Harburg
Wilhelmsburg

Hausgemeinschaft will mehr als nur schön wohnen

Martina Helmke steht vor dem früheren Rialto-Kino am Vogelhüttendeich. Mit einer Hausgemeinschaft möchte sie in einem Neubau auf dem Gelände leben

Martina Helmke steht vor dem früheren Rialto-Kino am Vogelhüttendeich. Mit einer Hausgemeinschaft möchte sie in einem Neubau auf dem Gelände leben

Foto: Thomas Sulzyc

Baugemeinschaft bewirbt sich um den Rialto-Neubau in Wilhelmsburg. Erdgeschoss soll als soziales Zentrum dem Stadtteil offen stehen

Wilhelmsburg. Die 27 Jahre alte Martina Helmke hat eine konkrete Vorstellung, wo und wie sie in Zukunft wohnen möchte. Die Studentin, sie macht zurzeit den Master in Ethnologie an der Universität Hamburg, und Mutter einer vier Jahre alten Tochter bewirbt sich zusammen mit zehn bis 15 Bekannten als Baugemeinschaft für den geplanten Neubau auf dem Gelände des früheren Rialto-Kinos am Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg. Die Hausgemeinschaft, alles junge Leute zwischen 25 und 35 Jahre alt, will mehr als nur schön wohnen: Ähnlich wie früher das Filmtheater soll ein Teil des Hauses der Nachbarschaft offen stehen – als soziales Zentrum auf etwa 150 Quadratmetern im Erdgeschoss.

Wie genau Menschen und Initiativen aus dem Stadtteil die soziale Fläche im Rialto-Neubau bespielen könnten, dass möchte die Bewerbergemeinschaft jetzt mit der Öffentlichkeit diskutieren. Sie hat dazu eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Mehr als schöner Wohnen!“ organisiert, die am 10. August beginnt.

Erste Ideen gibt es bereits: „Wir stellen uns einen Begegnungsraum vor, vielleicht mit einem selbst organisierten Café“, sagt Martina Helmke. Dort sollen Menschen einfach sein dürfen, ohne konsumieren zu müssen. Derartige selbst organisierte öffentliche Treffpunkte hat die Ethnologin während eines Studienaufenthalts in Barcelona kennengelernt. „Dort arbeitete eine Punkerin mit einer Rentnerin zusammen an der Nähmaschine.“

Eine zusätzliche Etage könnte für soziales Engagement zur Verfügung stehen

Das Erdgeschoss im Rialto-Neubau könnte ein Veranstaltungsraum sein. Mit so geringer Miete und so unbürokratisch wie möglich. Eine Theatergruppe, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, habe bereits Bedarf angemeldet. Eine kleine Bibliothek könnte dort Platz finden. Und als Reminiszenz an die Filmtheatervergangenheit, sind Kinoabende eine naheliegende Idee. Möglicherweise fänden auch Lebensmittelretter einen Raum, sagt Martina Helmke. Die organisieren Nahrungsmittel, um sie Bedürftigen zukommen zu lassen – vergleichbar mit den Tafeln, nur im kleineren Stil.

Die Bewerbergemeinschaft kann sich sogar vorstellen, uneigennützig eine zusätzliche Etage für soziales Engagement zu opfern. Im Rialto-Neubau könnten in kleinen Wohnungen Menschen aus dem Quartier Unterschlupf finden, die von Verdrängung bedroht seien: Flüchtlinge etwa, oder allein stehende Frauen, sagt Martina Helmke.

Sollte die Hausgemeinschaft später zusammen alt geworden sein, böten die Einzelwohnungen auch Platz, damit Pflegepersonal mit in das Haus einzieht. Während jeder Quadratmeter Wohnfläche in Hamburg steigenden Profit verspricht, verzichtet die Hausgemeinschaft auf Gewinnmaximierung und sagt steigenden Mieten den Kampf an. Einige von ihnen leben bereits in Wilhelmsburg, andere wohnen in St. Pauli. Ein Informatiker, ein Architekt ein Sozialwissenschaftler sind unter ihnen. Martina Helmke ist im Jahr 2011 aus St. Pauli in das Reiherstiegviertel nach Wilhelmsburg gezogen. Kennengelernt haben sie sich bei politischer Arbeit im Netzwerk der Recht-auf-Stadt-Bewegung.

Martina Helmke sieht auch die besondere Geschichte des Kino-Grundstücks, als die Lichtspiele noch ein Ort des gemeinschaftlichen Erlebens in Wilhelmsburg waren, als besondere Verpflichtung an. „Ein Rialto-Neubau ohne öffentliche Fläche wäre nicht fair gegenüber dem Stadtteil“, sagt sie.

„Die Gruppe wird gemeinsam alt und schafft sich soziale und ökonomische Sicherheit“

Möglicherweise könnte das gelebte solidarische Wohnmodell das größere Erbe für Wilhelmsburg darstellen als die nachbarschaftliche Geste eines sozialen Treffpunktes. Denn die Hausgemeinschaft will beweisen, dass Wohnraum nicht zwingend auf dem Markt verhandelt werden muss und Mieten nicht zwangsläufig auf exorbitante Höhen steigen müssen.

Die Hausgemeinschaft finanziert dazu den Neubau aus Krediten verschiedener Geldgeber. Dabei hilft das bundesweite Mietshäuser Syndikat, ein Netzwerk aus zurzeit 97 Hausprojekten in Deutschland. Die Hausgemeinschaft tritt als Verein dem Syndikat bei. Die Mieter der Syndikatsmitglieder liegen laut Spiegel online in der Regel mindestens 20 Prozent unter den ortsüblichen Durchschnitt. Die Zinstilgungen sind darin enthalten. Am Ende bestimmt die Hausgemeinschaft die Höhe ihrer Mieten selbst. Martina Helmke: „Die Gruppe wird gemeinsam alt und schafft sich soziale und ökonomische Sicherheit.“