Wilhelmsburg

Kulturzentrum lebt für einen Sommer wieder auf

Das Rialto Kino eröffnet im Mai zunächst für eine Spielzeit. Ehrenamtliche Helfer und Sponsoren werden von Eigentümer Stephan Reifenrath noch gesucht.

Wilhelmsburg. Große Trockengebläse laufen auf Hochtouren und saugen die Feuchtigkeit aus den Wänden. Seit 1985, als die Rialto Lichtspiele in Wilhelmsburg und damit das letzte Kino auf den Elbinseln geschlossen wurde, hat sich die Nässe ihren Weg in das Mauerwerk gesucht. Sechs Wochen lang müssen die Gebläse arbeiten. "Allein das verschlingt 20.000 Euro Stromkosten", sagt der neue Eigentümer Stephan Reifenrath. Dreimal am Tag geht der Unternehmer in Hamburgs kaputtesten Kinosaal, um die Behälter zu entleeren, in denen sich das Wasser gesammelt hat.

Mindestens 70.000 Euro, nach inzwischen bei den Bauarbeiten neu entdeckten Mängeln eher 100.000 Euro, kostet es, den 100 Jahre alten Kinosaal wieder für den Spielbetrieb herzurichten. 20 Unterstützer haben bis jetzt insgesamt 43.388 Euro gespendet. Ein anonymer Spender, ein Hamburger Geschäftsmann, unterstützt die Renaissance der Lichtspiele allein mit 15.000 Euro. Und das alles, um nur für einen Sommer lang, für genau 180 Tage, einen neuen kulturellen Treffpunkt auf den Elbinseln zu schaffen.

Das Geld ist nötig, um Löcher im Dach abzudichten, den Fußboden im Saal wiederaufzubauen und die Gewölbedecke zu ertüchtigen. Die Finanzierungslücke von bisher noch 27.000 Euro ändere nichts daran, dass die Lichtspiele nach einem Vierteljahrhundert Pause wieder den Betrieb aufnehmen werden, versichert Stephan Reifenrath. "Es gibt kein Wenn und Aber", sagt er. "Wir haben angefangen zu tanzen. Jetzt tanzen wir bis zum 31. Oktober."

Mit Spenden können Menschen den Plan unterstützen, die Eintrittspreise so günstig wie möglich zu halten. Für Einheimische aus dem Stadtteil Wilhelmsburg will Stephan Reifenrath ein Kontingent besonders vergünstigter Tickets vorhalten. Das soll den Wilhelmsburgern signalisieren: "Das ist euer Kino. Das ist für diesen Stadtteil gemacht."

Die Unterstützung ist groß. Unternehmen, meist Handwerksbetriebe, haben Material im Wert von 60.440 Euro gespendet. Noch hängt die alte Leinwand im Saal, auf der in den 1970er-Jahren Filme wie "King Kong" oder "Nordsee ist Mordsee" flimmerten. Wenn die Lichtspiele am 3. Mai eröffnen, wird eine neue Leinwand installiert sein. Das Unternehmen Amptown Systems aus Hamburg stellt die Kinoausstattung, Bild- und Tontechnik im Leihwert von 30.000 Euro.

Die ursprünglichen, mit rotem Cordstoff bezogenen Sitze sind inzwischen abgebaut. Muffig sollen sie gerochen haben. Stephan Reifenrath erhält andere Sitzreihen aus einem früheren Hamburger Kino. 241 Plätze wird das wiedereröffnete Rialto-Kino bieten. 335 Plätze, vielleicht sogar 387, soll das Reiher-Theater gehabt haben, aus dem die Rialto Lichtspiele hervorgegangen sind.

Noch gehört eine Portion Fantasie dazu, dass in den Kinosaal unter der Gewölbedecke in nur 43 Tagen wieder Leben kommen wird. Die Kinosaal-Baustelle erinnert eher an eine archäologische Ausgrabungsstätte als an einen Kulturbetrieb. "Roter Nadelfilz wird verlegt, die Stühle werden installiert. Das kriegen wir locker wieder hin", wischt Stephan Reifenrath, ein Mann mit ansteckender Vorstellungskraft, jeden Zweifel hinweg. Sei Kino bezeichnet er liebevoll als "alte Dame".

Das Foyer ist in weitaus besserem Zustand als der Saal. In das kleine Kassenhäuschen wird er eine Glasscheibe einsetzen lassen. Wie früher, mit einem Sprechloch in der Mitte. "Es wird kein schönes, sondern ein ursprüngliches Kino", sagt Stephan Reifenrath. Begeistert ist er von den Deckenfresken, die bisher unter der abgehängten Decke versteckt waren und jetzt bei den Renovierungsarbeiten wiederentdeckt wurden. "Originalstuck aus dem Jahr 1913", freut sich Reifenrath.

Die neuen Rialto Lichtspiele suchen noch ehrenamtliche Helfer für den Spielbetrieb vom 3. Mai bis 31. Oktober. "Wir brauchen ein Heer von Leuten", sagt Stephan Reifenrath. Helfer für verschiedene Tätigkeiten werden noch gebraucht: Kartenabreißer, Ordner, Getränkeverkäufer und auch professionelle Filmvorführer. Sie werden mit Freikarten belohnt. Eine kleine Aufwandsentschädigung ist auch im Gespräch. Auch Praktikanten und Studenten, die im Veranstaltungsmanagement mitarbeiten wollen, sind willkommen. Denn die Lichtspiele werden als Kulturkino auch Schauplatz von Konzerten, Lesungen, Poetry-Slams und Theater sein. Für das Programm hat Stephan Reifenrath eine Veranstaltungsleiterin eingestellt: Eva Steindorf, Miterfinderin der Fernsehsendung Konspirative Küchenkonzerte. Zurzeit arbeiten sechs Kuratoren an dem Programm für 180 Tage, zwei für Musik, zwei für Theater und jeweils einer für Kino und Literatur.

Ein Stummfilm soll die Spielzeit am 3. Mai eröffnen. Welcher ist noch offen, aber er soll aus dem Jahr 1913 sein, dem Gründungsjahr der Rialto Lichtspiele. Mehr als 200 Filme wird das Kino in den 180 Tagen zeigen. Die Rialto Lichtspiele werden mit Musik- und Theaterfestivals kooperieren. Hamburgs Barde Bernd Begemann hat einen Auftritt am 14. Mai zugesagt. Oliver Maria Schmitt, früherer Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic", wird am 22. Mai im renovierten Lichtspiele-Saal lesen.

www.rialto-lichtspiele.de