St. Pauli

Widerstand gegen Bürokomplex – Restaurant als Keimzelle

Der Flachbau an der Ecke Neuer Kamp/Budapester Straße mit dem Restaurant Maharaja.

Der Flachbau an der Ecke Neuer Kamp/Budapester Straße mit dem Restaurant Maharaja.

Foto: Roland Magunia / HA

Direkt neben der Rindermarkthalle soll das sogenannte Paulihaus entstehen. Gegner aus dem Viertel wollen das Vorhaben verhindern.

Hamburg.  Auf der Homepage stellt sich das Paulihaus als neuer Nachbar vor. Doch der geplante Bürokomplex, der hier, direkt neben der Rindermarkthalle, entstehen soll, sorgt bei einigen aus der Nachbarschaft nicht gerade für Begeisterung. Die Anwohnerinitiative „St. Pauli Code jetzt!“ fordert den Bauausschuss der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte auf, die Baugenehmigung nicht zu erteilen. Eine Petition zur Verhinderung des Projekts ist kürzlich online gegangen, mehr als 450 Menschen haben dort bisher unterzeichnet.

Es geht um eine prominente Fläche, die auch über St. Pauli hinaus die meisten Hamburger kennen dürften: den Flachbau an der Ecke Budapester Straße/ Neuer Kamp, in dem unter anderem das indische Restaurant Maharaja seinen Sitz hat. Hinter dem Projekt steht eine Baugemeinschaft aus vier Unternehmen: die Stadtentwicklungsgesellschaft STEG, Argus (Dienstleister im Bereich Stadt- und Verkehrsplanung), die Markenmacherei Pahnke und das Immobilienunternehmen Hamburg Team.

Paulihaus soll ab 2020 gebaut werden

Der Baubeginn auf dem städtischen Grundstück ist für das kommende Jahr geplant – eigentlich. Denn eine Klage der Maharaja-Geschäftsführerin Kathrin Guthmann blockiert das Verfahren. Sie wehrt sich gegen die Kündigung, die sie vor etwa einem Jahr erhalten hat. „Da ist ziemlich viel schiefgelaufen.“

Guthmann hatte bis 2015 ihr Restaurant um die Ecke, musste dort aber wegen eines Neubaus räumen. Sie sei froh gewesen, die Fläche an der Rindermarkthalle bekommen zu haben. Aber: „Ich habe mich dort teuer einkaufen müssen. Insgesamt habe ich etwa 500.000 Euro investiert.“ Was sie besonders ärgert: „Als ich den Vertrag unterschrieben habe, gab es die Pläne für den Neubau schon, nicht im Detail, aber im Grundsatz. Hätte ich das gewusst, hätte ich natürlich niemals unterschrieben.“

Alibi-Angebot für das Maharaja?

Wie die anderen Mieter auf den Gewerbeflächen im Gebäude – eine Autowerkstatt und ein Tonstudio – hat auch Guthmann das Angebot bekommen, im neuen Paulihaus wieder zu den Mietern zu gehören. „Aber das Angebot war im Grunde keins. Die Restaurant- und Lagerflächen würden zusammen nur ein Viertel der jetzigen Fläche betragen. Zudem müsste ich erst wieder etwa 500.000 Euro investieren, bis sie betriebsbereit sein würden. Und das Wichtigste: Wo sollte ich in der Zwischenzeit hin?“, sagt sie. Auch dazu sei ihr kein Angebot gemacht worden.

Die Baugemeinschaft sieht das etwas anders: „Wir haben Frau Guthmann eine Gastraumfläche von circa 230 Quadratmetern angeboten. Das ist rund ein Fünftel weniger, als sie derzeit hat. Lagerflächen in demselben Umfang konnten wir ihr zum damaligen Stand leider nicht anbieten. Die Suche nach entsprechenden Lösungen war noch im Gange, als Frau Guthmann die Gespräche mit uns abbrach“, sagt Sprecherin Regine Jorzick.

