Sexuelle Übergriffe

Die beachtlichen Erfolge der SoKo „Silvester“

Steffen Hitschke ist der Leiter der Sonderkommission „Silvester“

Steffen Hitschke ist der Leiter der Sonderkommission „Silvester“

Foto: Klaus Bodig

Trotz schwieriger Beweislage sitzen sieben Verdächtige in Untersuchungshaft. Ein Fotograf lieferte Bilder der Großen Freiheit.

St. Pauli.  Wenn Steffen Hitschke einen Preis verleihen könnte, würde der wahrscheinlich an einen Fotografen gehen, nämlich an den, der in der Silvesternacht um kurz nach Mitternacht im zweiten Stock eines Clubs auf der Großen Freiheit stand und alle paar Sekunden auf den Auslöser drückte. Die so entstandenen Übersichtsaufnahmen sind das wichtigste Beweismittel, das die Ermittlungsgruppe „Silvester“, deren Leiter Hitschke, ist, hat. Der Dienststellenleiter des LKA 42 (Sexualstraftaten) und die 24 zu der Ermittlungsgruppe gehörenden Mitarbeiter versuchen, Tatverdächtige zu ermitteln, die in den ersten Minuten des 1. Januars Frauen auf dem Kiez sexuell genötigt haben. Zu der eigens eingesetzten Gruppe gehören unter anderem Experten für Sexualdelikte und den Bereich St. Pauli sowie eine Islamwissenschaftlerin.

Zu Beginn waren die meisten Beamten vor alllem eines: pessimistisch

Sieben Tatverdächtige sitzen inzwischen in Untersuchungshaft, ein achter wurde mittlerweile wieder entlassen. Ein Erfolg, mit dem anfangs niemand gerechnet hatte. „Ich muss sagen, dass sich die Ermittlungsansätze zunächst schwierig gestalteten“, sagt der 43-Jährige. Denn es sah nicht gut aus: „Das Schwierige ist, dass es viele subjektive Aussagen gibt, aber äußerst wenige objektive Beweismittel. Diese gezielt für die Täterermittlung zu nutzen, war die große Herausforderung.“

Äußerst wenige heißt in diesem Fall keine, abgesehen von einigen verwackelten Handyaufnahmen von Türstehern. Bis zu dem Moment, als sich der Fotograf meldete und seine Bilder von der Menschenmenge zur Verfügung stellte. Seitdem haben sich Hitschkes Mitarbeiter die Fotos akribisch immer wieder vorgenommen und jedes mögliche Detail, wie Schals oder auffälligen Schmuck, ausfindig gemacht.

243 Anzeigen sind inzwischen bei der Polizei eingegangen, von 403 Geschädigten, zuletzt kamen keine neuen mehr hinzu. Die Ermittler haben alle Opfer vernommen und ihnen die Bilder vorgelegt, sind dafür teilweise durch ganz Deutschland gereist. „Wir haben immer wieder die Fragen gestellt: Können Sie sich selbst erkennen? Können Sie die Täter erkennen? Können Sie sagen, was diese genau gemacht haben? Konkrete, auch kleinste Indizien herauszuarbeiten, ist für die Ermittler von zentraler Wichtigkeit.“

Täter haben die Opfer von ihren Partnern getrennt

Wie sehr die Taten die Opfer teilweise mitgenommen haben, das merkten die Ermittler bei den schwierigen Vernehmungen. „Zum Teil sind die Frauen traumatisiert und haben gezittert, wenn sie sich die Fotos angesehen haben“, sagt Hitschke. „Aus den Aufnahmen konnten wir erkennen, dass die Angriffe in der Regel gezielt erfolgt sind. Die Täter haben die Opfer von Freunden und Partnern separiert.“ Mehrere Gruppen von jeweils acht bis zehn Männern hätten die Frauen umringt, sodass zumindest von Dutzenden Tätern auszugehen sei, auch wenn man eine genaue Zahl abschließend nicht feststellen könne.

Erkannten die Opfer auf den Bildern Männer als Täter wieder, gingen die Fotoausschnitte nach einer richterlichen Entscheidung an die Öffentlichkeit, sofern die Ermittler die Gezeigten nicht auf andere Weise identifizieren konnten.

Neben den von Hitschkes Mitarbeitern gefundenen Männern befindet sich ein weiterer Tatverdächtiger in Untersuchungshaft, der in der Silvesternacht offenbar eine Frau von der Großen Freiheit bis zum Spannskamp in Stellingen verfolgt und sie dort missbraucht hatte. Zu dieser Tat lieferte die Ermittlungsgruppe Silvester den entscheidenden Hinweis an die ermittelnden Kollegen. Eine Mitarbeiterin Hitschkes hatte einen der Täter anhand seiner Kleidung auf Aufnahmen einer Überwachungskamera wiedererkannt, weil er zuvor auf dem Kiez bereits in Gewahrsam genommen worden war. Auch diese Bilder hatten die Ermittler eingehend studiert.

„Eine Sisyphosarbeit“, wie Hitschke sagt. Teilweise erkannten die geschädigten Frauen auf den Übersichtsbildern Kleidungsstücke, die die Ermittler später bei Durchsuchungen bei den Beschuldigten wiederentdeckten und als Beweismittel mitnahmen. Auf die Spur eines am Donnerstag dieser Woche festgenommenen Mannes kamen die Ermittler über eine Gesichtserkennungssoftware, mit der besondere Merkmale wie Abstände zwischen den Augen erfasst und mit anderen Bildern abgeglichen werden können.

Die Ermittlungsgruppe der Polizei will nicht zuletzt präventiv arbeiten

Dass die Übergriffe überhaupt passiert sind, glaubt Hitschke, könne an einer „Mischung aus allem“ liegen: „Silvester, Party, Alkohol, Gedränge.“ Eine Erklärung ist das jedoch auch für ihn nicht: „Keiner von uns hat so etwas je zuvor erlebt.“ Die Arbeit, die die Ermittlungsgruppe und die Staatsanwaltschaft leisten, sieht Hitschke als „generalpräventiv“. Alle Festgenommenen haben in zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge gewohnt, die Ermittler waren diverse Male für Durchsuchungen in Unterkünften. „Wir wollen zeigen, dass das hier ein funktionierender Rechtsstaat ist und Straftaten nachgegangen wird“, sagt Hitschke. Ob es sich um ein einmaliges Phänomen gehandelt habe, könne er nicht sagen. „Für kommende Großveranstaltungen werden wir das Thema auf jeden Fall im Blick behalten.“