Kickern

Kellersport mit hohem Spaßfaktor

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Lars Hansen
Lars trainiert seine Zweier.

Lars trainiert seine Zweier.

Foto: Lars Hansen / HA

In der alten Polizeiwache an der Nöldekestraße trainiert Harburgs einziger Tischfußballclub. Spielfreude ist oberster Vereinszweck.

Harburg.  Früher war der Keller des Gebäudes Nöldekestraße 17 ein Ort von dem man meinte, dass man dort lieber nicht sein wollte – dabei befanden sich die Gewahrsamszellen der

im Hochparterre. Im Keller gab es nur Kram und Spinnenweben. Das ist heute anders und an Polizei erinnert hier unten sowieso nichts mehr: Etwa ein Dutzend mehr oder weniger strubbeliger Mittzwanzigerinnen und Mittzwanziger verteilt sich auf die Spieltische und die Couch. Die hochkonzentrierte Ruhe der Spieler steht im krassen Kontrast zum Lärm, den ihr Spiel verursacht: Tischfußball, auch Kickern genannt.

„Sidekick“ nennt sich das unterirdische Vereinslokal schmissig, wogegen der Vereinsname „Tischfußball Harburg e.V..“ eher dröge klingt, aber beim Vereinsregister ist man Fantasie gegenüber skeptisch eingestellt. Den Verein gibt es seit knapp einem Jahr, aber schon vorher traf man sich im Keller der alten Wache, um gemeinsam zu kickern.

„Die Idee entstand, weil das Angebot an Kickertischen in Harburg eher dünn ist“, sagt Alexander Jaensch, erster Vorsitzender des Vereins. „Es gibt nicht mal eine Handvoll Gaststätten mit Kicker, davon sind nicht alle Tische in einem guten Zustand, und die, die es sind, sind immer dicht belagert.“

Andererseits sind Gaststätten oft der erste Berührungspunkt der Enthusiasten mit ernsthaftem Tischfußball. Bei Jaensch war es so. „In meiner Lieblingskneipe stand ein Tisch und irgendwann wurde ich eingeladen, mitzuspielen. Dort hat sich eine richtige Szene entwickelt. Wir haben sogar zusammengelegt, um einen vernünftigen Tisch zu kaufen. Was mich an dem Sport reizt, ist, dass er die Hand-Auge-Koordination fördert und man im kommunikativen Kontakt mit seinem Gegner steht.“

Irgendwann ging es dem Studenten Jaensch mehr ums Kickern, als um die Kneipe und zu sehr ins Geld, immer in Gaststätten zu spielen. „Man wird ja auch mal durstig“, sagt er.

Seine Mitkickerer und er gehörten zu den ersten Mietern der alten Wachem, nachdem der Harburger Unternehmer Sönke Dobat diese gekauft hatte. Ganz umsonst ist das Kickern im Keller nicht: Der Verein nimmt 10 Euro Beitrag im Monat. Dafür gibt es die Getränke annähernd zum Selbstkostenpreis. Sämtliche Erlöse fließen in die Raummiete und den Erwerb und Erhalt von Sportgeräten.

Ein sporttauglicher Markentisch kostet neu zwischen 1200 und 1500 Euro. „Das ist zunächst einmal eine Frage des Gewichts“, sagt Jaensch. „Unter 100 Kilo ist ein Tisch ungeeignet, weil er sich dann beim Spielen bewegt. Es kommt außerdem auf die Stangenlager und die Stangen an.“

Die Spielstangen sind Spezialkonstruktionen und können jede für sich bis zu 30 Euro kosten. Dafür verbiegen sie auch nicht, wenn ein Spieler im Übereifer mal den Zweieinhalbzentnertisch anhebt.

Die Tische sind nicht überall auf der Welt gleich. So haben sie in den USA einen sehr viel schnelleren Belag und keine angehobenen Ecken. Deshalb haben die Verteidigerreihen in Amerika mehr Spieler, um den Ball noch aus der Ecke pulen zu können. Spanische Kickerpuppen haben statt des zusammengewachsenen Schusskeils zwei klar modellierte Füße, sodass man mit ihnen ganz anders schießt.

Trainiert wird an der Nöldekestraße dreimal pro Woche: montags, dienstags und donnerstags. Jeden zweiten Sonnabend pro Monat wird das „Monster“-Turnier ausgespielt, dessen Doppelteams in jeder Runde neu zusammengelost werden. Der nächste Termin für das Spaßturnier ist morgen. Zum Turnier und zum Training sind Neulinge willkommen.

Den Leuten im „Sidekick“ geht es mehr ums spielerische am Sport, als um das Leistungsprinzip. „Bei uns lernt jeder von jedem, die Anfänger spielen mit den Fortgeschrittenen und alle haben Spaß“, sagt Jaensch. „Ich kenne Vereine, bei denen tatsächlich Technik und Taktik verbissen trainiert werden. Es gibt aber nur eine kleine Anzahl wirklich effektiver Schüsse. Die Leistungsspieler reduzieren ihren Horizont und berauben sich des Spaßes. Wir genießen lieber das Spiel und entwickeln auch mal Ideen am Tisch.“

Tischfußball Harburg eV. im „Sidekick“, Nöldekestraße 17, 21073 Hamburg. Training: Mo, Di., Do., 19 Uhr

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