Harburg
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Asklepios-Klinik will neues Personal einstellen

Nach Brandbrief des Harburger Betriebsrates, in dem Patientversorgung kritisiert wurde, wächst der Druck auf Asklepios-Geschäftsführung.

Harburg. Auf ihrer Homepage wirbt die Asklepios-Klinik Harburg (AKH) mit einem Siegel, das ihr "Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen" bescheinigt. Nach den jüngsten Berichten über den Pflegenotstand im Krankenhaus am Eißendorfer Pferdeweg in Heimfeld und den offiziellen Reaktionen aus der Geschäftsführung des Klinikkonzerns sind erhebliche Zweifel angebracht, ob so viel zertifiziertes Vertrauen noch gerechtfertigt ist.

Nach dem Brandbrief des AKH-Betriebsrates, in dem die Patientenversorgung als nicht mal mehr "ausreichend" bezeichnet wurde (das Abendblatt berichtete exklusiv), werden täglich neue Einzelheiten über Unzulänglichkeiten und Mängel an der AKH bekannt. Ein deutlicher Beleg für die dramatische Situation dürfte die Tatsache sein, dass die Geschäftsführende Direktorin, Dr. Cornelia Lindner, freigestellt wurde, wie Dr. Christoph Mahnke, Geschäftsführer Asklepios-Kliniken Hamburg, den AKH-Mitarbeitern in einem Schreiben mitteilte. Dr. Cornelia Lindner war bereits die dritte Führungskraft auf dieser Position innerhalb von nur drei Jahren.

In seinem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt, forderte Asklepios-Chef Mahnke bezeichnenderweise zudem "eine Erneuerung von innen". Das scheint auch bitter nötig. Bereits 2010 hatte der Betriebsrat Alarm geschlagen und auf akute Probleme in der Pflege durch dauerhaften Personalmangel verwiesen. In der Folge soll es dann auch einen Brandbrief seitens mehrerer Chefärzte an die Asklepios-Geschäftsführung gegeben haben, der sogar zur Einsetzung eines Mediators geführt habe. Zu einer nachhaltigen Verbesserung der angespannten Situation hat das nicht geführt.

Aktuell fehlen 38 Vollzeitkräfte durch langfristige Krankheit, Mutterschutz und Elternzeit. Ganze Abteilungen mussten laut Betriebsrat schon geschlossen werden. Der nicht kompensierbare Personalmangel führe demnach immer wieder dazu, dass sich eine einzelne Pflegekraft um bis zu 24 Patienten kümmern müsse, deren Betten zum Teil stundenlang auf Stationsfluren stünden.

Diese Notlage habe zu einem rasanten Anstieg von Gefährdungsanzeigen geführt. Mit ihnen signalisiert das Pflegepersonal, dass die Versorgung der Patienten nicht mehr im notwendigen Umfang gewährleistet ist. "Die Schere zwischen Apparatemedizin und persönlicher Zuwendung geht immer weiter auseinander", bestätigte dem Abendblatt eine Mitarbeiterin, die aus Angst um ihren Arbeitsplatz aber anonym bleiben will.

Die Asklepios-Konzernleitung bestreitet den Ernst der Lage nach wie vor und versucht, die Fakten beständig zu relativieren. In offiziellen Stellungnahmen räumt die Konzernleitung zwar ein, dass es "in Spitzenzeiten zu einem erhöhten Patientenaufkommen und damit auch zu einer verstärkten Belegung der Stationen kommen" könne. Ansonsten seien die vom Betriebsrat erhobenen Vorwürfe im Wesentlichen aber "nicht faktenbasiert". Dennoch befänden sich Geschäftsführung und Betriebsrat inzwischen "in konstruktiven Gesprächen".

Bestätigt werden die alarmierenden Verhältnisse im AKH unterdessen auch von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Deren Fachbereich 3, zuständig unter anderem für Pflegekräfte in Krankenhäusern, sind die Personalprobleme bei Asklepios schon seit längerer Zeit bekannt. "Die knappe Stellenplanung ist so berechnet, dass die Kollegen schon bei einer Vollbesetzung täglich an die Grenze ihrer Belastbarkeit gehen müssen", sagt Hilke Stein. Das sei zwar in großen Teilen symptomatisch für alle Asklepios-Häuser, habe aber im Fall der AKH eine "Dramatik, die uns aus den anderen Häusern so nicht bekannt ist". Die gängige Personalbemessung reiche laut Hilke Stein nicht aus, "um eine qualitativ hochwertige Pflege der Patienten dauerhaft und verlässlich zu gewährleisten".

Erschwerend käme hinzu, dass der Markt für Leiharbeiter derzeit leer gefegt sei. Qualifizierte Pfleger und Krankenschwestern könnten sich die Stellen aussuchen, so Stein. Die Asklepios-Klinik in Harburg scheint nicht gerade auf Platz eins der Wunschliste zu stehen.

Der Abendblatt-Versuch, mit der neuen Pflegedirektorin Leonie Mettner ins Gespräch zu kommen, scheiterte. "Jetzt sind interne Gespräche erst einmal wichtiger", so Asklepios-Sprecher Paul C. Giboni.

Nicht nur in der Verwaltung sind permanente Wechsel in Führungspositionen an der Tagesordnung. Krassestes Beispiel dafür ist die Abteilung Gynäkologie/Geburtshilfe, die inzwischen den vierten Chef binnen zwei Jahren hat. Fortan wird sie von Professor Volker Ragosch geleitet. Der ist eigentlich Chef der Geburtenstation der Asklepios-Klinik Altona, einer der größten in ganz Norddeutschland. Was allein schon logistisch durch das permanente Nadelöhr Elbtunnel eine schwierige Konstellation darstellt.

Anfang der Woche hatte die Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks aufgrund der Abendblatt-Berichterstattung bei einem Besuch in Neugraben Arbeitszeit-Kontrollen in der AKH angekündigt. "Das Amt für Arbeitsschutz ist eingeschaltet und macht vor Ort anlassbezogene Stichproben", sagt ihr Sprecher Rico Schmidt. Es habe, so Schmidt weiter, schon vor der Berichterstattung routinemäßig Proben in Harburg gegeben. Die Ergebnisse dieser Proben will Schmidt nicht nennen. "Sie werden erst mit der Klinikleitung erörtert", so der Behördensprecher. Die, so Schmidt weiter, habe bereits zugesagt, neues Personal einstellen zu wollen.