Harburg
Bravo

Sex-Ratgeber Dr. Sommer wohnt in Maschen

Marthe Kniep hat für ihre Beiträge zum Thema Beschneidung in der Jugendzeitschrift „Bravo“ den Medienpreis des Urologenverbands erhalten. Ihr Antrieb: Jugendlichen vermitteln, wo sie Hilfe bekommen

Maschen. An „ihm“ kommt kein Teenager vorbei: Seit 45 Jahren berät „Dr. Sommer“ in der Zeitschrift Bravo Jugendliche bei Fragen rund um Liebe und Sex. Die Mädchen und Jungen vertrauen ihm ihre Sorgen und Fragen an, die sie mit Eltern oder Freunden nicht besprechen wollen, weil es ihnen unangenehm ist. „Dr. Sommer“ ist aber weder ein einzelner Mann noch ein Mediziner. Sondern eine junge Frau mit langen, dunkelblonden Haaren, die im Dachgeschoss eines Backsteinhauses an der Maschener Schulstraße als Diplom-Pädagogin Jugendliche und Familien bei Problemen berät.

Marthe Kniep war drei Jahre lang Leiterin des Beratungsressorts in der Münchner Bravo-Redaktion. „Die Stelle war mir von einem Karriereportal vorgeschlagen worden. Ich hatte zwar keinen journalistischen Hintergrund, aber für den Verlag stand ohnehin die Qualifikation zur Beraterin im Vordergrund“, erklärt sie. Doch das Heimweh brachte die studierte Erziehungswissenschaftlerin und qualifizierte Familienberaterin zurück nach Norddeutschland. In Maschen hat sie in diesem Jahr eine Praxis für Familienberatung eröffnet. Von hier aus beantwortet sie Fragen für die Online-Bravoleser an die „Dr. Sommer“-Redaktion.

Durch eine Serie von Artikeln, die Marthe Kniep zum Thema Beschneidung in der Dr.-Sommer-Rubrik veröffentlicht hat, ist die Deutsche Gesellschaft für Urologie auf die 37-Jährige aufmerksam geworden: Am Donnerstag erhielt sie in Düsseldorf den mit 2500 Euro dotierten Medienpreis Urologie. Inhaltlich geht es um Fragen, ob und wann eine Beschneidung notwendig ist („wer keine Beschwerden hat, sollte bis nach der Pubertät warten“), ob sie rückgängig gemacht werden kann („das ist nicht möglich“), und wie man auf dumme Kommentare reagiert („Hast du ein Problem damit?“).

Letztlich dreht sich ihr ganzes Arbeitsspektrum – von der Beratung in ihrer Praxis über die Dr.-Sommer-Kolumne bis hin zu Vorträgen und als Expertin in TV-Sendungen – darum, die Herausforderungen der Pubertät zu bewältigen. Es sind nicht nur die Veränderungen im Körper, die die Jugendlichen beschäftigen, sondern auch ein Gefühlschaos. Hinzu kommen mögliche Belastungen wie Probleme in der Schule oder im Elternhaus. Bei gesundheitlichen Problemen verweist Marthe Kniep die ratsuchenden Jugendlichen an den Arzt. „Mir geht es insbesondere darum, Jungen und Mädchen zu informieren, wo sie medizinische Hilfe bekommen, beziehungsweise, dass auch Jugendliche zum Urologen gehen können“, sagt sie.

Das Gros der Fragen, die die Jugendlichen an das Dr.-Sommer-Team richten, hat sich in 45 Jahren kaum verändert. „Die häufigsten Fragen sind ‚Bin ich normal?‘ und ‚Was soll ich tun...?’“, berichtet Marthe Kniep. „Klassiker“ sind auch „Bin ich bereit fürs Erste Mal?“ oder „Woher weiß ich, ob er/sie mich liebt?” Auch wenn durch das Internet Sex allgegenwärtig scheint, ist die Jugend nicht verroht. Eine feste Partnerschaft steht immer noch hoch im Kurs. Zugleich hat das Internet neue „Minenfelder“ eröffnet, etwa das Sexting. Damit ist der sorglose Umgang mit eigenen Nacktbildern gemeint, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Darüber hinaus haben Facebook und Co. zu mehr Fernbeziehungen geführt.

„Bei der Jugend ist ein breites Basiswissen vorhanden, die Jugendlichen sind über Verhütung aufgeklärt wie nie. Trotzdem gibt es gefährliche Wissenslücken. Etwa: Zu welchem Zeitpunkt ist eine Empfängnis möglich, was tun, wenn man die Pille vergessen hat“, erklärt Marthe Kniep. Auch über Aids wissen die Jugendlichen gut Bescheid. Allerdings rückten dabei andere sexuell übertragbare Krankheiten wie HPV oder Chlamydien in den Hintergrund. Auch das „Erste Mal“ findet heute im Schnitt nicht früher statt als vor Jahrzehnten: Die meisten Jugendlichen sind 16, 17 oder älter.

Und gestern wie heute sind Jugendliche kritisch mit ihrem Aussehen. Das betrifft sowohl die Figur – viele möchten abnehmen – als auch den Intimbereich: zu groß, zu klein, zu „anders“. „Es ist Teil unserer Arbeit, ehrlich zu sagen, wo die Grenzen des Möglichen sind. Wir wollen die Jugendlichen unterstützen, sich anzunehmen, zum Beispiel, indem wir immer wieder darauf hinweisen, dass dünn sein nicht alles ist und jeder Mensch anders gebaut ist“, sagt Marthe Kniep.

Bei der Veröffentlichung der Fragen und Antworten wird darauf geachtet, dass sie nach Themen, Geschlechtern und Altersstufen ausgewogen sind. Eine Frage an Dr. Sommer aber beschäftigt alle Ratsuchenden gleichermaßen: ob die Fragen alle echt sind. Marthe Kniep lächelt gelassen: „Ja, sind sie.“

www.Marthe-Kniep.de und www.bravo.de/dr-sommer