Gefahr durch resistente Keime

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Neues Netzwerk gründet sich. Landkreis Lüneburg will Beitritt prüfen

Lüneburg. Durch den zunehmenden und teilweise sinnlosen Einsatz von Antibiotika existieren immer mehr behandlungsresistente Krankheitserreger (MRE) - und immer mehr Patienten erleiden dadurch Infektionen. "15 000 Todesfälle aufgrund einer Infektion mit MRSA - das ist der resistente Keim Staphylococcus aureus - gibt es schätzungsweise pro Jahr bundesweit", sagte Marion Wunderlich, die als Ärztin an der Einführung eines Netzwerks gegen MRSA in Lübeck beteiligt ist. Der Sozialausschuss des Landkreises Lüneburg hatte sie eingeladen, um über die Erfahrungen in Lübeck zu berichten.

Weil weitere, sogenannte Killerkeime in unserer Umgebung bereits existieren, die auf keine Behandlung mit Antibiotika oder konventionellen Medikamenten ansprechen - auch der Darmkeim EHEC sowie der Norovirus gehören dazu - liegt die Zahl der mit multiresistenten Erregern infizierten Menschen bei uns in einer Größenordnung von fast 1 Million Betroffener jährlich, vermuten Experten. Und das hat Folgen: MRSA-Infizierte oder stille Träger der so genannten Killer-Keime, die sich selbst gesund fühlen, stellen ein zunehmendes Problem in der häuslichen Pflege, bei der Betreuung in Senioren- und Pflegeeinrichtungen, in Hausarztpraxen und beim Krankentransport von Patienten dar. Isolationsmaßnahmen bei der Versorgung Betroffener führen aber zur Ausgrenzung, sie verursachen psychische Probleme.

Gebraucht wird deshalb der Austausch über aktuelle Pflegmaßnahmen und neue Standards in der Hygiene. Auch die schnelle Verständigung von Experten bringe Erfolg und einen Rückgang der Infektionszahlen, meinte Marion Wunderlich. In den Niederlanden sei man im Kampf gegen MRSA bereits ausgesprochen erfolgreich. In Lüneburg dagegen noch nicht. "Drei bis neun Prozent der Patienten, also rund 3000 Bürger pro Jahr, holen sich bei einem Klinikaufenthalt in Folge einer Operation oder einer Dialyse die gefährlichen Keime. Schätzungsweise 114 Tote pro Jahr sind die Folge", sagte Wunderlich.

Saubere Hände - auch im täglichen Umgang miteinander - helfen. Aber auch bei der Verordnung und Einnahme von Antibiotika muss deutlich mehr Sorgfalt geübt werden - auch von den Patienten. Bis zu 300 000 Tonnen der antibakteriellen Medikamente werden jährlich in Deutschland verschrieben - ungeachtet der Mengen, die in der Massentierhaltung routinemäßig den Tieren eingetrichtert werden. Dabei sind diese Pillen im Fall einer Virusinfektion völlig nutzlos.

Wenn nichts geschieht, werden sich die Zustände weiter verschärfen, sagte Marion Wunderlich. "Insbesondere Darmkeime, Mutanten der Escherchia Coli wie EHEC, sind auf dem Vormarsch", erklärte sie dem Sozialausschuss. "In den Beratungen unserer Einrichtungen ist die Angst vor einem Klinikaufenthalt auch spürbar. Manch einer will nicht mehr ins Krankenhaus, weil er sich dort eine Infektion holen kann", sagte Berthold Schweers, Geschäftsführer der Caritas.

Einen Beitritt zum Netzwerk unter Federführung des Kreisgesundheitsamtes will der Kreis jetzt prüfen.

( (es) )

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