Harburger City

Die große Lösung lässt noch auf sich warten

Foto: Jochen Gipp

Harburger Wirtschaftsexperten machen sich im Rundschau-Gespräch Gedanken um die Harburger Innenstadt. Wo sind Perspektiven?

Die Harburger Innenstadt: Immer wieder bietet sie Diskussionsstoff für Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Zu wenig Aufenthaltsqualität bemängeln die einen - zu viele Ein-Euro-Shops und Imbiss-Läden monieren die anderen. Welche Perspektiven bietet die Innenstadt? Die Harburger Rundschau sprach mit Thomas Diebold von der Aktionsgemeinschaft, dem BID-Manager Peter C. Kowalsky vom Hamburger Aufgabenträger Konsalt und dem Citymanager Matthias Heckmann. Thomas Diebold: "Wir bilden seit knapp zwei Jahren ein gut funktionierendes Netzwerk aller Innenstadtakteure. Und mit dem im Herbst vergangenen Jahres vorgestellten Masterplan für die Innenstadt ernten wir erste Früchte der Zusammenarbeit."

Seit das Phoenix-Center 2004 seine Pforten öffnete, verfügt Harburg über einen "Magneten" auch für einkaufsfreudige Kundschaft aus dem Umland. Aber von den durchschnittlich 30 000 Kunden, die täglich ins Center kommen, machen sich im Verhältnis nur wenige auf den Weg zu weiteren Geschäften der Harburger Innenstadt. Diese Entwicklung hatte die von Harburger Geschäftsleuten gegründete Aktionsgemeinschaft Harburg früh vorhergesehen. Inzwischen gibt es für Verbesserungen im Bereich der Innenstadt seit April 2009 das BID Lüneburger Straße, einen Zusammenschluss aus etwa 110 Grundeigentümern, die sich engagieren. Und der Centerbetreiber ECE verpflichtete sich zur Zahlung von 150 000 Euro für ein Citymanagement, das auch von der Sparkasse Harburg-Buxtehude, der Aktionsgemeinschaft und dem Bezirksamt mitfinanziert wird.

"Harburg ist besser als sein Ruf", sagt Citymanager Matthias Heckmann, "aber es gibt noch viel zu verbessern, beispielsweise an der innerstädtischen Bausubstanz. Es muss auch allen klar sein, dass sich aus der Harburger Fußgängerzone keine zweite Mönckebergstraße machen lässt, und es wird uns auch nicht gelingen, die Lüneburger Altstadt in Harburg zu kopieren." Inzwischen wird bereits über ein Stadtmarketing nachgedacht, um Harburg im Umland und in den nördlichen Bezirken neu zu positionieren. Für die Zukunft ist nicht auszuschließen, dass Aktionsgemeinschaft, Citymanagement und BID gemeinsam in einem Dachverband für gut organisiertes Geschäftsleben in der Innenstadt werben.

Und Thomas Diebold hebt hervor: "Harburg ist Multi-Kulti. Wir müssen nur erkennen, dass in der Vielfalt auch Vorteile liegen". Kowalsky: "Vom BID initiierte Veranstaltungen wie der Harburger Kunst- und Kultursommer oder 'Binnenhafen goes Innenstadt' schaffen attraktive Shoppingerlebnisse." Mittel- bis längerfristig sieht der Masterplan unter anderem vor, das sich entwickelnde Binnenhafengebiet mit einer Wegeverbindung im Bereich Großer Schippsee an die Innenstadt anzubinden.

Auch soll dem Herbert-Wehner-Platz größere Bedeutung zukommen. An eine offene City Mall ist gedacht.

Waschbeton-Kübel, in denen Unkraut wuchert und wilde Müllkippen angelegt werden, die Trinkerszene auf dem Rathausplatz und 1970er-Jahre-Tristesse an der Lüneburger Straße - von Aufenthaltsqualität, wie sie andere Innenstadtbereiche bieten, keine Spur. In Harburgs City ist man auf Schnelligkeit ausgerichtet: Imbissläden und Billig-Bäcker mit Stehcafé-Atmosphäre. Gemütlich sieht anders aus. Nur wenige Geschäfte und Gastronomiebetriebe laden zum Verweilen ein. "Wir alle wollen attraktive Geschäfte in der Harburger Innenstadt, aber das geht nicht von heute auf morgen", sagt Citymanager Matthias Heckmann. Um das Thema Sauberkeit wolle man sich, wie berichtet, dieses Jahr verstärkt kümmern. "Aufklären, Aufräumen, Ahnden" lautet das Motto", so der Citymanager, "derzeit werden zusammen mit Kooperationspartnern Aktionen entwickelt. Bürger sollten zu mehr Umweltbewusstsein motiviert werden und auch Schulen könnten sich beteiligen.

