Harburg
Wirtschaftskrise in der Region

"Die Talsohle ist noch nicht erreicht"

Experten beurteilen die Folgen der Wirtschaftskrise für die Region. Vertreter aus Wirtschaft und Politik der Metropolregion geben skeptische Prognosen.

Winsen. Ist die Talsohle der Wirtschaft erreicht oder nicht? Geht es mit der Wirtschaft wieder aufwärts? Steigt die Zahl der Insolvenzen an und nimmt die Zahl der Arbeitslosen rapide zu? Schlägt die Krise auch vor unserer Haustür zu?

Fragen, auf die kaum einer eine verlässliche Antwort weiß. Experten aus der heimischen Wirtschaft, Fachleute aus der Metropolregion, Betroffene und Vertreter des Mittelstandes geben Antwort auf die Kernfrage: Wie steht es um die Wirtschaft in unserer Region?

Axel Gedaschko

Eine Analyse von Hamburgs Wirtschaftsenator Axel Gedaschko (CDU) macht deutlich: Die Weltkonjunktur hat noch nicht angezogen und man muss davon ausgehen, dass noch bittere Momente vor allem auf dem Arbeitsmarkt bevorstehen. "Dort werden wir zusammen mit der saisonalen Abschwächung die Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen", so der Senator.

"Was die Insolvenzen angeht: Bisher ist in den Statistiken für Hamburg kein sprunghafter Anstieg ablesbar. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt schneidet diese Region deutlich besser ab. Die Zahl der Insolvenzen und Anzahl der betroffenen Beschäftigten liegen zwar im ersten Halbjahr über dem Vorjahresniveau. Die voraussichtliche Forderungshöhe und die Forderungen je Insolvenzfall befinden sich aber unter Vorjahresniveau. Klagen über das Zahlungsverhalten haben zugenommen und belasten gerade kleine und mittlere Unternehmen." Hamburg hat zusätzlich einen Fonds eingerichtet, um zur schnellen Verbesserung der Bonitätslage von Klein- und Kleinstunternehmen beizutragen. Übrigens nimmt aber die Zahl der Existenzgründer in Hamburg zu.

Gedaschko zur Lage auf dem Arbeitsmarkt: "Trotz der regen Inanspruchnahme der Kurzarbeit und der Konjunkturprogramme ist mit einer Verschlechterung der Arbeitsmarktlage zu rechnen."

Die Prognose von Gedaschko: Die Konjunkturprogramme beginnen zu greifen und die Stimmung bei den Unternehmen verbessert sich weiter. Nach den Worten des Senators aber muss in der internationalen Zusammenarbeit noch viel geleistet werden. Gedaschko: "Dies ist die Grundvoraussetzung für eine weltweite Erholung von welcher dann der Exportweltmeister Deutschland profitieren kann - und in der Folge - die Handels- und Logistikregion Europas: die Metropolregion Hamburg."

Werner Albers

Geringere negative Auswirkungen der Krise für die Region vor den Toren Hamburgs hat der Vorstands-Vorsitzende der Volksbank Nordheide, Werner Albers, zu Beginn der Krise prognostiziert. Jetzt sieht sich Albers in seiner Einschätzung bestätigt: "Die privaten Haushalte haben für eine Krise vorgesorgt und Ersparnisse zurückgelegt. Der breit aufgestellte Mittelstand ist nicht so gefährdet wie einzelne Großunternehmen. Dennoch gibt es auch bei uns negative Auswirkungen."

Albers geht davon aus, dass es derzeit zwar noch nicht wieder aufwärts geht, aber es auch nicht weiter abwärts gehen wird: "Ein deutlicher Aufschwung ist noch nicht zu erkennen, so wird es wie bei jedem Wirtschaftsabschwung einen Anstieg der Insolvenzen geben. Auch unser Raum wird davon nicht verschont bleiben."

Seine Prognose: "Es wird die eine oder andere Schreckensmeldung geben und die derzeitige Euphorie wieder bremsen. Auch in der Finanzbranche dürfte noch nicht alles zum Besten stehen. Insgesamt bin ich aber optimistisch, dass es in kleinen Trippelschritten wieder aufwärts geht."

