo ihr 15 Monate alter Sohn Vincent betreut werden kann. „Der Wiedereinstieg wird schwierig“, sagt die Personalreferentin. Und meint sowohl die praktische Vereinbarkeit des Familienlebens mit einem verantwortungsvollen Job als auch die Trennung von ihrem Sohn. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so ein Muttertier werde.“

Daniela, ihre Sitznachbarin mit einem ganz ähnlichen Job, muss lachen. Auch sie habe immer gern und viel gearbeitet. Wenn die 40-Jährige demnächst wieder anfängt, kann sie im Homeoffice arbeiten. Obwohl für den 14 Monate alten Johannes kein Krippenplatz zu bekommen war. „Zum Glück haben wir eine Tagesmutter gefunden“, sagt Daniela. Zusätzlich hätte sie gern eine Leih-Oma. Über das Erzählcafé wurden bereits mehrere solcher ehrenamtlichen Helferinnen an Familien vermittelt. Die Nachfrage ist so groß, dass ein extra Termin ganz dem Thema gewidmet werden soll.

Ein Betreuungsplatz in der Krippe ist nur schwer zu bekommen

Schon bald dreht sich das Gespräch darum, was Eltern tun können, um doch noch einen Krippenplatz zu ergattern. Persönlicher Kontakt sei äußerst wichtig, meint Jana, „Ich rate jedem, sich in der Kita vorzustellen.“ Die Betreuungsfrage hat die 36-Jährige bereits gelöst, der sieben Monate alte Béla wird in Zukunft gemeinsam mit seiner älteren Schwester eine Kita in Hittfeld besuchen. „Das wird eine ordentliche Umstellung, wieder arbeiten zu gehen“, sagt die Sozialarbeiterin. Zumal sie eine neue Stelle sucht, um nicht mehr im Schichtdienst arbeiten zu müssen.

Dass sie sich so früh von ihrem Kind lösen muss, gefällt ihr nicht wirklich. „Ich würde gern bis zum dritten Geburtstag zu Hause bleiben. Aber wer bezahlt mir das?“ Das sieht Sabine ähnlich, auch wenn bei ihr ein anderer Grund überwiegt. „Wenn ich in meinem Job drei Jahre zu Hause bleibe, bin ich raus.“

An diesem Tag steht der Ärger über die Betreuungslage und Hindernisse beim Wiedereinstieg im Vordergrund. An anderen Tagen wird es im Erzählcafé noch emotionaler, zum Beispiel wenn es um schreiende Babys, Schlafmangel oder Selbstzweifel geht. Maike Marschalk hat als Erzieherin und Leiterin einer Krabbelgruppe bereits zuvor von vielen Schwierigkeiten gehört. Zweimal hätten Mütter ihr erzählt, dass sie eine Schwangerschaft abgebrochen hätten – aus Angst vor Überforderung.

Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie arbeiten gehen

„Das Erzählcafé ist eine Idee zur Lösung solcher Probleme“, sagt sie. „Hier kullern auch mal die Tränen. Aber wir versuchen immer, den Blick auf das Positive zu lenken.“ Sie hat beobachtet, dass ein Thema eine besondere Rolle in den Gesprächen spielt. „Viele Frauen machen sich Sorgen um die Bindung zu ihrem Kind, zum Beispiel weil es per Kaiserschnitt geboren wurde oder gern beim Papa ist.“ Ebenso begleite viele Mütter ein schlechtes Gewissen, wenn sie Freude an ihrem Job hätten. Das liege nicht allein an den eigenen Vorstellungen von einer guten Mutter.

„Es gibt viele Vorwürfe, wenn Mütter kleiner Kinder wieder arbeiten oder auch abends feiern gehen“, sagt die Gruppenleiterin. Sie rät immer, auf das eigene Gefühl zu hören. Frauen sollten ihren eigenen Weg gehen und sich nicht rechtfertigen müssen. Dabei könne ein Netzwerk aus Gleichgesinnten helfen. Im Erzählcafé werde zudem ein Raum geboten, um besser auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, sagt Maike Marschalk. „Wenn Mütter achtsam mit sich selbst umgehen, gehen sie auch achtsam mit ihren Kindern um."

Bundesweite Aktion „Erzählcafé. Der Start ins Leben“

Das Erzählcafé ist Teil einer bundesweiten Aktion. Die Idee: Gemeinnützige Organisationen bringen Frauen miteinander ins Gespräch. Im Mittelpunkt steht das Thema Geburt.

Ziel ist, dass der Start ins Leben nicht von Angst, sondern von Freude, Vorfreude und Geborgenheit geprägt ist. Weitere Infos zu gibt es auf www.erzaehlcafe.net.

In Maschen geht es auch um Schwangerschaft und Babyzeit. Weitere Eltern, Großeltern und Hebammen – auch aus anderen Orten – sind willkommen.

Die Treffen beginnt jeden zweiten und vierten Freitag im Monat um 11.15 Uhr im Gemeindesaal der Friedenskirche Maschen, Horster Landstraße 17. Fragen beantworten Maike Marschalk (E-Mail: wenn.dann.maike@gmail.com) und Christina Carbuhn (Telefon: 0160/822 20 75). Weitere Infos auch im Internet: www.kirchengemeinde-maschen.de.