Ebenso könnte der Bezirkliche Ordnungsdienst BOD Ordnungsgeld verhängen oder es ließe sich auch, zusätzlich zur Stadtreinigung, ein privater Müllentsorgungsdienst einsetzen. Kowalsky: "Mit dem Bepflanzen von Beetscheiben, neuen Bäumen und Bänken an der Lüneburger Straße sowie an der Bremer Straße, den Beetpatenschaften des BID, dem Beseitigen von Graffiti und der Grundreinigung ist ein Anfang gemacht".

Ein einheitliches Erscheinungsbild sei sehr wichtig, wenn Bürger künftig ihre Innenstadt nicht mehr nur als Durchgangspassagen nutzen sollen.

Auch am Seeveplatz müsse sich etwas tun. Das, so Thomas Diebold, Harburgs Karstadt-Chef und Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft, sei zunächst einmal eine Sache der Einstellung. "Das besondere Flair dort mit den Geschäften, die von Migranten geführt werden, ist ja auch ein Alleinstellungsmerkmal. Was in Berlin-Kreuzberg zum normalen Straßenbild gehört, lässt sich allerdings hier nicht in bestehende Strukturen integrieren." Diebold und Heckmann können sich noch gut an jene Zusammenkunft der Bezirksversammlungsabgeordneten erinnern, bei der Masterplan-Gutachter, Politiker und einige Verwaltungsmitglieder lautstark forderten, das Harburg-Center und den Tunnel abzureißen. "Die Schandflecken müssen endlich weg", so hieß es unisono. Immer wieder wurde Investor Dieter Lindberg, verantwortlich für das Harburg-Center, dazu aufgefordert, etwas gegen Leerstand und marode Bausubstanz zu unternehmen. "Vergeblich. Da wird man immer wieder vertröstet", so Diebold. Die große Lösung, der Harburger Innenstadt ein zeitgemäßes Gesicht zu geben, lässt noch auf sich warten.

Der kleine Weinladen, in dem man in Ruhe den passenden Wein zum Abendessen aussuchen kann, ein Geschäft, in dem regionale Spezialitäten von der Konfitüre bis zum Apfelsaft erhältlich sind - die findet man an der Lüneburger Straße vergeblich, sondern eher an der Hölertwiete und am Deichhausweg. In die City Galerie, Lüneburger Straße 48, zieht ein neuer Drogeriemarkt ein. In kurzer Entfernung eröffnet eine Bäckereikette ein Café. Juwelier Christ hat sich verabschiedet. Die Kunden zog es eher zur Filiale im Phoenix-Center. Heckmann: "Das ist nicht erfreulich, aber das gehört zur Umstrukturierung des Standorts."

Positive Effekte werden vom geplanten Fitness-Center Sportspaß am Harburger Ring, dem Sportbar-Restaurant O'Leary am Lüneburger Tor sowie den neuen Geschäften in den Harburg Arcaden erwartet. Jüngeres Publikum dürfte angesprochen werden.

Doch damit sich langfristig und nachhaltig etwas am eher kläglichen Angebot ändert und sich höherwertige Anbieter etablieren, sollten alle Grundstückseigentümer mitziehen. Einige müssten außerdem etwas an ihren kleinteiligen Geschäftsflächen ändern und sich vergrößern. "Es ist nicht leicht, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Einige Eigentümer und Immobilien-Gesellschaften agieren gar nicht vor Ort. Da fällt die Kommunikation nicht leicht", so Citymanager Heckmann.

Zunächst hofft Heckmann auf weitere Sponsoren, damit das Citymanagement in den kommenden Jahren weitergeführt werden kann. Kowalsky rechnet damit, dass auch dem BID, das nach dreijähriger Laufzeit am 31. März 2012 zu Ende geht, noch eine Verlängerung blüht. Aktuell bereite man die Planungen für fünf weitere Jahre vor, in denen die geschlossene Entwicklungspartnerschaft zusätzliche Verbesserungen wie beispielsweise ein neues Beleuchtungskonzept für die Fassaden im BID-Gebiet schaffen kann.

Pro Jahr werden von den Grundeigentümern derzeit gut 175 000 Euro in die Aufwertung des Standorts investiert. Kowalsky wünscht sich, dass bis 2020 die neu entstandenen Eigentümergemeinschaften weiter verfestigen und vielleicht auch für das Gebiet um den Marktplatz Sand ein BID Verbesserungen schafft. Zusammen mit der Lämmertwiete, dem Lüneburger Tor, dem Seeveplatz und einem barrierefreien Zugang zum Binnenhafen könnte die Innenstadt zum Wohnzimmer der Menschen werden.

Kowalsky: "Harburg soll seinen Besuchern und Bewohnern in seiner Vielseitigkeit und künftigen Attraktivität einfach Spaß bereiten." Thomas Diebold: "Mein Wunsch wäre die Öffnung des Harburger Rings in beide Richtungen. Und auch dass die Busse vor dem Herbert-Wehner-Platz halten." Matthias Heckmann: "Wenn bis 2020 ein Großteil des Masterplans umgesetzt worden wäre, wäre dies ein wichtiger Schritt für Harburg."