Harburg
Buchholz

Eine Lehrerin, die Begeisterung entfachen kann

Paul Theisen, Merdisa Hujdur, Helen Stübbe und Lehrerin Brigitte Muntermann (v.l.) freuen sich über die Erfolge bei Jugend forscht.

Paul Theisen, Merdisa Hujdur, Helen Stübbe und Lehrerin Brigitte Muntermann (v.l.) freuen sich über die Erfolge bei Jugend forscht.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Das Gymnasium am Kattenberge feiert wieder Erfolge bei „Jugend forscht“. Dahinter steckt eine Quereinsteigerin: Brigitte Muntermann.

Buchholz.  Mut. Es geht darum, mutig zu sein. Etwas anzupacken, das einen fasziniert. Auch dann, wenn der Verstand sagt, das schaffst du nicht. Brigitte Muntermann ist überzeugt, dass ein Mensch vieles erreichen kann, wenn er daran glaubt. Und wenn es andere gibt, die anregen und mitreißen. Sie selbst wäre ihren Weg so nicht gegangen, sagt sie, wenn sie diesen Vortrag nicht gehört hätte. Damals, vor 47 Jahren, in der Aula ihrer Schule. Einen Vortrag über Lebensmittelchemie . So spannend, dass sie in diesem Moment wusste: „Das muss ich studieren!“ Ganz gleich, was die anderen dachten, ganz gleich, wie sehr die Eltern auch den Kopf schüttelten. „Das war der Schlüsselmoment in meinem Leben“, sagt Brigitte Muntermann heute.

Fast ein halbes Jahrhundert liegt diese Entscheidung zurück. Und die 65-Jährige hat sie nie bereut. Die Faszination für die Naturwissenschaften hat nie nachgelassen. Und sie gibt diese unermüdlich an ihre Schüler weiter. Seit zehn Jahren unterrichtet Muntermann am Buchholzer Gymnasium am Kattenberge (GaK). Und hat in dieser Zeit bei unzähligen Mädchen und Jungen die Begeisterung für Wissenschaft und Forschung geweckt. Für ihr unermüdliches Engagement wurde sie jetzt bereits zum zweiten Mal im Rahmen von „Jugend forscht“ mit dem Titel „Engagierte Talentförderer“ ausgezeichnet.

Beim Regionalentscheid des Wettbewerbs in Lüneburg stand die Lehrerin allerdings nicht allein auf dem Treppchen. Fünf Projekte ihrer Schule waren ebenfalls erfolgreich und platzierten sich unter den ersten Dreien. Zwei davon erreichten sogar den ersten Platz und haben damit die Fahrkarte für den Landesentscheid gelöst, der vom 18. bis 20. März in Clausthal-Zellerfeld stattfindet.

Zwei Projekte gewannen den Regionalentscheid

Brigitte Muntermann ist stolz auf ihre Zöglinge. Sie weiß, dass viele Monate Arbeit hinter diesem Erfolg stecken. Und dass es nicht selbstverständlich ist, dass Schüler mit so viel Begeisterung und Ausdauer an einem Projekt forschen. Für Merdisa Hujdur (17) und Helen Stübbe (15) ist das wissenschaftliche Arbeiten allerdings etwas, das ihnen Spaß macht, sie herausfordert und zusammenschweißt. Die beiden Schülerinnen aus dem 11. Jahrgang bekamen ihren ersten Platz in Chemie für ihre Untersuchung eines ganz aktuellen Themas – nämlich wie Überschüsse bei der durch Windkraft oder Solarzellen gewonnen Energie besser gespeichert werden können.

„Wir wollten wissen, wie man die Wasserelektrolyse, die Zersetzung des Wassers in seine Elemente Wasserstoff und Sauerstoff, als Weg der Speicherung effizienter machen kann“, sagt Merdisa Hujdur. „Also haben wir verschiedene Elektrodenmaterialien auf ihre Effizienz bei der Elektrolyse von Wasser untersucht“, ergänzt ihre Mitstreiterin. „Wir haben sowohl mit Kupfer als auch mit Stahl experimentiert und zum Beispiel festgestellt, dass das Volumen des Gases ansteigt, wenn wir die Oberfläche von Kupfer vergrößern.“ Dreieinhalb Monate saßen die beiden Mädchen an ihrer Arbeit. Am 15. November reichten sie ihre Ergebnisse bei „Jugend forscht“ ein.

