Harburg
Finkenwerder

Der Hansajet – Eines Tages fliegt er wieder

Foto: Corinna Panek

Jeden Dienstag arbeitet der Verein „Ein Hansajet für Hamburg“ an der Restaurierung des einzigartigen Flugzeugs, das als der Urahn aller Airbus-Flugzeuge gilt.

Finkenwerder. Eines Tages wird er wieder fliegen – 85 Männer und Frauen glauben fest daran, und sie arbeiten daran. Jeden Dienstag ab 16 Uhr treffen sich etwa zehn von ihnen in Halle 104 auf dem Airbus-Gelände in Finkenwerder, um ihr Flugzeug wieder fit zu machen. Ihren Hansajet. Der HFB 320, Urahn aller Airbus-Flugzeuge und das erste zivile Düsenflugzeug, das in Deutschland gebaut wurde.

Im Moment jedoch ist das Ziel noch weit entfernt, denn immer noch geht es vor allem um das Zerlegen der Maschine, die zuletzt 1987 geflogen ist. Die Tragflächen liegen aufgebockt auf Holzgestellen, die Triebwerke auf Paletten davor, sie sehen ein bisschen aus wie zu groß geratene Konga-Trommeln. Die verwaschen-rote Nase thront auf einem Gitterregal.

An der Hallenwand lehnen die Wandverkleidungen, beigefarben mit feinen Goldstreifen, stoffbespannte Paneele, die, nun ja, muffig riechen. In den 60er-Jahren, als man Businessjets noch „fliegende Direktorenzimmer“ nannte, war es normal, dass auch an Bord geraucht wurde. Zigarre, versteht sich. „Ob wir die Verkleidung wiederverwenden können, wissen wir noch nicht“, sagt Ludolf Ungerer, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Ein Hansajet für Hamburg“.

Obwohl auch damals schon Verbundmaterialien eingesetzt wurden, zerbröckeln die Platten an den Rändern. Der Weichmacher im Kunststoff hat sich längst verflüchtigt. „Außerdem ist noch zu klären, ob sie überhaupt noch aktuellen Brandschutzanforderungen entsprechen. Bei den stoffbespannten Teilen ist das wohl eher nicht der Fall“, meint Ungerer.

Heißt im Klartext: Das wird etwas kosten, und das Geld oder das Material muss von irgendjemandem gespendet werden. Einen langen Atem brauchen die Flugzeugfreunde in jedem Fall. Nicht nur, dass das Geld nicht kontinuierlich fließt, sondern auch, weil noch etliche bürokratische Hürden zu nehmen sind.

Einfach gesagt, kann jeder ein Flugzeug auseinanderbauen, aber wieder zusammensetzen dürfen es nur die Mechaniker, die für diesen Flugzeugtyp zertifiziert sind. „Wir müssen unsere Mitglieder nach Vorgabe und Aufsicht des Luftfahrtbundesamtes qualifizieren“, erklärt der Vereinsvorsitzende Wolfgang Borgmann.

Würde der Verein nicht vieles in Eigenregie und mit Unterstützung der Industrie leisten, käme schnell eine fünfstellige Summe pro Person zusammen.

Für die Restaurierung ist eine umfassende Dokumentation erforderlich. Jedes ausgebaute Teil erhält einen Laufzettel, auf dem der Tag des Ausbaus und der Zustand vermerkt sind und auf dem später auch die Daten des Einbaus eingetragen werden. „Wir arbeiten wie die Profis, denn wir sind Profis“, betont Borgmann.

Allein das Auseinandernehmen nimmt schon reichlich Zeit in Anspruch. Im April 2011 fingen die Arbeiten mit der symbolischen ersten Schraubenlösung und der Demontage der Flugzeugnase an. „Was wir hier machen, ist im Grunde der D-Check“, erklärt Ungerer. Jedes Verkehrsflugzeug, egal ob Airbus A320 oder Boeing 747, muss nach 2400 Flugstunden auf den Prüfstand und wird dabei nahezu komplett zerlegt.

Und eben auch ein 47 Jahre alter HFB 320. „Jedes Teil wird einer Sichtkontrolle unterzogen, ob es Verformungen, Risse, Korrosion oder andere Anomalien gibt, und gesäubert“, sagt Ungerer.