Joachim Bordt

Der Branchenmix im Landkreis Harburg ist breit und mit kleinen und mittelständischen Unternehmen gut aufgestellt. Für Landrat Joachim Bordt eine gute Voraussetzung, um die Krise zu meistern. Bordt: "Allerdings hat sich auch bei uns die Arbeitslosenquote um einen Prozent erhöht. Hier macht sich die Flaute im Hamburger Hafen mit direktem und indirektem Arbeitsplatzabbau bemerkbar."

Die Prognose von Landrat Bordt: "Unsere Volkswirtschaft steht auf einem sehr starken Fundament. Damit können wir Krisen besser verkraften als die meisten anderen Länder. Andererseits hängt für uns sehr viel davon ab, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt - wir leben vor allem vom Export. Noch sind wir nicht aus der Finanzkrise heraus. Trotzdem: Ich bin vorsichtig optimistisch."

Infolge der Krise muss mit steigenden Insolvenzen auch in der Nordheide-Region gerechnet werden. Bordt: " 2009 und 2010 werden schwierige Jahre. Das wird fraglos Insolvenzen zur Folge haben - mehr als in anderen Jahren. Und dies vor allem in bestimmten Branchen. Dazu zählen die Autobranche samt Zulieferbetrieben und Autohändler, die Transport- und Logistikwirtschaft und unternehmensnahe Dienstleistungsbereiche. Besser sieht es im Hoch- und Tiefbau aus."

Hans-Heinrich Harms

Der Mittelständler Hans-Heinrich Harms, Geschäftsführer des Malereibetriebs Harms in Winsen, ging Anfang des Jahres davon aus, dass sich die Krise nicht voll auf die mittelständischen Unternehmen vor Ort auswirken werde. "Das ist aus heutiger Sicht nur noch bedingt richtig. In der Bauwirtschaft ist die sogenannte Krise nicht durchgeschlagen, in der Metallbranche umso mehr. 2010 wird die Wirtschaftsflaute für alle Bereiche der Wirtschaft voll durchschlagen. Die heute veröffentlichten Erwartungen, dass das Tal erreicht ist, teile ich nicht. Ich denke, dass es enorm mehr Unternehmen in die Insolvenz treiben wird."

Harms weiter: "Durch Kurzarbeit und andere Maßnahmen wurden Entlassungen bisher weitgehend vermieden, aber so wurde das Problem nur aufgeschoben. Ich sehe auch, dass es ab Anfang 2010 mindestens 4,5 Millionen Arbeitslose geben wird."

Die Prognose von Harms für die nächsten Monate sieht düster aus: "Bis Ende des Jahres 2010 ist in der Bauwirtschaft noch genügend zu tun. Für 2010 zeichnet sich eine sehr harte Zeit schon heute ab. Es gibt weniger Ausschreibungen und weniger Anfragen für Großprojekte."

Michael Zeinert

Die Weltwirtschaftkrise ist mit voller Wucht in der Region angekommen. So das Fazit des IHK-Hauptgeschäftsführers Michael Zeinert aus Lüneburg: "Daran lassen die Ergebnisse unserer Konjunkturumfragen keinen Zweifel aufkommen.

Der Konjunkturklima-Index für die deutsche Industrie verzeichnete bereits zum Jahreswechsel auch in unserer Region einen dramatischen Rückgang. Der Index für den Großhandel ist im ersten Quartal regelrecht abgestürzt. Zahlreiche Betriebe haben jedoch auf Entlassungen verzichtet und versuchen, Mitarbeiter über Kurzarbeit im Unternehmen zu halten. Jetzt haben wir aber eine Trendumkehr geschafft. Im zweiten Quartal ist der Klima-Index über alle Branchen von 66 auf 80 Punkte angestiegen, so stark, wie seit dem Frühjahr 2007 nicht mehr." Michael Zeinert weiter: "Für Euphorie ist es sicherlich noch zu früh. Unsere aktuellen Umfrageergebnisse und die der Wirtschaftsforschungsinstitute setzen sehr positive Signale. Vor allem Industrie und Großhandel blicken wieder zuversichtlicher in die Zukunft. Die Nagelprobe für den Arbeitsmarkt kommt aber erst im Herbst."

