Asyl

Eppendorfs makabrer Streit um ein geplantes Flüchtlingsheim

„Kunstinstallation“ mit Sarglöst Empörung aus. SPD hält an Bau von 104 Plätzen im Stadtteil fest. Einladung nach Harburg.

Hamburg.  Beeindruckend sind sie, die Villen aus Backstein an der Loogestraße und in der Nachbarschaft. Klingelt man an der Tür und fragt die Bewohner, was sie von der Folgeunterkunft halten, die die Stadt auf einem Grünstreifen gegenüber plant, sind sie sich alle einig: „Hier hat keiner ein Problem mit Flüchtlingen.“

Im Gegenteil. Auch Eppendorf bräuchte eine Unterkunft, nur eben nicht hier. Das habe nichts mit der Angst vor Fremden zu tun, sondern es gehe um den Schutz des Stadtbildes und den „Grünflächenfraß“. Die Fläche würde einmal im Jahr von einem Zirkus genutzt, wo solle der jetzt hin? Außerdem habe es Fehler bei der Kommunikation vonseiten der Stadt gegeben. „Wir haben von dem Bau erst durch die Proteste der Leute erfahren“, sagt etwa Anwohner Heiner Eggert.

Das Thema polarisiert die Eppendorfer

Wie viele andere Nachbarn ist auch er der Meinung, man hätte sich mit ihnen zusammensetzen und diskutieren müssen. In der Nähe gebe es einen Spielplatz, hier seien viele junge Menschen unterwegs. Familien mit Kindern seien herzlich willkommen, nur: „Wenn überwiegend junge alleinstehende Männer kommen, dann entstehen Probleme.“

Wie sehr das Thema die Eppendorfer polarisiert, ließ sich auch auf der Facebook-Seite des Abendblatts verfolgen. „Es ist unsolidarisch und unmenschlich, zu vergleichsweise absurden Kosten für eine Handvoll Migranten in Eppendorf einen Park zu vernichten“, lautet einer der Kommentare. Doch es gibt viele Gegenstimmen, auch unter den Anwohnern. Etwa von Anja R., die Ärger vermeiden und daher ihren vollen Namen nicht nennen will.

„Ich halte die Angst der Menschen für übertrieben, als ob alle männlichen Flüchtlinge Vergewaltiger sind. Viele Nachbarn haben doch nur Angst um ihre Immobilienpreise.“ Davon ist auch Nils Loenicker, der an der Ludolfstraße das Alma Hoppe Lustspielhaus betreibt, überzeugt. „Als Eppendorfer schäme ich mich für die Haltung meiner Mitbürger“, so der Kabarettist, der seit 30 Jahren in der Nähe der Loogestraße lebt. Er wolle keine Gäste verlieren, aber es sei ihm wichtig, mal „klare Kante“ zu zeigen.

Die am Wochenende anonym installierte und vom Bezirk abgeräumte „Kunstinstallation“ mit einem Sarg, in dem die Natur in Form von Plüschhasen und Plastikwiese zu Grabe getragen wurde, sei „an Peinlichkeit nicht zu überbieten“. Die Wiese werde nur marginal genutzt und sei alles andere als ein Idyll. „Es ist verlogen, hier vom Verlust einer wertvollen Grünfläche zu sprechen.“

Mehr Widerstandspotenzial als in Billstedt

Die CDU Hamburg-Nord distanziert sich unterdessen von dem Vorschlag ihrer Abgeordneten Christine Brüggemann, die Flüchtlinge statt in Modulhäusern an der Loogestraße lieber in leer stehenden und noch umzubauenden Eppendorfer Schulen unterzubringen. „Hier handelt es sich nicht um Erdbebenopfer, sondern um Geflüchtete, die ein Recht auf würdige Unterbringung haben“, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ekkehart Wersich.

Der Protest gegen die geplante Unterkunft sei insofern bizarr, als dass sie mit 104 Plätzen relativ klein sei. „Wir reden hier von einem Fünftel der Flüchtlinge, die Eppendorf eigentlich unterbringen müsste, wenn es freie Flächen gäbe.“ An der Massivität des Protests gibt Wersich der rot-grünen Bezirksregierung die Mitschuld. „Es wurde versäumt, die Anwohner rechtzeitig ins Boot zu holen. Eppendorf ist anders als Billstedt. Hier gibt es mehr Widerstandspotenzial.“

Gesina Pansch von der Initiative „Welcome to Eppendorf“ hat ihre Zweifel, dass es bei mehr Bürgerbeteiligung weniger Protest gegeben hätte. „Ich hatte bislang nicht den Eindruck, dass diejenigen, die auf Bürgerbeteiligung pochen, daran interessiert sind, die Unterkunft mit auszugestalten. Es geht ihnen eher darum, sie zu verhindern.“

Stadt hält an Plänen für die Unterkunft fest

Der Protest der Loogestraßen-Anwohner, eigentlich eine Bezirksangelegenheit, hat mittlerweile die Bürgerschaft erreicht. „Ich finde die Proteste in Eppendorf sehr unsolidarisch“, sagt etwa Anjes Tjarks, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Alle Stadtteile müssten ihren Beitrag zur Unterbringung von Flüchtlingen leisten. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, aber auch der Integration.“ Bei einer Unterkunft mit 104 Plätzen in einem Stadtteil wie Eppendorf seien die Chancen dafür sehr gut.

Für Andreas Dressel, Chef der SPD-Bürgerschaftsfraktion, ist klar: „Nach dem Prinzip der Stadtteilgerechtigkeit werden wir an den Planungen für die Loogestraße festhalten.“ Daran würden auch der geschmacklose Protest und die vorgeschobenen Argumente der Anwohner nichts ändern.

Ein besonderes Angebot machte der Harburger Bezirksamtsleiter Thomas Völsch auf Facebook. Als gebürtiger Eppendorfer finde er die Diskussion „schon bemerkenswert“. Allen Skeptikern würde er einmal einen Besuch bei den Flüchtlingen und den Ehrenamtlichen in Harburg empfehlen. „Ich bin sicher, die zeigen den Eppendorfern gerne, wie Zusammenleben gelingen kann.“