Daten zum Stadtteil St. Pauli (Stand 31.12.2018):

  • Mit 22.436 Einwohnern liegt St. Pauli auf Platz 35 der insgesamt 103 Hamburger Stadtteile
  • Der Stadtteil St. Pauli erstreckt sich über eine Fläche von 2,2 Quadratkilometern
  • Der Ausländeranteil beträgt 21,3 Prozent (Hamburger Durchschnitt: 17,3 Prozent)
  • Auf St. Pauli gibt es 1283 Wohngebäude mit insgesamt 12507 Wohnungen
  • 13,2 Prozent sind Sozialwohnungen
  • Mit 69,3 Prozent liegt der Anteil der Einpersonenhaushalte über dem Hamburger Durchschnitt (54,5 Prozent)
  • Der durchschnittliche Grundstückspreis beträgt auf St. Pauli 1488 Euro pro Quadratmeter
  • Der durchschnittliche Preis für Eigentumswohnungen beträgt 5808 Euro pro Quadratmeter
  • Die durchschnittliche Wohnungsgröße auf St. Pauli beträgt 64,3 Quadratmeter
  • Die Arbeitslosenquote auf St. Pauli liegt bei 6,8 Prozent

Stadtplaner spielt auf Gemauschel in St. Pauli an

Das Maharaja ist so etwas wie die Keimzelle des Widerstandes geworden. Jeden Dienstagabend treffen sich die Gegner des Projekts dort, um sich zu beratschlagen und um über den neuen Stand zu informieren. Einer von ihnen ist Mario Bloem. Der 57-Jährige ist selbst Stadtplaner und auch Mitglied der Feldbunker-Initiative, die die Aufstockung des Bunkers ablehnt. Auf der Infoveranstaltung mit dem Titel „Kieztrojaner oder netter Nachbar?“ hat Bloem seinen Standpunkt zum Paulihaus erläutert. „Aus städtebaulicher Sicht gibt es keinen Grund, hier etwas Neues aus dem Boden zu stampfen“, sagt er.

Hätte ich von dem Projekt gewusst, hätte ich den Vertrag niemals unterschrieben.

Kathrin Guthmann, Geschäftsführerin Maharaja

Aber viel wichtiger sei der Punkt, dass viele Bauanträge auf St. Pauli hinter verschlossenen Türen verhandelt werden würden. „Der Stadtteil wird in die Planungen nicht mit einbezogen. Wir halten es für wichtig, dass alle Bauanträge online gestellt werden und dass die Kommission für Bodenordnung öffentlich tagt.“

Weiter kritisiert er, dass der Antrag des Unternehmens Pahnke auf Anerkennung als Wirtschaftsförderungsfall genehmigt wurde. „Es war die Rede davon, dass Pahnke zur Arbeitsplatzsicherung größere Räumlichkeiten braucht und andernfalls nach Berlin gehen würde. Aber wenn wir eines nicht haben in Hamburg, dann ist es ein Mangel an Büros“, sagt er.

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Sprecherin: Paulihaus ist nicht "renditegetrieben"

Zu der Kritik sagt Sprecherin Regine Jorzick: „Das Paulihaus ist kein renditegetriebenes Investorenprojekt. Wir wollen die Räumlichkeiten selbst und auch Flächensynergien für die Zusammenarbeit nutzen.“ Gleichzeitig sei es immer Ziel gewesen, die bestehenden Nutzungen wieder im Erdgeschoss anzusiedeln. „Die Flächen, die darüber hinaus im Erdgeschoss entstehen, sollen stadtteilaffine Nutzungen aufnehmen.“ Jorzick verweist darauf, dass man mit einem Infostand in der Rindermarkthalle vor Ort gewesen sei.

Weiter habe es eine Onlinebefragung gegeben, bei der man Vorschläge einreichen konnte. „Mehr Beteiligung ist in diesem Fall nicht möglich, weil die Nutzung des Gebäudes durch das Projekt Baugruppe eben schon vorab – zumindest in den oberen Etagen – feststand.“ Grundsätzlich sei über das Bauvorhaben frühzeitig informiert worden.