Harburg

"Unsere Schule ist nicht schlecht"

Foto: Andreas Schmidt

Die Gesamtschule Finkenwerder hat den schlechtesten Abiturdurchschnitt Hamburgs. Dafür gibt es Gründe

Finkenwerder. Antje Bernhardi, 57, sagte sofort zu, als die Harburger Rundschau um einen Gesprächstermin bat - obwohl das Thema auf den ersten Blick sehr unerfreulich für eine Schulleiterin erschien: Ihre Schule, die Gesamtschule Finkenwerder am Norderschulweg 14, hat bei einem Ranking der Hamburger Schulbehörde, einen unerfreulichen Platz belegt: den letzten.

Es geht um den Abiturdurchschnitt an den Hamburger Gymnasien, Aufbaugymnasien, Abendgymnasien, beruflichen Gymnasien und Gesamtschulen: Dabei erzielte die Gesamtschule Finkenwerder im vergangenen Schuljahr den schlechtesten Abiturdurchschnitt in Hamburg: 3,18. Nur noch das Gymnasium Farmsen (sechsstufig) mit einem Schnitt von 3,05 und das Aufbaugymnasium der Erich-Kästner-Gesamtschule (Bezirk Wandsbek) mit einem Schnitt von 3,03 übertrafen die Marke von 3,0. Und ohne einen Einser-Abiturienten (1,0!) an der Gesamtschule Finkenwerder, hätte der Notenschnitt dort sogar bei 3,5 gelegen.

Zum Vergleich: An der Gesamtschule Harburg lag der Schnitt bei 2,74; an der Gesamtschule Kirchdorf bei 2,53. Den besten Gesamtschulschnitt legten die Abiturienten an der Max-Brauer-Schule in Altona mit 2,37 hin. Was also ist los an der Gesamtschule Finkenwerder? Sind die Schüler faul? Sind die Lehrer schlecht? Oder wie kam es zu dem auf schlechten Abitur-Durchschnitt?

"Wir sind nicht Hamburgs schlechteste Schule, wir sind Hamburgs beste Schule", sagt Antje Bernhardi. "Wir machen den Slogan der Schulsenatorin an dieser Schule schon seit vielen Jahren wahr: 'Eine kluge Stadt braucht alle Talente.' Das schaffen wir durch guten Unterricht, Ganztagsangebote und gründliche Betreuung und Beratung von Eltern und Schülern."

Wie passt diese Selbsteinschätzung der Schulleiterin mit dem schlechten Abi-Schnitt von 3,18 zusammen? Es lohnt sich einen genaueren Blick auf die Gesamtschule Finkenwerder zu werfen.

In Finkenwerder gibt es nur zwei weiterführende Schulen: das Gymnasium Finkenwerder und die Gesamtschule Finkenwerder, die jetzt Stadtteilschule geworden ist. Auf diese beiden Schulen gehen fast alle Finkenwerder Grundschüler nach der vierten Klasse, beide Schulen liegen auf einem Gelände am Norderschulweg. Die Oberstufenschüler beider Schulen werden gemeinsam von Lehrern beider Schulen unterrichtet.

Auf die Gesamtschule Finkenwerder gehen 670 Schüler. Sie kommen meist aus Elternhäuser, die Soziologen als "bildungsfern" bezeichnen: wenig Bücher zu Hause, viel Fernsehen, beide Eltern arbeiten oder haben gar keine Arbeit, das Geld ist knapp, und die Eltern haben selbst keine hohe Schulbildung und dienen ihren Kindern nur eingeschränkt als Vorbild.

"In der fünften Klasse kommen fast keine Schüler mit einer Gymnasialempfehlung auf unsere Gesamtschule", sagt Schulleiterin Antje Bernhardi. "Unser Ziel ist es, jedem Schüler den bestmöglichen Schulabschluss mitzugeben."

Den bestmöglichen Schulabschluss, das Abitur, haben im vergangenen Schuljahr nur neun (!) Schüler an der Gesamtschule erreicht. "Von diesem Jahrgang sind nach der zehnten Klasse noch mehr als zehn Schüler an die Gesamtschule Blankenese gewechselt", sagt die Schulleiterin. Gute Finkenwerder Gesamtschüler seien auch an die Ida-Ehre-Gesamtschule in Eimsbüttel, an die Max-Brauer-Schule in Altona und an die Gesamtschule Harburg gewechselt - "das waren von der Persönlichkeit und von der Leistung eher die stärkeren Schüler, bei denen die Eltern ein größeres Augenmerk auf den weiteren Bildungsweg legen". Diese Abwanderung sei jetzt gestoppt worden, so die Schulleiterin: "durch besonders intensive Beratung, Betreuung und ein attraktives Angebot".

Mittlerweile besuchen 143 Schüler die Oberstufe der Gesamtschule: 54 die Vorstufe, 53 die 12. Klasse und 36 die 13. Klasse. "Das ist ein großer Erfolg für unsere Schule", sagt Antje Bernhardi. In diesem Jahr sei jeder zweite Zehntklässler in die Oberstufe gewechselt, im Vorjahr waren es 40 Prozent und im Jahr davor 27 Prozent. "Unsere aktuelle Quote von 51 Prozent ist enorm, wenn man berücksichtigt, dass von diesen Schülern kaum jemand nach der vierten Klasse eine Empfehlung fürs Gymnasium hatte."

Und die Schulleiterin ist guten Mutes, das sich der positive Trend fortsetzt: "Ich rechne damit, dass von unseren 143 Oberstufenschülern mindestens zwei Drittel das Abitur machen werden."

In diesem Jahr dürfte der Abiturschnitt an der Gesamtschule Finkenwerder besser werden als im Vorjahr: Viele Schüler peilen einen Schnitt von deutlich unter 3,0 an (siehe Artikel auf dieser Seite). Und von diesem Abiturjahrgang habe nach der zehnten Klasse kein Schüler auf die Gesamtschule Blankenese gewechselt, so die Schulleiterin - Blankenese ist für Finkenwerder Schüler mit der Fähre recht gut erreichbar. Der Abi-Schnitt von 3,18 der neun Schüler an der Gesamtschule Finkenwerder setzt sich übrigens so zusammen: einmal 1,0, einmal 2,8, einmal 3,2, einmal 3,4, einmal 3,5, einmal 3,6 und dreimal 3,7. Fünf dieser Abiturienten haben mindestens einen Elternteil, der aus einem anderen Land stammt, also einen so genannten "Migrationshintergrund" - an der Gesamtschule liegt dieser Anteil bei knapp einem Drittel.

Oberstufenkoordinatorin Martina Herrmann hat sich über die Leistungen ihrer Abiturienten "enorm gefreut - das hätte keiner in der fünften Klasse geglaubt, das die einmal das Abitur machen werden".

Nur bei einem Abiturienten war man sich ganz sicher: bei Jonny Peters. Er machte den Schnitt von 1,0 und will studieren. "Jonny und seine Eltern sind von der Gesamtschule überzeugt", sagt Antje Bernhardi. Kein Wunder: Beide Eltern sind Gesamtschullehrer.