Harburg
Musikumzug

Mehr als 12.000 Harburger feiern weltweit ersten Discomove

So bunt und schrill war Harburg noch nie: Mit Paillettenkleidern und Afroperücken zogen mehr als 12.000 Menschen beim ersten Discomove durch die Straßen. Wiederholung im kommenden Jahr?

Hamburg. Antigone Golke aus Harburg weiß, worauf es beim Outfit ankommt: Afroperücke, Paillettenkleid und Plateaupumps. Arme und Rücken frei. Ein Hingucker. Wenn sie vom Wagen runterwinkt, tanzt, lacht, tun es ihr die meisten da unten nach. Aber noch ist die Stimmung eher verhalten.

Der Disco-Truck vom Team Bolero, Online-Informationsdienst „Besser im Blick“ und „Kaiser-Werbung“ ist gerade erst vom Kanalplatz in Harburg losgezockelt. Aus den Boxen dröhnt Relight my fire. Die ersten Drinks sind verteilt, und jetzt heißt es Schalter umlegen: Partyyyyyy! „Wo sind die Hände?“, brüllt DJ Pete West von Angie’s Night Club in den Lautsprecher auf dem Truck. Na, wo? Oben!

Antigone Golke winkt mit ihrem Bierbecher in die Menge und wippt. „Mal ein bisschen Bewegung. Der Truck wackelt ja nicht mal“, beschwert sich der Mann am Mikro. Die Leute auf dem One-and-only-Party-Truck sollen alles geben heute. Schließlich ist es der erste Discomove in Harburg. Zitiert man den Veranstalter ist es sogar der „weltweit“ erste. Naja, das ist etwas übertrieben. Das Ganze ähnelt dem Schlagermove doch sehr: Trucks, die mit Partyvolk durch die Straßen ziehen. Die pinkfarbenen Perücken, Blumenhalsketten, überdimensionalen Sonnenbrillen in Herz- und Blumenform, die Schlaghosen und psychedelischen Mustern auf Hemd und Bluse auf dem Truck hat man beim Schlagermove auch schon gesehen.

Große Ähnlichkeiten zum Schlagermove

Und ja tatsächlich: Viele von denen, die auf dem Disco-Truck tanzen, liefen in der Vergangenheit regelmäßig beim großen Schlagermove in Hamburg mit. Da mussten sie auch nicht lange nachdenken, welches Outfit sie zum Discomove am Sonnabend in Harburg aus dem Schrank holen. Aber egal ob Schlager-bunt oder Disco-stylisch, letztlich geht es doch nur um den Spaß. „Die Leute sind so entspannt“, sagt Antigone Golke. „Es ist wie eine große Familie. Da schlägt das Herz einfach höher. Und die Musik ist einfach supergeil“, schwärmt sie.

Die Musik ist auch das, was Veranstalter Bernd Langmaack antrieb. Seit vielen Jahren nimmt er mit einem Truck am Schlagermove teil. Er wollte die Musik-Generation, die nach den Schlagern kommt, in den Vordergrund stellen: also Disco. Acht Jahre lang trug er die Idee im Kopf. Anderthalb Jahre hat er am Discomove gefeilt. Herausgekommen ist eine bunte Karawane mit elf Disco-Trucks, darunter die Schlagerfreunde Winsen und zwei Schützenvereine.

Zudem sind zwei Fußgruppen unter den Teilnehmern: der Harburger Turnerbund und die Ballerbas. Dass beim Discomove Fußgruppen zugelassen sind unterscheide ihn deutlich vom Schlagermove, sagt Bernd Langmaack. Er wird nicht müde zu betonen, dass der Discomove keine Kopie des Schlagermoves, sondern eine sinnvolle Ergänzung sei. Also so etwas wie die kleine Schwester.

