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Erste Flüchtlinge ziehen ins Krankenhaus

Dr. Stefan Christl, Marco Walker und Christoph Hennig (v. l.) freuen sich auf die neue Aufgabe, die auf sie und ihre Kollegen im
Aklepios Klinikum Harburg zukommt – und darüber, kurzfristig helfen zu können

Dr. Stefan Christl, Marco Walker und Christoph Hennig (v. l.) freuen sich auf die neue Aufgabe, die auf sie und ihre Kollegen im Aklepios Klinikum Harburg zukommt – und darüber, kurzfristig helfen zu können

Foto: Andreas Laible / HA

Asklepios in Harburg stellt leer stehende Station für 90 chronisch Kranke, Behinderte und Schwangere bereit.

Hamburg. In den langen Fluren der ehemaligen Herzstation wuseln Handwerker. Sie installieren Rauchmelder und eine Schließanlage, legen Anschlüsse für medizinische Gase still und bauen die Notrufstrippen in den Duschräumen ab. Denn aus den Krankenzimmern sollen Wohnräume, aus den Aufenthaltsräumen Speisesäle werden – und in den Besprechungszimmern werden schon bald Kinder spielen.

Als erstes Krankenhaus in Hamburg stellt das Asklepios Klinikum Harburg einen leer stehenden Bettentrakt für die Erstunterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Das Angebot richtet sich vornehmlich an jene, die medizinisch versorgt werden müssen: an Schwangere, die hier mit ihren Familien unterkommen können, an chronisch Kranke und Behinderte. Insgesamt finden 90 Menschen auf den beiden übereinander liegenden Stationen in Haus 2 Platz, Ende August sollen die ersten einziehen.

„Angesichts des großen Zustroms von Flüchtlingen, die in unserer Stadt Hilfe suchen, ist es für uns als Unternehmen eine Selbstverständlichkeit, einen Beitrag zur Linderung ihrer Not zu erbringen“, sagt Dr. Thomas Wolfram von der Geschäftsführung des Hamburger Klinikkonzerns. Er hatte vor knapp zwei Wochen die Idee zu der kurzfristigen Umnutzung des Bettentrakts, der nach dem Umzug der Kardiologie innerhalb des Klinikgeländes noch als Lager genutzt wurde. Nachdem die Innenbehörde und „Fördern & Wohnen“ als künftiger Betreiber die Räume geprüft und für geeignet befunden hatten, kümmern sich nun Marco Walker, Geschäftsführender Direktor, und Projektleiter Christoph Hennig um die Umsetzung des Vorhabens.

„Was bis vor einem halben Jahr als Krankenhaus genutzt wurde, ist sicher nicht schlechter als eine Zeltunterkunft“, sagt Marco Walker beim Gang durch die ehemalige Herzstation. Tatsächlich dürften den Flüchtlingen, die aus den riesigen Zeltdörfern der beiden Harburger Erstaufnahmen hierherkommen, die abschließbaren Zimmer luxuriös erscheinen. Alle verfügen über eine Waschgelegenheit, manche sogar über ein Bad mit Toilette. Auch die alten Patientenfernseher hängen noch.

Die Zimmer sind unterschiedlich groß, in einigen können sogar Familien unterkommen. Im Erdgeschoss von Haus 2 ist der Betriebskindergarten untergebracht, der bei Bedarf auch den Kindern der künftigen Bewohner offensteht. Die Stationen sind barrierefrei und damit für alte, kranke und gehbehinderte Flüchtlinge besonders gut geeignet.

Vor allem aber werden die künftigen Bewohner von der Lage ihrer Unterkunft profitieren – am Rande des Krankenhausgeländes, aber in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gynäkologie und der Medizinischen Klinik.

„Wir behandeln schon jetzt viele Patienten aus den Erstunterkünften“, sagt der stellvertretende medizinische Leiter Dr. Stefan Christl. Die Verständigung zwischen Ärzten und Patienten klappe in den meisten Fällen ganz gut: Da die Krankenhausbelegschaft aus mehr als 60 Nationen stamme, sei die Klinik ein ebenso multikultureller und vielsprachiger Ort wie der Stadtteil.

In der Geburtshilfe mit ihren vier Kreißsälen entbinden schon jetzt Flüchtlingsfrauen. Künftig können sie mit ihren Neugeborenen noch eine Weile im Schutz des Krankenhauses bleiben. „Gerade für Hochschwangere und Neugeborene ist die Situation in den Zeltunterkünften wegen möglicher ansteckender Krankheiten äußerst gefährlich“, sagt Professor Dr. Volker Ragosch, Leiter der Frauenklinik. Durch das neue Angebot könne Asklepios beide Risikogruppen aus den Erstaufnahmen herausholen. Darüber hinaus würde es sicher gelingen, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, die oft sehr jung seien und große Angst davor hätten, sich untersuchen zu lassen.

Wie die Anwohner wurde auch das Klinikpersonal am Dienstag über die neuen Patienten informiert. „Bei unseren 1500 Mitarbeitern kam das Vorhaben gut an“, sagt Rune Hoffmann von der Asklepios-Unternehmenskommunikation. „Etliche möchten sich für die Flüchtlinge engagieren.“ Denn Asklepios will ihnen mehr bieten als Kost und Logis. „Wir stimmen natürlich alle Aktivitäten mit Fördern & Wohnen ab, werden aber sicherlich auch mit eigenen Aktionen dazu beitragen, dass sich die Menschen bei uns wohlfühlen“, sagt Marco Walker. Ehrenamtliche Hilfe aus der Nachbarschaft sei dabei sehr willkommen. Die Gründung eines gemeinsamen Hilfsvereins von Klinikum und Unterstützern ist bereits fest geplant.

Der Bezirk Harburg begrüßt das Engagement des Klinikkonzerns. „Die schnelle und unbürokratische Unterstützung trägt erheblich zur Entspannung der Flüchtlingssituation bei“, sagt der Harburger Bezirksamtsleiter Thomas Völsch (SPD). Bis Ende März 2016 kann Asklepios die Flüchtlinge aufnehmen; dann müssen sie einer Schule für Logopädie weichen.