Hamburg

Wieder Corona-Partys auf dem Kiez – was tun?

Bereitschaftspolizei sichert am Sonnabend eine Straßenseite des Schulterblattes ab, während auf der anderen Straßenseite gefeiert wird.

Bereitschaftspolizei sichert am Sonnabend eine Straßenseite des Schulterblattes ab, während auf der anderen Straßenseite gefeiert wird.

Foto: Jonas Walzberg / dpa

Die Polizei musste den Zugang zur Großen Freiheit regeln. Am Dienstag will der Senat über Alkoholverbote in Szenevierteln entscheiden.

Hamburg. Trotz Corona wächst die sommerliche Feierlust auch in Hamburg weiter – und die Regeln zur Eindämmung der Pandemie werden immer häufiger ignoriert. Das hat auch das vergangene Wochenende gezeigt. Wegen des Andrangs vorwiegend junger Menschen musste die Große Freiheit gleich mehrfach abgesperrt werden. Im Schanzenviertel wurden Außer-Haus-Verkaufsverbote für Alkohol ausgesprochen.

„Auf St. Pauli war es wieder zu voll, es waren zu viele Menschen auf einem Haufen“, sagte Falko Droßmann, Leiter des Bezirksamtes Mitte, dem Abendblatt. Bei umfassenden Kontrollen durch Gesundheitsamt und Polizei seien bereits am Freitagabend viele Verstöße gegen Hygiene- und Abstandsregeln festgestellt worden. „Zahlreiche Lokale waren überfüllt“, so Droßmann. „An einem Kiosk auf dem Kiez herrschte solch ein Andrang, dass die Polizei dem Betreiber ein Alkoholverkaufsverbot auferlegt hat.“ Es seien bei den Kontrollen zahlreiche Verstöße festgestellt worden.

Am Montag will sich Droßmann umfassend über die Ergebnisse unterrichten lassen. „Wenn der Senat am Dienstag beschließt, dass die Bezirke per Allgemeinverfügung ein solches Alkoholverkaufsverbot aussprechen dürfen, würde ich das sehr begrüßen“, sagte der Bezirksamtsleiter. „Nur so können wir verhindern, dass sich rund um die Kioske auf St. Pauli weiterhin Menschenmassen zum Feiern im öffentlichen Raum treffen und gegen die Abstands­regelungen verstoßen.“

Corona-Partys: Droßmann für früheres Alkoholverbot

Für das Alkoholverkaufsverbot, das für den Außer-Haus-Verkauf gelten würde, hat Droßmann ein großes Gebiet im Auge. „Die Reeperbahn und die umliegenden Straßen würden wir einbeziehen. Wir können das Alkoholverkaufsverbot zügig umsetzen. Es könnte zum Beispiel für die Wochenenden gelten. Wir werden unser Vorgehen mit den Bezirken Altona und Eimsbüttel abstimmen.“

Droßmann plädiert dafür, das Alkoholverbot möglicherweise nicht erst ab 22 Uhr einzuführen. „Wir haben noch keine Uhrzeit festgelegt, aber es kann auch schon früher am Abend gelten“, so Droßmann. „Denn um 22 Uhr haben sich die Leute schon mit Alkohol eingedeckt, und dann bringt das Verbot wenig.“

Nach Abendblatt-Informationen haben die Kontrollen auf dem Kiez gezeigt, dass sich kaum noch ein Lokal an die Corona-Vorgaben hält. Bei einer Kontrolle besuchten Polizei und Gesundheitsamts 26 Etablissements auf St. Pauli: zwölf Clubs, acht Gaststätten, vier Kioske, ein Restaurant und ein Sex-Kino. Nur in einem Fall gab es keine Beanstandungen.

Viele Verstöße gegen Corona-Auflagen

Oftmals trugen weder Gäste noch Mitarbeiter Masken, die Kontaktlisten wurden nicht ordentlich geführt, es fehlten Piktogramme oder Desinfektionsmittel. In drei Clubs wurden Sofortmaßnahmen angeordnet, da die Gruppen nicht erkennbar waren, die Lokale überfüllt waren und keine Masken getragen wurden. Bei einer Gaststätte wurde nach Abendblatt-Informationen ein Alkoholverkaufsverbot ausgesprochen.

In der Sozial- und Gesundheitsbehörde wurden die Geschehnisse des Wochenendes sehr genau beobachtet. Man werde die Erkenntnisse am Montag auswerten und dann im Senat am Dienstag über das weitere Vorgehen beraten und beschließen, sagte Behördensprecher Martin Helfrich dem Abendblatt.

Dabei werde der Senat wohl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die auch von Bezirksamtsleiter Droßmann erhoffte Allgemeinverfügung beschließen, die es ermöglicht, für bestimmte Gebiete ein Alkoholverkaufsverbot auszusprechen.

Coronavirus – die Bilder der Krise:

Dass es bei allen Beanstandungen an diesem Wochenende nicht ganz so wild zuging wie eine Woche zuvor, schiebt die Polizei auf das etwas schlechtere Wetter. „Es war ruhiger, als viele erwartet haben“, sagt Thomas Jungfer, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Die Leute zeigen noch Verständnis, und auch das Wetter hat uns diesmal in die Hände gespielt. Der Sommer ist aber noch längst nicht vorbei. Gerade wenn die Zahlen mit den Urlaubsrückkehrern wieder steigen, wird die Brisanz zunehmen.“

Platz in der City, Enge auf dem Kiez

Unproblematisch war die Lage auch diesmal nicht. „Wir mussten den Zulauf in die Große Freiheit mehrfach sperren“, sagte Polizeisprecherin Eva Theodoridou. „Es gab auch Lautsprecherdurch­sagen.“ Ansonsten habe man am Sonnabend „viele Gespräche“ geführt, bei denen auf die Regeln hingewiesen wurde.

Die sind nicht immer leicht einzuhalten. Während sich das Publikum am Jungfernstieg entspannt auf den Sitzgelegenheiten positioniert hatte und bei 18 Grad den Einstieg in eine laue Sommernacht genoss, während der Fahrer eines schwarzen Lamborghini ausdauernd seine Runden um die Binnenalster drehte, waren auf dem Kiez und in der Schanze Abstandsregeln punktuell nur schlecht einzuhalten. Denn dort, wo auf der Reeperbahn Reklameschilder „Wodka-Bomben“ versprach, wurde es eng, wenn sich Kiezbummler an dem cornernden Publikum vorbeischoben. Auch in der Schanze wurde es immer wieder sehr eng.

Flaschenwürfe am Neuen Pferdemarkt

„Wir haben sogar die Erfahrung gemacht, dass auf dem Kiez in einem Club per Funk vor der Polizei gewarnt wird, damit man sich bei einer Kontrolle der Verordnung gemäß verhalten kann“, sagte ein Beamter. Am Freitag waren Polizisten am Neuen Kamp mit Flaschen beworfen worden. Es gab zwei Ingewahrsamnahmen.

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„Man muss leider davon ausgehen, dass gerade in den Bereichen, in denen am Wochenende traditionell viele Leute zusammenkommen, um zu feiern, immer weniger Verständnis für die doch nötigen Auflagen gezeigt wird“, sagt Jungfer. „Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist, wird die Situation noch schwieriger, und sie kann leicht eskalieren. Ich befürchte, dass in den kommenden Wochen einiges auf dem Rücken der Kollegen ausgetragen wird.“