Die Stadtteilserie

Billbrook

Hier Wiesen und Sümpfe, dort Müllverbrennung: Ein Quartier der harten Kontraste.

Es war einmal ein Dorf, in dem lebten einfache Menschen, Bauern zumeist, die Landwirtschaft trieben, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Das Dorf hieß Billbrook, es gehörte zu dem größeren Dorf Billwärder, das sich damals - im 14./15. Jahrhundert - noch nicht mit "e" schrieb.

Die eingedeichten Marschflächen an der Bille waren nicht nur für Bauern, sondern auch für reiche Hamburger attraktiv. Diese errichteten dort im 17. und 18. Jahrhundert ihre Landhäuser - auch Senator Joachim Caspar Voigt war unter ihnen -, um dem Gestank der Stadt zu entfliehen.

"Totes nur. Zerstörtes, Zerfallenes, Zerborstenes, Zerwühltes, Zerkrümeltes. Totes nur. Totes. Kilometerweit, kilometerbreit Totes. Er stand in einer toten Stadt, und er schmeckte es fade und übel auf der Zunge." So beschreibt Wolfgang Borchert in seiner Erzählung "Billbrook" die gewaltigen Zerstörungen, die die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs im Stadtteil angerichtet hatten. Es ist nicht mehr viel übrig von Billbrook, als der kanadische Feldwebel Bill Brook sich in Borcherts Geschichte aufmacht, jenen Ort zu erkunden, der so heißt wie er selbst.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Statussymbole zählen hier nicht

Und heute? "Wir wohnen hier eigentlich besser als in Blankenese", sagt Doris Pacholski verschmitzt lächelnd. Seit 14 Jahren lebt sie mit ihrem Mann in einer alten weißen Gründerzeitvilla mit großem Garten am Billbrookdeich längs der Bille gleich neben dem ehemaligen Kaiserlichen Postamt. Hier ist so etwas wie die grüne Lunge von Billbrook. Gleichwohl mag Doris Pacholskis Aussage erst einmal überraschen angesichts des überwiegend gewerblich und industriell genutzten gut sechs Quadratkilometer großen Stadtteils.

Doch sie zielt auf anderes: auf das viele Wasser, auf die Bille, auf die (meistens) gute Luft hier im Osten des Reviers. Auf das wenige, das geblieben ist von der einst ländlichen Idylle, auf die nahen Boberger Dünen, auf das dörfliche Billwerder. Und auf die Ruhe, die spätestens in den frühen Abendstunden in diesen Teil Billbrooks einzieht und die das Getöse der Großstadt vergessen lässt. "Hier gibt es keinen Kampf um Statussymbole, wir haben eine tolle Nachbarschaft."

Wenngleich eine den Billbrookdeich weiter hinauf auch nicht unproblematische Nachbarschaft. Dort in der Wohnunterkunft am Billstieg leben gut 500 Menschen, Roma und Kosovo-Albaner zumeist, zwei Drittel von ihnen sind Kinder und Jugendliche. In fünf, sechs eher unansehnlichen mehrstöckigen Wohnblöcken sind sie untergebracht. Eine Siedlung, die über Jahre hin für viele Negativschlagzeilen sorgte, ähnlich wie die einstigen Unterkünfte an der Berzeliusstraße, die vor zwölf Jahren abgerissen wurden. Da ist Blankenese dann ganz weit.


Zähes Ringen um Integration

Doris Pacholski hat fünf lange Jahre gegen diese Unterkunft gekämpft. Heute hat sie ihre Meinung geändert. Sie fragt sich, welche "politischen Trottel so viele Problemfälle in einer Straße ansiedeln konnten", und setzt sich für eine bessere ethnische Durchmischung der Siedlung ein, denn die Menschen lebten dort unter wahrlich "miesen Bedingungen".

