Breitensport

Da wird der Gegner auch schon mal geherzt

Gemeinsames Kickern im Clubheim des FC St. Pauli

Gemeinsames Kickern im Clubheim des FC St. Pauli

Foto: Stefanie Könnecke / HA

Bei der Kickermannschaft vom FC St. Pauli spielen nicht-behinderte und behinderte Tischfußballer gemeinsam in der 4. Liga.

Hamburg. Klack, klack, die Bälle auf dem Tischkicker fliegen hin und her. Das Gemurmel der Spieler dämpft das Klackern. Ab und zu ein Freudenjuchzer über ein Tor. Sonst Stille, Gemurmel und klack, klack. Seit 2009 hat der FC
St. Pauli eine eigene Tischfußball-Sparte mit rund 180 Mitgliedern. 20 Mannschaften messen ihr Können in den Ligen des Hamburger Tischfußball Verbandes. „Kickern ist mehr als nur Kneipenleidenschaft, das ist richtiger Sport, voller Emotionen und schneller Entscheidungen“, sagt Luciano Auria, 1. Vorsitzender der FC St. Pauli Tischfußballabteilung.

Das finden auch die rund 30 begeisterten Tischfußballer mit und ohne Behinderung, die sich seit fast drei Jahren zum gemeinsamen Kickern im Clubheim des Vereins treffen. In dieser Saison haben sie eine Mannschaft gebildet: „FC St. Pauli Leben mit Behinderung (LMB)“ nennen sie sich, denn der Verein „Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein“ ist Kooperationspartner. Es ist die erste Mannschaft der Hamburger Kicker-Liga, 4. Liga, Gruppe B, die die Inklusion umsetzt. Im Team der acht Spieler und Spielerinnen haben sechs eine Behinderung, einer sitzt im Rollstuhl, ein anderer hat das Downsyndrom.

Da der FC St. Pauli einen speziellen Rollstuhlkickertisch hat, können Sportler mit und ohne Behinderung an einem Tisch spielen. Die Griffe des speziellen Kickertischs sind größer, dadurch kann auch ein Mensch mit Spastik sie gut greifen, die Beine des Tisches gehen nach außen, so dass der Rollstuhl darunterpasst. „Das gemeinsame Spielen klappt super. Es ist toll zu sehen, dass hier alle zusammen spielen können, mit oder ohne Handicap“, sagt Auria, der seit mehr als zwölf Jahren leidenschaftlicher Tischfußballer ist.

Jeden Mittwoch trifft sich die Mannschaft im Clubheim des FC St. Pauli am Millerntor. Erst spielt man sich warm. Übt Taktik und Handling der Stangen am Kickertisch. Klack, klack, Tor. Und dann ein Jubelschrei. Die inklusiven Tischkicker sind mit sichtlicher Begeisterung dabei. Und auch der Gegner wird schon mal vor lauter Freude umarmt und geherzt. Kickern ist eben sehr emotional.

Die Gegner am heutigen Spieltag sind „Die torreichen 7 und Öli“. Kickern kommt aus dem Kneipensport, daher wohl die originellen Namen wie dieser, die man in den Liga-Tabellen liest. Die Mannschaften kommen immer ins Clubheim ans Millerntor, das ist die Bedingung. „Die Gegner sind alle nicht behindert. Und normalerweise fährt man auch abwechselnd zu den Gegnern hin“, erläutert Luciano Auria. „Aber wir haben eben den einzigen Kickertisch für Rollstuhlfahrer in Hamburg, deshalb spielen wir immer bei uns im Clubheim und die Gegner kommen hierher“, sagt der 36-Jährige.

Kickern ist ein fairer Sport. Vor dem Spielbeginn begrüßen die Gegner sich mit Handschlag. Dennis, Lena, Paul und die anderen sind gut drauf. In den ersten Spielen, so scheint es, nehmen „Die torreichen 7 und Öli“ die Paulianer nicht ernst. Aber nach einigen harten Schüssen von Dennis, Lena und Paul merken sie, dass sie aufpassen müssen, denn ein leichter Gegner ist der „FC St. Pauli LMB“ nicht. Und jedes Tor wird lautstark bejubelt. „Das Schöne ist, dass sich die Gegner auch oft mitfreuen, wenn unsere Mannschaft mal ein Tor macht. Das ist sonst nicht so in der Liga. Aber diese Freude steckt an“, sagt Auria.

Auch wenn die Mannschaft nach nur wenigen Liga-Spielen noch am Ende der Tabelle steht, sind sie, was Esprit und Elan anbelangt, schwer zu toppen. Spielerisch leider schon. Und so endet die Partie mit 27:7 Spielpunkten für die Gastmannschaft. „Auch wenn wir noch nicht so stark auftreten, wie wir es gern möchten, ist es doch wichtig, dass wir dabei sind“, betont Luciano Auria.

Er hat noch viel vor mit dem Team und unterstützt, wo er nur kann. „Es gibt Anfragen für internationale Spiele. Und wir würden gern bei der Rolli-Kicker-WM mitmachen“, sagt Luciano Auria. „Eines ist sicher: Die Mannschaft ,FC St. Pauli LMB’ ist schon jetzt was ganz Besonderes und das merken auch die Gegner in der Liga.“ Und da die Nachfrage so groß ist, plant Aurio auch schon eine weitere inklusive Mannschaft im nächsten Jahr.

Um das zu verwirklichen, sucht er gemeinsam mit Jan Baumhögger, Mitarbeiter vom Kooperationspartner „Leben mit Behinderung Hamburg“, Sponsoren, die den Spielern ohne eigenes Einkommen die Vereinsmitgliedschaft ermöglichen. Außerdem braucht die Mannschaft noch Geld für einen zweiten Kickertisch, damit noch mehr Rolli-Fahrer mitspielen können.

Die Abendblatt-Initiative „Von Mensch zu Mensch“ beteiligt sich an dem Kickertisch und sponsert einige Vereinsmitgliedschaften.