Harburg
Flüchtlings-Projekt

Gartentherapeutin erdet die Entwurzelten

Zdenka Hajkova (l.) und Dana Major besprechen, welche Pflanzen heute gesetzt werden

Zdenka Hajkova (l.) und Dana Major besprechen, welche Pflanzen heute gesetzt werden

Foto: Lars Hansen / HA

Die Flüchtlingsunterkunft Neuland wird von den Bewohnern begrünt. Expertin stellt ihr Können ehrenamtlich zur Verfügung.

Neuland. Wenn Zdenka Hajkova sagt, dass Gärtnern erdet, dann glaubt man ihr das sofort. Die angehende Gartentherapeutin strahlt gleichzeitig Kraft und Gelassenheit aus und freut sich sichtbar auf den Nachmittag. Den wird sie damit verbringen, Pflanzen einzutopfen, Hochbeete anzulegen und eine Ödnis zu begrünen. Außerdem wird sie andere Menschen erden. Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes entwurzelt sind. Zdenka Hajkova verschönert einmal pro Woche ehrenamtlich zusammen mit Bewohnern der Anlage die Zentrale Erstaufnahmestelle (ZEA) für Geflüchtete an der Schlachthofstraße in Neuland .

Auf einer Fläche, die etwa so groß ist, wie ein Fußballfeld, stehen hier 116 Wohncontainer, immer zwei übereinander. Sie sind alle belegt. Hier leben fast 450 Menschen, die nicht mehr in ihrer Heimat leben können. Sie warten. Erst auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag, dann auf einen Platz in einer Folgeunterkunft. Die Erstaufnahmestelle liegt zwischen Bäumen und Büschen. Rund um die Fläche herum ist es so grün, dass man vergessen könnte, dass die Gegend eigentlich ein Gewerbegebiet ist. Bei der ersten Besichtigung des Geländes hörte ZEA-Leiter Michael Wedler sogar eine Nachtigall singen und war sofort vom Standort begeistert. Die eigentliche Anlage jedoch ist auf einer verdichteten Sandoberfläche gebaut. Hier wächst nichts. Das hatte auch Zdenka Hajkova gesehen, als sie mal mit dem Fahrrad hier vorbeikam. So reifte in ihr die Idee, gemeinsam mit Flüchtlingen die Anlage zu begrünen.

„Gärtnern hilft, herunterzukommen und es hilft, Kontakt mit der Erde aufzunehmen“

Beim Deutschen Roten Kreuz, dem Träger der Einrichtung, stieß sie damit auf offene Ohren. Die ZEA-Sozialarbeiterin Dana Major begleitet das Projekt für das DRK. „Letzte Woche haben wir damit begonnen und die ganze Woche über fragten mich die Leute, wann wir weitermachen“, sagt sie, „man merkt richtig, wie gut die Menschen das Projekt annehmen.“ Zdenka Hajkova weiß, warum: „Gärtnern hilft, herunterzukommen und es hilft, Kontakt mit der Erde aufzunehmen. Das ist besonders für Leute wichtig, die in der Fremde heimisch werden müssen“, sagt sie.

Zdenka Hajkova nutzt diesen Effekt mittlerweile auch für sich selbst. Sie hat Germanistik und Botanik studiert, war knapp ein Jahrzehnt bei der Financial Times Deutschland tätig und danach PR-Fachfrau. „Von Büroberufen habe ich genug. Ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben täglich von 9 bis 18 Uhr am Schreibtisch zu verbringen.“ Deshalb bildet sie sich zur Gartentherapeutin fort. Das zweijährige berufsbegleitende Aufbaustudium an der Uni Rostock hat sie in einigen Monaten abgeschlossen. Das Wissen nutzt sie bereits beruflich: Beim Verein „Heilende Stadt e.V.“, dessen Ziel es ist, Natur im Lebensraum Stadt erlebbar zu machen, koordiniert sie das Projekt „GreenGym“, in dem Gärtnern, Körperertüchtigung und Pflege des öffentlichen Raums zum Wohle der Teilnehmenden koordiniert werden.

Mit simplen Mitteln die Möglichkeit ein Stück Heimat zu erleben

Auch in der ZEA Neuland ist es die Kombination aus körperlicher Tätigkeit, Kontakt mit der Natur und der Möglichkeit, seine weitgehend fremdbestimmte Umgebung ein wenig selbst gestalten zu können, die die Bewohner der Erstaufnahme reizt, mitzumachen. Außerdem hat man mit simplen Mitteln die Möglichkeit, doch ein Stück Heimat in der Fremde zu erleben: „Am ersten Nachmittag hatte ich Minze aus meinem Garten mitgebracht“, sagt Zdenka Hajkova, „da waren einige Geflüchtete ganz aus dem Häuschen, vor allem Syrer.“

Ein Bewohner der ZEA ist sogar selbst gelernter Gärtner und stürzt sich mit Begeisterung in das Projekt. Er trägt die Begeisterung auch mit zu den anderen Bewohnern, sagt Dana Major.

Das Pojekt ist auf Spenden aungewiesen

Einfach die Flächen zwischen den Wohncontainern aufhacken können Zdenka Hajkova und ihre Projektteilnehmer natürlich nicht. Gepflanzt wird in Blumenkübeln und Balkonkästen. Heute hat Zdenka Hajkova alte Eichenbretter mitgebracht. Sie will mit den Bewohnern ein Hochbeet anlegen.

Das Projekt ist auf Spenden angewiesen und Zdenka Hajkova betont, dass das kein Geld sein muss. „Wir brauchen Pflanzkübel, Erde, Material zum Hochbeetebauen und Pflanzenableger. Wer etwas übrig hat, soll das gerne spenden.“ Gespendet werden können auch Pflanzen, die sonst im Garten eher für Ärger sorgen. Bambus zum Beispiel, breitet sich im Hochbeet nicht weiter aus, dafür wächst er aber schnell. „Ganz wichtig sind auch Balkonkästen“, sagt Sozialarbeiterin Dana Major. „Die können nicht nur an die Fenster gehängt werden, sondern auch an die Stahlgeländer vor den Zugängen zu den Containern im ersten Stockwerk.“

Für Sachspenden kann man sich direkt an Zdenka Hajkova unter der Email zdenka.hajkova@heilendestadt.de oder unter Tel. 0160/99 49 81 23 wenden. Geldspenden nimmt das DRK entgegen.