Waltraud Grotheer ist stellvertretende Leiterin der Kita Bille-Kids an der Berzeliusstraße, im Rücken des Billbrookdeichs, dort, wo die Gewerbe- und Industriebauten schon in Sichtweite liegen. Große Speditionen sind darunter, zudem die Logistikzentren von Otto-Versand, Olympus und vom Kaffeeröster Darboven. Rund 100 Kinder werden in der Kita betreut, die allermeisten stammen aus den Roma-Familien am Billstieg. Eines der Hauptprobleme ist die sprachliche Verständigung, vor allem mit den Eltern sei es schwierig, räumt Waltraud Grotheer ein. Seit vier Jahren arbeitet sie hier mit 15 Kolleginnen und Kollegen, pädagogische und hauswirtschaftliche Kräfte inbegriffen. "Es ist hier etwas anders als anderswo", sagt sie. Den vielen Eltern, die nicht lesen und nicht schreiben können, wird geholfen, Anträge für Ämter auszufüllen. Die Sprachförderung der Kinder steht im Mittelpunkt der Kita-Arbeit. Im täglichen Miteinander lernen die Kinder schnell. Nicht alle Kinder kommen regelmäßig in die Kita. Manchen Familien sei es wichtig, sich zu integrieren und den Kindern Bildung mit auf ihren Weg zu geben, sagt Grotheer, anderen leider nicht. Was die Arbeit der Erzieher und Sprachlehrer umso wichtiger macht. Dann sagt Waltraud Grotheer diesen Satz: "Was wir hier machen, vermittelt den Familien ja auch ein erstes Bild von Deutschland." Ein positives, versteht sich.

Kinder im Fokus

Darum ist auch Helga Awad bemüht, die den Schulkinderklub am Billbrookdeich leitet, gleich neben der angrenzenden Schule. 75 Kinder werden hier betreut, zwei Drittel von ihnen kommen aus der Wohnunterkunft, die anderen aus Billstedt, Hamm oder Horn. Drei deutsche Kinder sind zurzeit darunter.

Der Klub hat das ganze Jahr über geöffnet, es wird gemeinsam gekocht, Fußball gespielt, mit dem Kanu auf der Bille gefahren - ein "gesamtheitliches Betreuungsangebot", nennt Helga Awad das Klubangebot. "Diese Kinder sind offen für alles, sie genießen jede Zuwendung, die sie bekommen." Wieder so ein grundsätzlicher Satz.

Kein Bäcker, kein Supermarkt, kein Arzt

Billbrook ist ein Stadtteil der harten Kontraste. Das Heizkraftwerk Tiefstack, die Müllverbrennungsanlage an der Borsigstraße auf der einen Seite, die Wiesen und Sumpfgebiete an der Bille auf der anderen, die fünf Kanäle, die einst das Land trockenlegten. Kein Bäcker, kein Supermarkt (außer dem italienischen Großhändler Andronaco an der Halskestraße), kein Arzt, kein Restaurant (lediglich im Vier-Sterne-Hotel Böttcherhof gibt es zwei - doch wer kann sich das schon leisten, dort zu essen?). Imbisse? Ja, das schon.

Die Wohnunterkünfte, die Bao-Quang-Pagode, ein vietnamesisch-buddhistisches Kulturzentrum am Billbrookdeich, errichtet in einer einstigen Lagerhalle, mit Pagodendach gekrönt. Billbrooker Facetten, widersprüchlich. So ist es, das Leben in Billbrook.

Und mittendrin hat Doris Pacholski einen Traum. "In Billbrook gibt es eine Menge Potenzial", sagt sie. Zum Beispiel die freien Flächen bei den Bille-Kids. Dort, so hofft sie, könnten einmal Wohnungen gebaut werden, bezahlbare für junge Familien, keine Wohnunterkünfte. Dafür setzt sich Pacholski im Gebietsausschuss des Stadtteils ein. "Wir sind hier eine kleine Gemeinschaft", sagt Doris Pacholski. Und diese Gemeinschaft soll größer werden. Damit aus dem "Es war einmal" ein "Einst wird es sein" wird.

+++ Der Stadtteil-Pate: Volker Albers +++

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In der nächsten Folge am 25.8.: Poppenbüttel