Wenn Umsätze in Unternehmen wegbrechen, drückt das vor allem Unternehmen mit einer dünnen Eigenkapitaldecke an die Grenzen ihrer Existenzfähigkeit: "Vorübergehend werden wir mit einer Zunahme der Insolvenzen leben müssen." Nach Feststellungen der IHK haben Mittelständler die Flaute genutzt, um sich strategisch neu aufzustellen, den Service auszubauen und Nischenmärkte zu erschließen: "Die Unternehmen gestalten ihre Zukunft also sehr aktiv, verbreitete Investitionsangst ist nicht zu spüren."

Zeinert über die Entwicklung am Arbeitsmarkt: "Nach unseren Einschätzungen tun die Unternehmen alles, um Arbeitsplatzabbau zu vermeiden. Sie wissen, dass man in besseren Zeiten Fachkräfte nicht ohne weiteres wieder findet. Sorgen bereitet uns die Finanzierungslage. Wenn sich die Unternehmen jetzt dank neu eingehender Aufträge bei ihren Banken um Finanzierung bemühen, dürfen ihnen die zum Teil kräftigen Umsatzrückgänge im ersten Halbjahr nicht zum Verhängnis werden. Die Banken blicken zu stark in den Rückspiegel. Die Rating-Kriterien nach Basel II müssen jetzt an die außergewöhnliche Situation der Weltwirtschaft angepasst werden, sonst könnte der Abschwung von gestern den Aufschwung von morgen ausbremsen."

Josef Schlarmann

Eine düstere Prognose hatte der Bundesvorsitzende der Mittelstandsvereinigung (MIT) in Deutschland, Dr. Josef Schlarmann aus Winsen, zu Beginn der Krise abgegeben. Seine Beurteilung jetzt: "Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich dramatischer entwickelt, als ursprünglich erwartet. In diesem Jahr wird die wirtschaftliche Leistung um etwa fünf Prozent abnehmen. Von der Krise sind auch bekannte Unternehmen in der Metropolregion Hamburg betroffen. An der Alster sind einige davon zu besichtigen: Hapag-Lloyd, Karstadt, HSH-Nordbank."

Nach den Worten von Schlarmann gibt es Anzeichen dafür, dass auf niedrigem Niveau eine Stabilisierung stattfindet: "Hierfür sprechen insbesondere die Auftragseingänge in der Industrie und der Exportwirtschaft. Die positiven Impulse kommen aus Asien, nicht aus den USA. Es wird aber keinen schnellen, sondern nur einen langsamen Aufstieg geben."

Der Winsener Wirtschaftsexperte: "Viele Unternehmen befinden sich bereits in der Insolvenz. Häufig sind es Zulieferbetriebe mit hohem Fremdkapital. Familienbetriebe sind weniger betroffen. Wenn die Krise länger dauert - wovon auszugehen ist - wird die Zahl der Insolvenzen weiter ansteigen". Folgen für den Arbeitsmarkt sind unausweichlich: "Kurzarbeit kann bei kurzfristigen Auftragsrückgängen Beschäftigung sichern. Bei längerfristiger Krise verzögert Kurzarbeit den notwendigen Strukturwandel. Die Wirtschaft ist derzeit nur mit 70 Prozent ausgelastet. Es ist deshalb mit weiteren Entlassungen zu rechnen."

Jochen Winand

Der Vorstandsvorsitzende der Süderelbe-AG, Jochen Winand, hat größere Auswirkungen der Krise auf die Großunternehmen wie auch für den Mittelstand in der Metropolregion erkannt: "Das wurde durch wachsende Finanzierungs-Zurückhaltung der Kreditwirtschaft verstärkt. Betroffen sind unter anderem auch die Auto-Branche, der Anlagenbau sowie die Chemie-Unternehmen und deren Wertschöpfungskette."

Prognosen, wonach das Tal bereits erreicht ist, und es mit der Wirtschaft bereits wieder aufwärts geht, teilt Winand nicht: "Wir werden nochmals einen Tiefpunkt im Herbst/Winter 2009 erleben, insbesondere nach der Bundestagswahl - und alles wird verstärkt durch weltweit spürbare Auswirkungen der Schweinegrippe." Diese Auswirkungen könnten sich massiv auf geschäftliche und private Reisen, auf die Urlaubsbranche, auf Airlines und auf die gesamte Weltwirtschaft auswirken. Er geht weiter davon aus, dass es zu einem sprunghaften Anstieg der Unternehmens-Insolvenzen und der Arbeitslosenzahlen kommen wird. Eine bessere Situation sieht Winand für das Frühjahr 2010 voraus.