Neuer Besitzer

Junger Bäcker rettet Traditionscafé in Dulsberg

66-Jährige gibt Dulsberger Konditorei nach 44 Jahren auf. Neuer Besitzer übernimmt Backstube, Personal und Rezepte. Konditorin Gisela Gerads geht in den Ruhestand.

Hamburg. Die Rüschen-Stores und die Orchideen werden aus den Fenstern verschwinden und aus dem Gastraum die plüschigen Stühle und die goldgelben Tapeten. Am Freitag schließt die Konditorei Gerads an der Dithmarscher Straße in Dulsberg. Konditorin Gisela Gerads, die das Geschäft vor 44 Jahren gegründet hat und aus Dulsberg eigentlich nicht wegzudenken ist, geht in den Ruhestand.

Ihre Stammgäste, und von denen hat sie viele, werden sie vermissen. Doch auf die beliebten Torten und Sahnestücke, das vielfältige Mürbe- und Hefegebäck, die vielen Brot- und Brötchensorten müssen sie nicht verzichten, denn in den Laden an der Dithmarscher Straße zieht nicht eine der vielen Bäckerei-Ketten oder gar ein Back-Shop. Neuer Inhaber wird Volkan Coban, gelernter Bäcker, der mit der Übernahme den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Das Besondere: Der 26-Jährige und seine Frau Tuana, 24, werden unter ihrem eigenen Namen nicht nur das gleiche Warensortiment wie Gisela Gerads anbieten, sondern auch ihr Personal – drei Festangestellte und drei Aushilfen – übernehmen.

„Das ist mir ein großer Trost“, sagt Gisela Gerads. Die 66-Jährige, Tochter des Ahrensburger Konditors Joseph Gerads, trennt sich nicht gern vom Dulsberger Geschäft. Sie hat es 1970 an einem sonnigen Februarmorgen unter dem Namen Konditorei Paasch eröffnet. Namensgeber und Geschäftspartner war ihr damaliger Mann Gerd. Mit ihm hatte sie bereits einen kleinen Sohn, zwei Jahre später wurde Tochter Dunja geboren. Dann bekam ihr Mann eine Mehlallergie – und die junge Mutter musste fortan ohne ihn in der kleinen Konditorei arbeiten. Kurz darauf wurde die Ehe geschieden.

Mit ihrem zweiten Mann mietete sie eine Nebenfläche und eröffnete dort ein kleines Kaffeehaus. Aus der Konditorei Paasch wurde das Café Riebe. Nach der Scheidung nahm Gisela Gerads wieder ihren Mädchennamen an – und ihr Dulsberger Café trug endlich denselben Namen wie das Stammhaus ihrer Familie in Ahrensburg.

Die Kunden störte nicht, dass der Schriftzug an der Fassade wechselte – die Qualität blieb ja gleich. Zu Weihnachten gab es selbst gemachtes Marzipan und Stollen, im Sommer frische Obsttörtchen, die Croissants schmeckten wie in Frankreich, der Bienenstich war ein Dauerbrenner – und erst die Nusstorte! „Die stand 44 Jahre lang ganz oben auf der Gebäck-Hitparade“, sagt Gisela Gerads.

Auch für ihr Brot ist sie bekannt. Zwölf Brot- und 25 Brötchensorten kommen jeden Tag frisch aus dem Ofen. Christian Freitag ist seit fast zehn Jahren Stammkunde. „Hier schmeckt das Brot so, wie gutes Brot schmecken sollte“, sagt er. Traditionelle Bäckereien wie Gerads gebe es nicht mehr oft in Hamburg. „Ich bin froh, dass uns Dulsbergern das Angebot und das nette Personal erhalten bleiben.“ Freitag hofft, dass die Bäckerei auch ihren Status als „charmanter Kiez-Treffpunkt, an dem man Neuigkeiten aus dem Stadtteil erfährt“ bewahren kann.

Auch Volkan Coban will das erhalten. „Natürlich werden wir Verkaufsraum und Café optisch ein bisschen verjüngen“, sagt der Bramfelder. „Aber wir hoffen, dass wir die Stammkunden behalten und neue gewinnen können.“

Wie Gisela Gerads kennt auch Volkan Coban das Handwerk von Kindesbeinen an: Sein Vater und sein Onkel haben Bäckereien in Bramfeld. Eben weil er sich so gut auskennt, weiß der künftige Dulsberger Konditor auch, dass es sich nicht gehört, in Backstube und Verkaufsraum einen Drei-Tage-Bart zu tragen. Entsprechend unangenehm ist es ihm, dass er bei dem Treffen mit dem Abendblatt mit einem solchen fotografiert wird – er hatte nur mit einem Gespräch gerechnet. Auch seine Frau hätte er mitgebracht. „Sie ist Bäckereifachverkäuferin und wird das Team ergänzen“, sagt Volkan Coban.

Die Mitarbeiter der Café-Konditorei Gerads sind erleichtert, dass sie durch die Übernahme ihren Arbeitsplatz nicht verlieren. André Greskewitz, der in der Backstube steht, hat das schon einmal erlebt: Ihn und seinen Kollegen haben Gisela Gerads und ihr jetziger Mann Günther Lange – nein, ihren Nachnamen hat sie dieses Mal nicht wieder geändert – von der Konditorei Andersen übernommen. Die hatte vor einem Jahr Insolvenz angemeldet. Auch Bianca Asmussen freut sich, dass sie bleiben kann. „Die Arbeit macht großen Spaß. Die Kunden, die Gäste und ich, wir mögen uns.“

Nicht nur die Dulsberger sind froh, dass nach der Übernahme weiter Backwaren nach Original-Gisela-Gerads-Rezepten angeboten werden. Auch etliche Restaurants werden weiter mit Brot und Torten beliefert. Mit Roggenbrot, Holsteiner Schwarzbrot und Baguette versorgen Gisela Gerads und Günther Lange unter anderem das Hansa Theater, das Cöllns oder das Fischereihafen Restaurant von Rüdiger Kowalke. Dass das weiter klappt, ist Gisela Gerads wichtig. Und so muss Volkan Coban ihr versichern, dass er auch während der Renovierung vom 1. bis zum 19. Februar in der Backstube stehen wird – aber da bleibt ja auch alles, wie es war.