Manch andere Arbeiten dürfen die Vereinsmitglieder, auch wenn sie einen luftfahrttechnischen Hintergrund haben, nicht ausführen. Zum Beispiel müssen die Triebwerke in einer externen Fachwerkstatt geprüft und aufgearbeitet werden. Christoph Miersch, im Vorstand für den Bereich Technik zuständig, erläutert: „Es gibt auch verschiedene Avionik-Systeme, die es damals noch nicht gab, aber heute Vorschrift sind.“

Dass die Triebwerke heutigen Lärmschutzanforderungen nicht genügen, liegt wohl auf der Hand, weil es sich aber um ein historisches Flugzeug handelt, können Ausnahmegenehmigungen erteilt werden. Nachtflüge aber bleiben verboten.

Kommerzielle Flüge, wie etwa mit der Ju52 der Lufthansa, werden mit dem Hansajet nicht angeboten werden. „Das würde auch nicht zu finanzieren sein“, sagt der Vereinsvorsitzende Wolfgang Borgmann. Zum einen, weil die Zulassungskosten als Verkehrsflugzeug zu hoch sind, zum anderen, weil Airbus – als Nachfolge-Unternehmen des Hansajet-Erbauers – die Musterzulassung für die HFB 320 zurückgezogen habe.

„Das macht kommerzielle Flüge grundsätzlich unmöglich“, so Borgmann. Die Zulassung als historisches Flugzeug sei zwar auch mit hohen Anforderungen verbunden, „aber sie sind für uns nicht unerreichbar.“

Somit wird der Hansajet hauptsächlich seine Vereinsmitglieder – zum Selbstkostenpreis – an Bord nehmen, in der vorliegenden VIP-Ausstattung hat er sieben Plätze. Denkbar wäre, mit dem Flugzeug an Luftfahrtschauen teilzunehmen, Flugvorführungen zu machen, es vielleicht auch einmal als Airbus-Mitarbeiter-Shuttle einzusetzen oder Freiflüge im Rahmen von Werbeaktionen zu verlosen.

Alles in allem habe die Restaurierung des Flugzeugs einen ideellen Wert von rund drei Millionen Euro. Ein großer Teil wird dadurch aufgefangen, dass die Mitglieder ehrenamtlich schrauben, dass Sponsoren Material oder Räume (Airbus) zur Verfügung stellen. „Ich hätte auch kein Problem damit, das Flugzeug als Red-Bull-Dose zu lackieren, wenn es dafür Geld gibt“, sagt Miersch.

Obwohl dem Verein eine Neulackierung in Originalfarben lieber wäre. Die Außenfarbe ist nämlich nur ein Beispiel dafür, dass der Hansajet eine ideelle Familie zusammenhält. „So hat sich bei uns Rolf Schwingel gemeldet, der das Flugzeug damals lackiert hat“, berichtet Ludolf Ungerer. Er selbst hat den Hansajet, der jetzt in Finkenwerder zerlegt dasteht, bereits vor 30 Jahren kennengelernt.

Das Flugzeug war damals bei der Wehrtechnischen Dienststelle 61 der Bundeswehr im bayerischen Manching stationiert. Es diente zunächst als Flugzeug für Zulassungs- und Erprobungsflüge unter Bundeswehranforderungen.

Später wurde es als „Klassenzimmer mit Flügeln“ eingesetzt: An ihm wurden die Fluggerätemechaniker ausgebildet, unter ihnen Ludolf Ungerer. Er veranlasste, dass der Verein im Jahr 2007 den Hansajet mit der Seriennummer WN 1025 S5 für rund 9000 Euro kaufen und nach Hamburg bringen konnte.

Zunächst stand das Flugzeug in Fuhlsbüttel in einer von Lufthansa Technik gemieteten Halle. Als der Mietvertrag auslief, durfte der Jet noch bis Anfang 2010 auf dem Flughafengelände stehen, gearbeitet werden durfte an ihm nicht. Bei Airbus fand der „Urahn“ dann ein neues Zuhause. Für den Verein auch ein schöner Beweis, dass Airbus sich auf seine Geschichte besinnt. „Möglicherweise wird Finkenwerder nach der Fertigstellung auch die Homebase für den Hansajet“, sagt Ungerer.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und auf einen konkreten Termin möchte sich der Vereinsvorstand denn auch nicht festlegen. Aber jeden Dienstag kommen die Flugzeugfreunde ihrem Ziel einen Schritt näher. Die Lust ist ihnen auch nach dreieinhalb Jahren nicht vergangen. Und so gehen manchmal auch erst spät am Abend die Lichter in Halle 104 aus. „Der Rekord war 1.30 Uhr“, sagt Ludolf Ungerer lachend.