GaK-Schüler Paul Theisen konnte einen ersten Platz im Bereich „Arbeitswelt“ erreichen. „Ich habe mir nach dem Dieselskandal die Frage gestellt, ob es nicht auch einen Umweltskandal im häuslichen Umfeld gibt, und zwar nicht bei den regelmäßig überprüften Kaminen oder Gasherden, sondern bei Kerzen“, sagt der Zehntklässler. „Also habe ich mir ein Spezialgerät beim Schornsteinfeger ausgeliehen und in einem selbst konstruierten Untersuchungsraum mit Filmkamera den Kohlenstoffdioxid- und Kohlenstoffmonoxidgehalt in der Raumluft untersucht.“

Sein Ergebnis: Die Feinstaubbelastung durch Kerzen war nach kurzer Zeit so hoch, dass das Messgerät geschädigt worden wäre, wenn er weitergemacht hätte. Für diese Ergebnisse erhielt der 15-Jährige einen zusätzlichen Sonderpreis für „Umwelttechnik“. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin fahren die drei Schüler nun zum Landesentscheid in den Harz.

Mit 55 Jahren entschied sie, Lehrerin zu werden

Brigitte Muntermann weiß, dass die Konkurrenz, die dort wartet, groß ist. Und dass es nicht leicht sein wird, auch diesmal ganz oben auf dem Podest zu stehen. Doch darum geht es der 65-Jährigen auch gar nicht. Viel wichtiger sind ihr die Erfahrungen, die die Schüler machen dürfen. „Sie erleben, dass es sich lohnt, ein Thema anzupacken, auch wenn es zunächst unüberschaubar scheint. Ich möchte den Schülern durch diese Erfahrungen eine ‚Minizündung‘ für etwas geben, etwas in ihnen anstoßen, was sie sonst vielleicht nie entdecken würden“, sagt sie. „So wie es bei mir als Abiturientin der Vortrag über Lebensmittelchemie war.“

Nach dem Abitur studierte sie an der TH Darmstadt, stieg anschließend in den internationalen Vertrieb für Hochlei­stungs-Chromogaphie-Geräte ein. Sie arbeitete sich bis in die Geschäftsführung hoch. Dann ging sie in Elternzeit. „Ich hätte Karriere machen können“, sagt sie. „Aber die Umstände passten nicht.“ Also brachte sie ihr Wissen nebenbei ein, bot in der Grundschule ihrer Töchter Experimentierkurse an und half als „Feuerwehrkraft“ am GaK aus. Die Arbeit mit den Schülern machte ihr so viel Spaß, dass sie beschloss, als Quereinsteigerin in den Schuldienst zu gehen. Das liegt zehn Jahre zurück. „Ich saß in der Ausbildung mit Referendaren zusammen, die meine Kinder hätten sein können“, sagt sie schmunzelnd.

Auch leistungsstarke Schüler brauchen Unterstützung

Sie weiß, dass diese Entscheidung eine der besten ihres Lebens war. Und dass sie, wenn auch erst spät, das tun kann, was ihr wirklich am Herzen liegt: junge Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern und ihnen Klarheit darüber zu verschaffen, was sie wirklich wollen. Innerhalb weniger Jahre hat sie für das Gymnasium eine Menge erreicht. So gehört die Schule seit 2015 zum bundesweiten „Mint-EC-Netzwerk“. Seit 2017 ist das GaK zudem Mitglied bei „Jugend präsentiert“.

Regelmäßig heimsen die Schüler bei „Jugend forscht“ Preise ein. Und als Abgeordnete der „Zukunftswerkstatt“ sorgt die Lehrerin dafür, dass auch Schüler von anderen Schulen an die Forschung herangeführt werden. „Ich habe Angst davor, dass in unserem Schulsystem die guten Schüler auf der Strecke bleiben“, sagt sie. „Dafür will ich ein Gegengewicht schaffen. Denn auch gute Schüler brauchen Unterstützung und Motivation in dem, was sie tun. Sie brauchen Mut, um Dinge zu wagen.“