Die kleine Schwester zu besuchen, hat so manche Vorteile. „Hier in Harburg ist es nicht so überlaufen und viel persönlicher“, sagt Klaus Skarupke aus Harburg mit Blumenkranz auf der langhaarigen Perücke. „Beim Schlagermove ist es so voll, dass man gar nicht auf den Wagen raufkommt.“ Schwankenden Menschen mit gefährlich überschwappenden Getränken kann man also auch mal ausweichen. So landen die Drinks nicht im Nacken.

Auf dem Party-Truck kreisen inzwischen Schnäpse und Caipirinhas. Zeit zu schwofen. Zu zweit, allein. „Love is in the air“ dröhnt es aus den Boxen, während der Truck an alten Kränen, an Schiffen und Bürogebäuden vorbeizieht. Sobald die Party-Karawane den Kanalplatz verlassen hat und in die Blohmstraße einbiegt, wird es immer leerer. Nur vereinzelt gibt es noch Menschen, die da stehen und staunend der Partymenge zuschauen. Macht nichts, finden Anja Vogl und Nico Maaß aus Rosengarten-Nenndorf. „Nächstes Jahr wird es mehr. Das war beim ersten Schlagermove auch nicht anders.“

Die anderthalb Kilometer lange Route führt über Blohmstraße, Seehafenbrücke, Karnapp, Schellerdamm, Veritaskai zum Kanalplatz. Drei mal umkreist der Party-Zug die Strecke. Aus den Boxen folgt Klassiker auf Klassiker. „I am what I am“, und die Menge kreischt und juchzt. „Boys, Boys, Boys“ – Kreisch, Juchz. D.I.S.C.O, Kreisch, Juchz. Wenn das bunte Volk oben auf dem Truck jemand da unten entdeckt, der sich so richtig in Schale geschmissen hat, wird auch dieser bejohlt.

Wiederholung im nächsten Jahr ist noch unklar

Alles wippt, tanzt und trinkt. Jetzt hüpft auch der Truck. Es sind etwa anderthalb Stunden vergangen und bislang hat der DJ eher die Finger von den Schlagern gelassen. Aber dann kommt er der Ära mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und „Über den Wolken“ gefährlich nahe. „Die Leute stehen einfach drauf“, sagt Andreas Kaiser von Kaiser Werbung, Chef-Organisator auf dem Truck. „Und wenn der DJ 17 mal danach gefragt wird, spielt er es auch.“ Kurz darauf schwenkt DJ Pete West auch wieder um auf Disco: Y.M.C.A, Burn Baby Burn, I can Boogie.

Bleibt nur noch die Frage, ob es nächstes Jahr eine Wiederholung gibt? Zwar hatte Andreas Kaiser gehofft, dass mehr Besucher von außerhalb nach Harburg kommen. „Man sieht, dass Harburg nicht Hamburg ist. Die Besucher kamen aus Harburg und maximal aus dem Landkreis Harburg“, sagt er. „Trotzdem. Für Harburg ist es toll. Von allen, die da waren, haben wir eine super-positive Resonanz bekommen.“ Ganz besonders freut es ihn, dass das Fest so friedlich verlaufen ist.

Veranstalter Bernd Langmaack will sich noch nicht so recht festlegen, ob es nächstes Jahr einen zweiten Discomove gibt. Zunächst will er aber die Veranstaltung auswerten. Mit den Besucherzahlen ist er zufrieden. Mit rund 10.000 hatte er gerechnet. Nach seinen Angaben sind 12.000 bis 15.000 Besucher gekommen. „Das kann man als Erfolg verbuchen. Lieber klein und fein starten, dann hat man noch Luft nach oben“, sagt er. Genug, um nächstes Jahr nachzulegen? „Ich denke schon, dass es vorangeht. Die ganze Euphorie, die uns entgegengebracht wurde, deutet darauf hin“, so Langmaack. Anja Vogl und Nico Maaß hoffen drauf: „Dann müssen wir nicht immer zum Hamburger Zentrum.“